Das International Football Association Board (IFAB) trifft sich am Samstag in Belfast (Nordirland), um über mögliche Regeländerungen abzustimmen. Mittendrin ist der oberste Fußball-Regelhüter Lukas Brud aus Bayreuth. Die fünf Vorschläge der Sportredaktion dieser Zeitung stehen in Belfast nicht auf der Tagesordnung - und Brud erklärt auch warum.

Lesen Sie auch: Dieser Franke sagt der FIFA, wo es langgeht 1. Thema Videobeweis: Warum gibt es keine Challenge wie in anderen Sportarten? Jede Mannschaft hat eine gewisse Zahl an Challenges, die sie einsetzen kann. Der Schiedsrichter überprüft dann auf Hinweis einer Mannschaft selbst auf dem Platz die Situation, die Assistenten im Kölner Keller entfallen. Dort ist dann nur noch ein Techniker im Einsatz, der die Bilder bereitstellt. Lukas Brud: Bei der Challenge gibt es nur Nachteile, deshalb haben wir das Thema gleich am Anfang ausgeschlossen. Der Video-Assistent-Referee überwacht das Spiel, er hat Zugriff auf alle Kameraperspektiven. Der VAR ist für Schiedsrichter gemacht, die ihre Fehler korrigieren können, und nicht dafür, dass Trainer Schiedsrichter-Entscheidungen infrage stellen. Der Trainer kann aus seiner Position nicht alles erkennen. Ein Techniker wüsste nicht, welche Bilder er aussuchen muss, und worauf zu achten ist. Die Zeit, die dafür draufgehen würde, wäre weitaus länger, als es aktuell beim VAR der Fall ist. Zudem: Was ist, wenn alle Challenges aufgebraucht sind und ein klares, absichtliches Handspiel - wie bei Thierry Henry gegen Irland in der WM-Qualifikation 2010 - zum Siegtor führt? Alle würden sagen: Jetzt haben wir die Möglichkeit und können dieses Hilfsmittel nicht nutzen. 2. Ein Handspiel im Strafraum darf nicht automatisch einen Elfmeter zur Folge haben. Solange kein Tor oder eine klare Torchance verhindert werden, ist auf indirekten Freistoß zu entscheiden. Brud: Das wurde bereits in ähnlicher Weise diskutiert und abgelehnt. Grund war, dass nicht festgelegt werden kann, was eine klare Torchance ist. Das Vergehen Handspiel hätte auf zu viele Arten bewertet werden können. Zudem hätte die Einführung einer solchen Regel das Verhalten der Spieler im Strafraum verändert. Zusammengefasst: Diese Regel würde nicht für Klarheit, sondern für Verwirrung sorgen. 3.Zeitspiel ist ein Problem. Doch es hätte auf den Spielausgang keinen Einfluss, wenn die Spielzeit nur läuft, wenn der Ball rollt. Warum also nicht eine Nettospielzeit von zweimal 30 Minuten einführen? Brud: Der Ansatz ist gut, es gibt jedoch ein großes Aber. Die ganze Welt - ob Bundesliga, Kreisliga oder Jugendliga - spielt nach den gleichen Regeln. Es ist alles auf zweimal 45 Minuten ausgerichtet. Die Zeit müsste von einer weiteren Person neben dem Schiedsrichter gestoppt werden. Das ist kaum auf allen Ebenen des Fußballs umsetzbar. Oft muss man froh sein, dass überhaupt ein Schiedsrichter zur Verfügung steht. 2017 haben wir tatsächlich diskutiert, ob es möglich ist, eine Nettospielzeit im Fußball einzuführen. Die Überlegung waren zweimal 30 Minuten. Das wurde dann sehr schnell ziemlich politisch, mein Telefon hat Sturm geklingelt. Ich kann es nachvollziehen: Fußball sind 90 Minuten - Punkt. 4.Viele haben ihre Leidenschaft zum Fußball auf dem Bolzplatz entdeckt. Regeln gab es dort auch - und die waren einfach und garantierten Tore. Also zurück zu den Wurzeln: Für drei Ecken gibt es einen Elfmeter. Brud: Das war keine Regel auf jedem Bolzplatz, vielleicht auf vielen in Deutschland. Aber die Regeln des offiziellen Fußballs gelten für die ganze Welt. 5.Im Nachwuchs gibt es Zeitstrafen. Ist das auch für den Profibereich denkbar? Brud: Im Jugendfußball gab es Bedarf, Verbände haben hier begründete Vorschläge eingebracht. Zeitstrafen sind bei Nachwuchsspielen eine gute Lösung. Im Profifußball sehen wir diese Tendenz nicht. Uns liegen keine Anfragen vor und auch das IFAB hält Zeitstrafen nicht für notwendig.

Videobeweis im Fußball: Kellerchaos oder mehr Gerechtigkeit?

Regeländerungen mit großem Einfluss auf das Spiel

Abseits gibt es seit den ersten offiziellen Regeln 1863 - ein Spieler stand im Abseits, wenn er sich beim Zuspiel weiter vorn befand als der Ball. Drei Jahre später wurde diese Regel modifiziert. Sie sah vor, dass ein Angreifer dann im Abseits stand, wenn er sich näher zur Torlinie befand als der Ball und der drittletzte Gegner. Seit 1925 muss sich der Angreifer nur noch nach dem vorletzten Gegner richten, seit 1990 darf er sich auch auf gleicher Höhe mit diesem befinden. Zudem gilt ab 1907: In der eigenen Hälfte kann ein Spieler nicht im Abseits stehen.

Karten gibt es seit 1970, als die Gelbe und Rote Karte eingeführt wurden. 1991 kam die Gelb-Rote Karte dazu. Auswechslungen waren erstmals 1967 erlaubt. Es durfte ein verletzter Spieler pro Mannschaft ersetzt werden. Seit 1968 durfte unabhängig von Verletzungen zweimal gewechselt werden. Seit der Saison 1995/96 ist der dritte Auswechsler fester Bestandteil des Spiels. In der Verlängerung darf seit 2018 ein vierter Spieler eingewechselt werden. Die Rückpassregel greift seit 1992. Der Torwart darf den Rückpass eines eigenen Spielers nicht mehr mit der Hand aufnehmen.

Pro-Kommentar von Jannik Reutlinger

Das Spiel ist gerechter: Die technischen Hilfsmittel machen den Fußball kaputt - ich kann diesen Satz nicht mehr hören. Nehmen wir den aktuell viel diskutierten Videoassistenten im Kölner Keller: Er macht den Fußball eindeutig fairer. Bei der Torlinientechnik hat das auch geklappt. Phantomtore - wie wir sie in der Bundesliga von Thomas Helmer und Stefan Kießling kannten - gehören der Vergangenheit an.

In den Profi-Ligen geht es um viel Geld, bei ausbleibendem Erfolg auch um Jobs - und nicht nur um die der Trainer und Spieler. Auf diesem Niveau dürfen krasse Fehlentscheidungen nicht über Meisterschaft, Teilnahme am internationalen Geschäft und Abstieg entscheiden. Es ist also völlig richtig, dass Vereine und Liga Geld investieren, um Fehler zu minimieren. Tradition hin oder her, Fußballromantik hat da keinen Platz: Der Fußball darf sich fortschreitender Technik nicht verschließen.

Klar ist beim Videobeweis die Umsetzung verbesserungswürdig. Allerdings sollten Kritiker ihre Erwartungshaltung herunterschrauben. Es muss nicht jede strittige Szene bis ins kleinste Detail analysiert werden, damit zu tausend Prozent die richtige Entscheidung steht. Das lässt das Regelwerk mit seinen Graubereichen gar nicht zu. Zudem entscheiden immer noch Menschen darüber, ob ein Treffer zählt oder nicht. Und Menschen machen eben auch Fehler. Daran ändert auch die Technik nichts. Aber das Entscheidende ist: Die technischen Hilfsmittel machen den Fußball dennoch gerechter.

Contra-Kommentar von Daniel Ruppert

Ausgaben an falscher Stelle: Fußball ist die beliebteste Sportart der Welt, weil sie einfach zu verstehen und nicht viel nötig ist, um sie zu betreiben. Auf dem Schulhof wird der Ball aus leeren Tetrapacks gebastelt, als Tore dienen Rucksäcke oder Jacken - und schon geht's los.

Im offiziellen Fußball stellt der Verein den Platz und die Bälle, die sich von der untersten bis zur höchsten Liga kaum unterscheidet. Dank Headset, Torlinientechnologie und Videobeweis wird die regeltechnische Kluft zwischen der Spitze und der Basis aber immer größer, denn die teuren Hilfsmittel können sich nur die Profis leisten. Da werden Stadien für sechsstellige Euro-Summen mit Hochgeschwindigkeitskameras ausgestattet, um ein "Wembley-Tor" zu identifizieren, das gefühlt nur alle 50 Partien vorkommt. Im Kölner Keller sitzen gut bezahlte Schiedsrichter, die ihren Kollegen auf dem Platz die Autorität nehmen. Selbst 2,5 Jahre nach Einführung des Video-Assistant-Referees in der Bundesliga ist nicht geklärt, in welchen Situationen die Keller-Schiris eingreifen dürfen bzw. müssen. Im Stadion gehen Emotionen verloren. Zuschauer warten minutenlang auf Informationen.

Anstatt das Geld in selten gebrauchte und zweifelhaft genutzte Technik zu stecken, sollten lieber die Amateurschiedsrichter besser bezahlt werden. Dann stehen in den untersten Klassen wieder mehr und vielleicht noch besser ausgebildete Unparteiische zur Verfügung.