Zustandsstörer sind sie also. Als Zustandsstörer bezeichnet das Gesetz Personen, die bewusst die öffentliche Sicherheit und Ordnung stören. Dabei können die zehn Eigentümer von landwirtschaftlichen Grundstücken zwischen Unterbrunn und Rattelsdorf (Landkreis Bamberg) doch gar nichts dafür, dass auf ihren Äckern Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg liegen. Und doch sollen sie laut einem Bescheid der Gemeinde Rattelsdorf die Kosten für weitere Untersuchungen und am Ende wohl auch die Räumung der Munitionsreste bezahlen. Dagegen setzen sich die Landwirte nun als Interessengemeinschaft juristisch zur Wehr.
Es geht um einen Haufen Geld: Knapp 2000 Euro pro Hektar setzt ein Spezialunternehmen für weitere Sondierungen an. Das sind bei gut 20 Hektar, die in Frage kommen, schon einmal 40 000 Euro. Und geborgen ist dann noch kein einziges Munitionsteil. Theoretisch könnte jeder Eigentümer bis zum Verkaufswert seines Grundstückes an den Bergungskosten beteiligt werden. Nimmt man die Preise, die jüngst von der Bahn für vergleichbare Ackerflächen rund um Zapfendorf bezahlt wurden, könnte es um bis zu 800 000 Euro gehen.


Jetzt wird's gefährlich

Dabei fing alles ganz harmlos an: Im Sommer flatterte den Grundstückseigentümern ein Schreiben ins Haus, in dem erste Bodenuntersuchungen angekündigt wurden - mit dem ausdrücklichen Zusatz, dass weder für die Untersuchungen noch für spätere Sanierungen Kosten anfallen. "Das stimmt", erklärt Steffen Nickel, Jurist am Bamberger Landratsamt und erklärt die "rechtlich schwierige" Ausgangslage. Bei den ersten Untersuchungen sei es um Belange des Umwelt- und Wasserschutzes gegangen. In solchen Fällen gebe es die klare Zusage des Freistaates Bayern, die Kosten zu übernehmen. Weil aber bei den Sanierungen im Sommer scharfe Munition gefunden wurde, war - wie es so schön heißt - "Gefahr im Verzug". Und bei "Gefahr im Verzug" greift das Ordnungsrecht - und im Ordnungsrecht steht, dass die Grundstückseigentümer haften. Sofort wurde von der Gemeinde ein Betretungsverbot erlassen.




Wenn er hört, dass von den Munitionsresten eine akute Gefahr ausgehen soll, schüttelt Heinrich Böhmer entschieden den Kopf. "Seit 70, 80 Jahren sind die Bauern auf den Flächen unterwegs und nie ist etwas passiert", sagt der Unterbrunner dann. "Gefahr ist an den Haaren herbei gezogen", schimpft Christian Weyer, ebenfalls aus Unterbrunn.


Anwalt Baumann schimpft

Was den Ärger der Grundstückseigentümer und Pächter (alle stammen aus Ebensfelder Gemeindegebiet) noch steigert, ist die Tatsache, dass sie sich die betroffenen Flächen nicht gerade freiwillig ausgesucht haben. Jürgen Finkel, der von der inzwischen gegründeten Interessengemeinschaft zum Sprecher gewählt wurde, hat alte Unterlagen mitgebracht. Die belegen: Mitte der 70-er Jahre fand rund um Unterbrunn eine Flurbereinigung statt, bei der die Grundstücke den Unterbrunnern zugeteilt wurden. "Wir haben sie als bestes Ackerland bekommen und jetzt sollen wir die Deppen sein", schimpft Finkel.

Klar, dass sich die Interessengemeinschaft einen Anwalt genommen hat: Der heißt Wolfgang Baumann, kommt aus Würzburg und gilt als der Fachmann in Süddeutschland, was Rechtsstreitigkeiten rund um Kampfmittelbergungen angeht. Über den Bescheid der Gemeinde Rattelsdorf fällt der erfahrene Jurist ein vernichtendes Urteil: "Er scheint mir ein Versuch zu sein, vermeintlich dumme Bauern übers Ohr zu hauen." Alleine schon deshalb, weil den Unterbrunnern im Oktober/November die völlig veränderte Rechtslage bei einer Zusammenkunft nur kurz erläutert und dann kaum Zeit zum Überlegen gegeben wurde. Warum der neue Bescheid von der Gemeinde Rattelsdorf erlassen wurde, erklärt Landkreis-Jurist Steffen Nickel: Bei der Abwehr akuter Gefahren müsse die nächstgelegene Behörde eingreifen - und das sei eben die Gemeinde.


Wie groß ist die Gefahr?

Nichtsdestotrotz: Auch im Landratsamt sieht man den Berg von (finanziellen) Problemen, vor dem die Unterbrunner stehen. "Es ist schon ein ganz spezieller Fall", sagt Nickel und versichert, dass schon Gespräche laufen. Die Landratsämter Bamberg und Lichtenfels sowie das bayerischen Innenministerium seien im Kontakt, "um eine Regelung zu finden". Das bestätigt auf Nachfrage auch Stefan Frey von der Pressestelle des Ministeriums. Er verweist aber auch auf die juristische Ausgangslage: "Hier geht es um die Abwehr unmittelbarer konkreter Gefahren für Leib und Leben durch sprengkräftige Kampfmittel auf betroffenen Flächen." Und da sei eben der Eigentümer als Zustandsstörer für sein Grundstück verantwortlich.
Ob und wie sprengfähig die auf Rattelsdorfer Gemarkung gefundenen Munitionsteile sind - darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Dietmar Schnapp war viele Jahre bei der Bundeswehr und er kann es sich überhaupt nicht vorstellen, dass aus der Breitengüßbacher "Muna" scharfe Waffen auf die Äcker an der Landkreisgrenze gefahren wurden: "Zünder und Munition werden getrennt gelagert. Das ist heute so - und das war auch schon im Zweiten Weltkrieg so." Dennoch stuften die Kampfmittelräumer bei ihren Untersuchungen im Sommer mehrere Funde als so gefährlich ein, dass sie diese noch vor Ort sprengten. Robert Prell war da sogar dabei und sagt über das Ausmaß der Explosionen nur schulterzuckend: "Naja..."


Verwaltungsgericht: Zeitplan offen

Unabhängig von laufenden Gesprächen im Hintergrund liegt der Fall erst einmal bei der Justiz: Die Landwirte haben einen Antrag auf aufschiebende Wirkung beim Bayreuther Verwaltungsgericht gestellt. Hätten sie das nicht getan, wären sie auf jeden Fall auf sämtlichen nun kommenden Kosten sitzen geblieben. Jetzt liegen alle Aktivitäten auf den Äckern erst einmal auf Eis. Wie lange noch, kann Dietmar Lang noch nicht sagen. Die Unterlagen - alleine der Antrag der Landwirte umfasst zehn Seiten - seien angekommen, man prüfe den Sachverhalt, sagt der Richter. Dass die Landwirte finanziell auf die Bewirtschaftung ihrer Flächen angewiesen sind, sei dem Gericht dabei klar, versichert Lang: "Wir werden nicht bis ins Frühjahr hinein brauchen."


Was Munitionsfunde bewirken können

Vorgeschichte: Die Staatliche Erfassungsgesellschaft für öffentliches Gut (StEG) entsorgte nach Ende des Zweites Weltkriegs Munition aus einem Lager in Breitengüßbach auf landwirtschaftlichen Flächen zwischen Unterbrunn und Rattelsdorf. "Entsorgen" hieß damals: Die Munitionsteile wurden auf einen Haufen geworfen und gesprengt. Die StEG wurde 1947 aufgelöst, der Freistaat Bayern erklärte sich aber bereit, als freiwillige Leistung die Kosten für die Beseitigung solcher Altlasten zu übernehmen.

Vergleichsfälle: Munitionsfunde, Landwirte, Flurbereinigung - all das gab es schon einmal: Vor sechs Jahren in Giebelstadt. Damals erkannte der Freistaat Bayern einen Härtefall und übernahm die Kosten der Munitionsräumung. Im Sommer 2014 wurde unter der "Eselsbrücke" über die Itz bei Meschenbach (Untersiemau) Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Glück für die Gemeinde: Weil die Itz als Gewässer erster Ordnung eingestuft ist, musste der Freistaat Bayern die Kosten für die Munitionsräumung tragen.

Kritik: "Völlig unsachgemäß", kritisiert Daniel Spaderna, seien aus landwirtschaftlicher Sicht die ersten Untersuchungen im Sommer gelaufen. So seien bei Baggerarbeiten verschiedene Bodenschichten durchmischt und die Löcher einfach wieder zugeschüttet worden. "Bei jedem Einfamilienhäuschen würde es da Ärger auf der Baustelle geben", klagt Spaderna.