Wer zu Knut Gramß will, kommt an Melchior Franck einfach nicht vorbei. Denn das Namensschild, das neben der Eingangstür seines Wohnhauses am Ortsrand von Heldritt hängt, ist eine Hommage an den einstigen Kapellmeister von Herzog Johann Casimir. Kunstvoll verbunden ist das Siegel Francks mit dem Namen seines Interpreten. Der letzte Buchstabe des Namens freilich ist verwandelt in einen Notenschlüssel.

Am Anfang stand ein Zufall

Knut Gramß und Melchior Franck - das ist die Geschichte einer 50-jährigen künstlerischen Verbindung, die weit über Coburg hinaus Spuren hinterlassen hat. Lange war das Schaffen Melchior Francks in Vergessenheit geraten. Als Franck 1639 vereinsamt und verelendet in Coburg starb, war sein ehemaliger Dienstherr Herzog Johann Casimir schon sechs Jahre tot und die Hofkapelle aufgelöst.
"Alles, was Herzog Casimir aufgebaut hatte an kulturellem Leben, war weggefegt", sagt Knut Gramß. Melchior Francks Frau und seine beiden Kinder waren damals ebenfalls schon gestorben - und als das Wohnhaus des Komponisten abgerissen wurde, verschwanden Reste des Nachlasses unwiderruflich.

Dass Melchior Franck inzwischen aber als wichtiger Komponist an der Wende von der Renaissance zum Frühbarock wieder präsent ist, dass viele seiner Werke wieder im Druck vorliegen, dass seine Musik gehört wird, ist in ganz wesentlichen Teilen Knut Gramß und dem von ihm gegründeten Melchior-Franck-Kreis zu danken.
Begonnen hat diese Geschichte einer erfolgreichen Wiederentdeckung eigentlich mit einem Zufall, erinnert sich Knut Gramß. In der Landesbibliothek Coburg begegnete der damals 27-jährige Knut Gramß einem ehemaligen Mitglied der Bamberger Symphoniker: Franz Peters-Marquardt, der auf der Suche nach Interpreten war für ein Jubiläumskonzert zum 325. Todestag von Melchior Franck.

Der junge Knut Gramß, der damals in einem kleinen Musizierkreis mitwirkte, sagte mit frischem Elan zu, auch wenn er sich postwendend von seinem Vater die Frage anhören musste: "Könnt ihr das denn?" Das erste Konzert des Melchior-Franck-Kreises wurde zur Initialzündung für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Schaffen des Komponisten auf vielen Ebenen.

Damals allerdings hatte der junge Melchior-Franck-Enthusiast noch keine rechte Vorstellung davon, wie viel Arbeit in den folgenden fünf Jahrzehnten auf ihn warten sollte. Das Beschaffen von geeignetem Aufführungsmaterial war ebenso wichtig wie die Suche nach den passenden Instrumenten.

Von lustig bis tief traurig

In unermüdlicher Arbeit hat Knut Gramß das Werk des "Capellnmeisters zu Coburg" erforscht und aus dem Dunkel der Archive geholt. Handschriftlich ist wenig überliefert von Melchior Franck, doch historische Drucke seiner Werke finden sich in vielen Bibliotheken in aller Welt. Das Problem freilich beginnt damit, dass die Einzelstimmen bei gar manchen dieser Werke auf verschiedene Sammlungen verteilt sind. Denn Partituren, in denen - wie heute üblich - sämtliche Stimmen einer Komposition verzeichnet sind, gab es zu Melchior Francks Zeiten nicht. Stattdessen existierten Stimmbücher für die einzelnen Mitglieder der Kapelle.

Mit Akribie und nimmermüder Beharrlichkeit hat Knut Gramß bei vielen Werken Stimme für Stimme zusammen getragen, zu einer Partitur gebündelt und eine ganze Reihe davon bei namhaften Musikverlagen neu herausgegeben und damit den Interpreten zur Verfügung gestellt.

Wenn Knut Gramß heute, ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Konzert seines Ensembles, über den Komponisten spricht, ist seine Begeisterung ungebrochen für einen Künstler, der in schwierigen Zeiten ein ebenso umfangreiches wie vielgestaltiges Gesamtwerk geschaffen hat. Seinen Einsatz für Casimirs getreuen Kapellmeister hat Gramß bis heute nie bereut: "Melchior Franck hat uns beschenkt bei jedem Konzert."

Was Gramß besonders beeindruckt: "Franck hat es uns leicht gemacht, abwechslungsreiche Programme aufzustellen. Denn Melchior Franck ist ein Komponist, dem nichts Menschliches fremd war." Er habe Lustigstes ebenso komponiert wie schmerzlichste Musik von intensivstem Ausdruck. Bei alledem sei es ihm gelungen, einen ganz eigenen Tonfall zu finden - neben den auch heute noch bekannten großen Namen wie Schütz, Haßler oder Lechner.

Umfangreiches Archiv

Diese Faszinationskraft seines Schaffens hat den Melchior-Franck-Kreis inzwischen über fünf durchaus wechselvolle Jahrzehnte getragen. Knut Gramß und seine Frau Heidi sind die einzigen Gründungsmitglieder, die immer noch aktiv dabei sind.

Ungebrochen ist die Begeisterung von Knut Gramß für den Komponisten. Noch immer werden neue Programme mit großem Aufwand erarbeitet. Rund ein Dutzend Gesamtproben gibt es jedes Jahr, dazu eine Vielzahl von Proben für die Sänger und einzelne Instrumentengruppen. Der logistische Aufwand ist beträchtlich. Sogar aus Regensburg kommt eine Musikerin regelmäßig zu Proben wie zu den Konzerten. Zwischen 400 und 500 Konzerten, schätzt Gramß, hat sein Ensemble inzwischen absolviert.

Dabei ist eine umfangreiche Sammlung an Franck-Musikalien entstanden. Diese Sammlung mit weit über 2000 Einzelwerken wird inzwischen digital katalogisiert und soll später der Landesbibliothek zur Verfügung gestellt werden. Ein reicher Fundus, der helfen kann, die Begeisterung für Melchior Franck in die Zukunft zu tragen.