• Corona-Regel in Bayreuther Pflegeheim führt zu menschlicher Tragödie
  • Betreuer wird wegen falscher Maske aus Zimmer von sterbender Frau verwiesen
  • BRK-Ruhesitz räumt Fehler ein und entschuldigt sich
  • Heimleiter betont zugleich: "Bei uns stirbt niemand allein."

Corona-Vorschrift in Seniorenheim löst Tragödie aus: In Bayreuth ist es zu einem traurigen Vorfall in einer Pflegeeinrichtung gekommen: Der Heimleiter bedauert die Angelegenheit und hat sich inzwischen entschuldigt.

Ehrenamtliche Hilfe: 69-Jähriger betreut Seniorin in Pflegeheim 

Als ehrenamtlicher Helfer kümmert sich Rudolf Lappe seit vielen Jahren um Liselotte Berger (Name von der Redaktion geändert), die in einem Pflegeheim in Bayreuth lebt. Seit rund einem Jahr ist er der gesetzliche Betreuer der Seniorin. "Ich habe sie jede Woche ein-, zweimal besucht", sagt er. Die beiden sind eng miteinander verbunden: Privat kennen sie sich bereits seit fast 50 Jahren. 

Vor knapp zwei Wochen erhält Lappe dann von der Heimleitung die traurige Nachricht: "Ich wurde angerufen. Mir wurde gesagt, ich soll vorbeikommen. Sie liegt im Sterben." Laut dem Betreuer war dieser Umstand vorauszusehen. "Sie hatte zuvor schon eine starke Bronchitis gehabt und lag deswegen im Krankenhaus. Ich wusste schon, dass es schlecht um sie steht." Am Freitag (20. November 2020) wird der 69-Jährige ins Heim gerufen, weil womöglich palliative Schritte für Liselotte Berger eingeleitet werden sollen.

Nach der Anmeldung und einem Corona-Schnelltest wird er auf das Zimmer der 94 Jahre alten Frau geleitet. "Sie war sehr schlecht drauf", sagt Lappe inFranken.de. "Sie röchelte stark und bekam schlecht Luft." Dem Notarzt gelingt es schließlich, ihren Gesundheitszustand zu stabilisieren. Betreuer Lappe verspricht, am nächsten Tag wiederzukommen. "Der Pfleger sagte mir auch, dass ich zu jeder Zeit ein- und ausgehen kann."

Corona-Tragödie: 94-Jährige klammert sich vor ihrem Tod an Betreuer 

Tags darauf, am Samstagnachmittag (21. November 2020), betritt der Betreuer erneut den Bayreuther BRK-Ruhesitz. "Dort wurde ich dann auf dem Gang von der Schwester gleich angemault, auf gut Deutsch. Sie hat gesagt: Sie kommen mit dieser Maske nicht aufs Zimmer.' Obwohl sie mich so unten reingelassen haben am Empfang." Lappe wird ihm zufolge mitgeteilt, dass er eine neue FFP2-Maske benötige. "Ich hatte bislang immer meine normale Maske auf. Eine stinknormale, wie sie jeder hat", hält der 69-Jährige fest.

Lappe wird schließlich doch ans Bett der im Sterben liegenden Liselotte Berger gelassen. "Ich habe mich dann kurz mit ihr unterhalten." Sie sei zu diesem Zeitpunkt aber schon fast nicht mehr ansprechbar gewesen, sagt Lappe. "Sie hat zu mir gesagt, sie weiß, dass sie jetzt sterben muss. Sie hat zu mir gesagt, sie will nicht allein sein, ich soll dableiben. Dabei hat sie sich an mich geklammert." Dann nimmt die Tragödie ihren Lauf: Die Tür zum Krankenzimmer geht auf. "Die Dame vom Empfang kam auf einmal rein und hat zu mir gesagt, ich soll schleunigst wieder gehen." Laut Lappe teilt ihm die Mitarbeiterin mit, dass sie ihn eigentlich gar nicht reinlassen hätte dürfen. "Sie hat gesagt, ich hätte die falsche Maske auf. Und das ist verboten."

Notgedrungen gibt der Betreuer schließlich klein bei. Es ist das letzte Mal, dass er seine Bekannte, die er seit 47 Jahren kennt, gesehen hat. "Ich bin dann wieder gegangen. Am nächsten Tag ist sie dann gegen Mittag verstorben." Das ist jetzt rund zwei Wochen her. Der Vorfall beschäftigt ihn immer noch sehr. Er ist traurig. "Mir geht es leider nicht so besonders. Aber was will man machen", sagt er inFranken.de. "Die Dame stirbt. Und du darfst nicht dableiben. Das ist schon traurig." Abschied zu nehmen, sei dadurch nicht möglich gewesen. Lappe sei auf Wunsch der 94-Jährigen deren Betreuer geworden. "Das wollte sie so haben. Wir haben uns immer sehr gut verstanden, hält Lappe fest. "Sie wäre jetzt im Dezember 95 geworden."

Hygiene-Maßnahmen: Heimleiter räumt Fehler ein

Im Gespräch mit inFranken.de kommt Heimleiter Richard Knorr auf die gravierenden Begleiterscheinungen zu sprechen, die eine Pandemie mit sich bringt. "Die Problematik Corona ist natürlich seit Monaten äußerst schwierig. Egal, wie wir es machen, machen wir es wahrscheinlich falsch."

Wenn in der Einrichtung Corona ausbrechen würde, wäre das "Geschrei natürlich groß", sagt Knorr. Zur Masken-Regelung in der Einrichtung hält Knorr fest, dass jeder Heimbesucher im Vorfeld darauf hingewiesen werde, bei seinem Erscheinen eine FFP2-Maske zu tragen. Die entsprechende Vorschrift gelte schon seit Ende Oktober.

"Das einzige Versäumnis in dem Fall war, dass unsere Mitarbeiter nicht bei mir angerufen hat und gefragt hat: Wie gehen wir in diesem Fall jetzt vor? Dann hätten wir gesagt, wir geben Herrn Lappe eine Maske. Das ist der Fehler, den wir begangen haben", räumt der Heimleiter ein. Oberstes Prinzip sei gleichwohl, die Sicherheit der Bewohner zu wahren. 

"Schlag ins Gesicht": Bayreuther Pflegeheim wehrt sich gegen Vorwürfe

Gleichzeitig kritisiert er einen lokalen Medienbericht, in dem es heißt, die 94-jährige Heimbewohnerin sei einen einsamen Tod gestorben, weil ihr Betreuer wegen seiner falschen Maske aus dem Zimmer verwiesen worden sei. Liselotte Berger sei mitnichten allein gestorben. "Ich darf Ihnen versichern: Allein aus der Verbundenheit, aufgrund der Philosophie unseres Hauses, stirbt bei uns niemand einsam." Neben dem Pflege- und Betreuungspersonal seien auch Palliativkräfte im Haus, die beim Sterben dabei sind. "Frau Berger ist mit Sicherheit nicht einsam gestorben. Das hätten wir gar nicht zugelassen", so Knorr.

"Was in der Altenpflege geleistet wird, vor allem hier speziell bei uns im Roten-Kreuz-Ruhesitz - das kann man nicht mit so einer aufreißerischen Zeile kaputtmachen, die im Prinzip nicht das widerspiegelt, was eigentlich passiert ist", erklärt er. Knorr spricht von einem "Schlag ins Gesicht". "Wenn ich eine Sache falsch mache, werde ich gleich an den Pranger gestellt. Das kann nicht sein."

Der Vorfall ist Knorr zufolge intern aufgearbeitet worden. Hierbei sei auch mit der entsprechenden Angestellten gesprochen worden, die den Vorfall zutiefst bedauere. "Die Mitarbeiterin, das muss man sagen, ist wirklich fertig. Sie hat nach dem Artikel weinend bei mir gesessen und wollte die Konsequenzen ziehen." Was der Einrichtungsleiter jedoch ablehnte. "Die Frau hat nach Anweisung gehandelt. Deshalb kann man ihr keinen Strick daraus drehen. Das wird den lieben Kollegen nicht gerecht, die sich Tag ein, Tag aus aufopfern.

Pflegeheim entschuldigt sich - Betreuer ist nicht böse, aber traurig

Die Heimleitung und die Mitarbeiterin, die ihn weggeschickt hatte, haben sich inzwischen bei Rudolf Lappe entschuldigt. Ohnehin hegt der 69-Jährige keinen Groll gegen die Pflegeeinrichtung. "Sonst hat es keine weiteren Zwischenfälle in dem Heim gegeben. Auch Frau Berger war sehr zufrieden. Die Pfleger waren alle immer nett und freundlich." Die Leitung der Einrichtung habe erst im Nachhinein von dem Vorfall mit der Maske erfahren. "Das war ganz einfach ein Missverständnis von der Dame am Empfang, zeigt sich Lappe versöhnlich. "Der Heimleiter konnte ja nichts dafür." Böse sei er nicht. "Ich bin natürlich traurig, dass so was passiert ist. Aber man kann jetzt nichts mehr dran ändern."

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Fazit: In Bayreuth hat die Corona-Regelung in einem Pflegeheim zu einer zwischenmenschlichen Tragödie geführt. Weil er statt einer FFP2-Maske nur eine einfache Stoffmaske trug, wurde ein Betreuer aus dem Zimmer einer Seniorin verwiesen. Die 94-Jährige starb kurz darauf, ohne ihren Betreuer noch einmal zu sehen. Die beiden kannten sich seit fast 50 Jahren. Das Pflegeheim hat in der Angelegenheit einen Fehler eingeräumt und sich dafür mehrfach entschuldigt. Zugleich betont der Heimleiter: "Ich darf Ihnen versichern: Bei uns stirbt niemand allein."

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