Mittwochmittag, halb zwölf in Deutschland. Zu einer Zeit, zu der die meisten Menschen bei der Arbeit oder in der Schule sind, herrscht in der 6000-Seelen-Gemeinde Speichersdorf im Landkreis Bayreuth Ausnahmezustand. Dort finden derzeit die Mannschaftsweltmeisterschaften im Kegeln statt, und gerade zu diesem Zeitpunkt geht es um den Gruppensieg in der Damen-Vorrundengruppe A: Der amtierende Weltmeister Ungarn trifft auf den Gastgeber und Vize-Weltmeister Deutschland.

Und an den Bahnen wird fränkisch gesprochen. Mit Daniela Kicker, Sina Beisser, Sabrina Imbs und Corinna Kastner kommen gleich vier deutsche Spielerinnen vom Serienmeister SKC Victoria Bamberg - bis auf Imbs werden sie gegen Ungarn auch eingesetzt. Auch die Bundestrainerin Sandra Hirsch ist Bambergerin und sogar beim Gegner sitzt eine Domstädterin. Agota Kovacsne-Grampsch ist Betreuerin im ungarischen Team und ebenfalls vom deutschen Serienmeister.

Für den Zeitpunkt des Spiels ist die Halle - eine extra für die WM umgebaute Dreifachturnhalle - schon gut gefüllt. Etwa 400 Zuschauer fiebern mit den deutschen Damen um jeden Wurf. Und es geht gut los. Das Startduo Sina Beisser/Simone Schneider holt gegen seine Kontrahentinnen einen knappen Vorsprung heraus. Das freut die Fans - allen voran Sebastian Witig. Zusammen mit einigen Bekannten ist er bisher jeden Tag aus dem südostthüringischen Zeulenroda nach Speichersdorf gepilgert, um die deutschen Teams anzufeuern. "Bisher sind wir immer gefahren, aber ab dem Viertelfinale bleiben wir hier", erklärt der Fan, der zwar selbst nicht kegelt, aber viel Sachverstand besitzt und den deutschen Teams überall hinterher reist.

Immer mit dabei ist auch seine Trommel. Damit feuert er die Spielerinnen und Spieler an und animiert so auch den Rest des Publikums zu klatschen und mitzusingen. "Die Trommel ist sehr wichtig, denn sonst klatschen die Zuschauer nur ab und zu mal, wenn jemand abräumt", so Wittig.

Mit dem Abräumen wird es bei den Deutschen nun schwieriger. Das mittlere Duo Daniela Kicker/Saskia Seitz hat seine liebe Mühe mit den ungarischen Gegnerinnen, kann aber den knappen Vorsprung in die Schlussrunde retten. Vor dieser gibt es wie auch zuvor beim Wechsel eine kurze Pause, in der sich Fans und Funktionäre kurz stärken können.

Organisation im Alleingang

Organisiert wird das Ganze von den Speichersdorfern selbst, die sich auch alleine für die Austragung der Weltmeisterschaft beworben haben. "Ich bin sehr stolz auf das, was dieser Ort hier auf die Beine gestellt hat. Es ist alles sehr gut organisiert", erklärt der Präsident des "Deutschen Keglerbundes Classic" (DKBC). Der kommt zwar aus Thüringen und nicht aus Franken, heißt dafür aber so. Jürgen Franke ist zufrieden mit der Austragung der Weltmeisterschaften in Speichersdorf, die schon vor zwei Wochen mit der U14- und U18-WM begannen. Vor allem, da der Kegel-Verband kaum helfen konnte. "Wir können nur moralisch unterstützen. Finanziell und personell ist der Ausrichter auf sich alleine gestellt."

Es scheint sich für die Organisatoren zu lohnen. In den Spielunterbrechungen stehen Zuschauer und Spieler beisammen. Essen, trinken und unterhalten sich. "Kegeln ist eben doch noch ein sehr familiärer Sport", erklärt Franke. Das zeigt sich auch daran, dass an einem Tisch der serbische Schiedsrichter mit dem italienischen Betreuer scherzt, während ein Stückchen weiter montenegrinische Spielerinnen ihre Kolleginnen aus Deutschland trösten. Trost haben die deutschen Damen an diesem Tag auch nötig. In der Schlussrunde kann das deutsche Duo Corinna Kastner/Saskia Barth dem ungarischen Druck nicht mehr standhalten und verliert beide Mannschaftspunkte. Das Spiel endet mit 6:2 für Ungarn, wobei sich aber beide Teams für das Viertelfinale am morgigen Freitag qualifiziert haben.

Während die jüngeren Spielerinnen einige Tränen verdrücken, sehen es die Erfahrenen im Team nicht so tragisch. "Das war zur rechten Zeit ein Schuss vor den Bug", erklärt Daniela Kicker. Die bis dahin verlustpunktfreien Deutschen waren einfach "vom Kopf her nicht frei", sagt Franke. "Eigentlich waren alle Spielerinnen heute unter ihren Möglichkeiten", lautet sein ernüchterndes Fazit.
Kurz nach dem Spiel können die Ersten auch schon wieder lachen. "Ich habe mich vor dem Spiel mit ein paar Fans unterhalten", so Corinna Kastner, "die haben mir erklärt, dass sie am Freitag erst zum Spiel um 18 Uhr kommen können. Und dafür mussten wir halt Zweiter werden", sagt sie mit einem Augenzwinkern.
Die Fans werden am Freitag sicher wieder die Dreifachturnhalle in Speichersdorf einnehmen. Bis zu 800 Zuschauer werden zum deutschen Spiel erwartet. Wer da der Gegner sein wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. "Tschechien, Serbien oder die Slowakei - wir haben vor niemandem Angst", gibt Franke die Parole aus. "Und dann schauen wir. Vielleicht wird es ja eine Medaille."

Männer heute gegen Bosnien

Ob neben den Damen auch die Herren das Viertelfinale erreichen, steht noch nicht fest. Sie brauchen heute im letzten Spiel gegen Bosnien-Herzegowina wenigstens ein Unentschieden. Doch das sollte machbar sein.