Auch wenn das bestimmt nicht die Absicht des hauptamtlichen Provokateurs war und er sicher auch nur verächtlich schauen würde, wenn er's läse: Mit der "Walküre" hat Frank Castorf eine wunderbare Wiedergutmachung für das reichlich missratene "Rheingold" abgeliefert - natürlich mit kleineren Abstrichen, sonst wäre er ja nicht er. Von der hyperaktiven Wuseligkeit an der vergammelten Tankstelle an der Route 66 ist nichts mehr übrig geblieben - oder nicht mehr viel. Und der Effekt ist gewaltig.

Denn plötzlich erlebt man nicht nur den Librettisten Richard Wagner, sondern auch den Komponisten. Warum auch immer, Castorf lässt es zu, dass die Musik über die Rampe klettert und die Bühne in Besitz nimmt. Und man merkt, dass man am "Vorabend" eigentlich ziemlich viel verpasst hat, verpassen musste.

Hochgradiger Analytiker

Da begreift man plötzlich, weil Konzentration möglich ist, was die eingefleischten Wagnerianer, die schon seit 100 Jahren kommen, an der Dirigierweise von Kirill Petrenko so irritiert. Er ist ein Analytiker, der nicht runterdirigiert, was in der Partitur steht, sondern der die einzelnen Stimmen isoliert und hörbar macht, sie aber trotzdem in einen wunderbaren Gesamtfluss bringt. Er ist ein großer Gestalter von wirkungsvollen Klangfarben, die die Stimmungen und Inhalte des Textes unterstützen und verstärken. Er genießt und gestaltet die vielen harmonischen Wechsel in der Wagner'schen Musik und er spielt nicht plakativ, sondern subtil, oft nur andeutungsweise mit dem Auftauchen der Leitmotive. Er zwingt zum Zuhören. Dabei kontrolliert er die Dynamik so gezielt, dass seine Sängerinnen und Sänger auf der Bühne zwar nicht geschont, aber auch nie so gefordert werden, dass sie ins Brüllen verfallen müssen. Wenn sie an diese Angewohnheit nicht schon verlorengegangen sind - bei der Walkürentruppe gibt's so eine kleinere Fraktion, obwohl die Musik alles andere als gedonnert ist, sondern raffiniertere Spannungsmittel nutzt. Bei Petrenko kann man Wagner auch mal leise singen.

Vor allem aber ist er ein absoluter Antiromantiker, der mit seinen flotten, flexiblen Tempi im 21. Jahrhundert angekommen ist. Da kommt niemand auf die Idee des weihevoll-bedeutungsschwangeren Verschleppens. Das kommt vor allem den Rezitativen, den Mono- und Dialogen zugute. Man empfindet sie bei Petrenko überhaupt nicht als mühsam und langweilig, weil er sie ins Sprechtempo bringt und so erzählerische Spannung entwickelt. Das sind auch die Passagen, wo er viel Zeit einsparen kann und trotzdem die Substanz verstärkt.

Die Entdeckung dieser Kraft hat wohl Frank Castorf davon abgehalten, zu viele optische, füllende Ersatzerlebnisse aufzuhäufen. Und das Bühnenbild von Alexandar Denic verzwergt die Menschen nicht wie zuvor die Tankstelle. Hundings Vollholz-Hütte mit Treppen, Plattformen, Voliere und Aussichtsturm wirkt zwar noch wie eine Odenwälder Ausflugsgaststätte auf der Eisenbahnplatte. Aber mit jeder Drehung der Bühne und Reduzierung der Verbretterung der Strukturen wird deutlicher, wohin die Reise geht: zu einem Ölbohrturm in Aserbeidschan. Und das ist durchaus geschickt.

Titelseite der "Prawda"

Man war je schon erleichtert, dass keine Leinwand zu sehen war, als der Vorhang aufging. Aber dann fällt doch immer irgendwo ein Betttuch herunter, und die Stummfilmästhetik nimmt ihren Lauf - zu Beginn völlig überflüssig, denn einen schlafenden Hunding muss man nicht zeigen. Dann ärgerlich, weil man ausgerechnet bei "Winterstürme wichen dem Wonnemond" und "Du bist der Lenz" der Ablenkungskraft der bewegten Bilder auf den Leim gegangen ist und vor lauter Grübeln über den Sinn dieser Bilder das Zuhören vergessen hat.

Aber plötzlich, zugegebenermaßen, genial. Man stutzt noch, als im zweiten Aufzug auf dem Werkschuppen der Ölanlage eine überdimensionale Projektion einer Titelseite der "Prawda" erscheint. Aber es ist die Ankündigung des Unheils, das sich im dritten Aufzug vollzieht: "20. Sentyabr" und "42" steht da auf dem Dach des Schuppens. Für die Zeit um den 20. September 1942 hatte Adolf Hitler die Eroberung der Ölfelder von Baku geplant. Da ist es plötzlich sinnvoll, dass Ölarbeiter mit einer Fahne die Plattform stürmen und zu Tode kommen - und die Walküren (ohne jedes Kettenkarussellpferdchenbrimborium und zu Fuß ) ihnen hinterher. Da ist plötzlich eine Verbindung da zwischen der realen Gewalt des Krieges und dem intimen Kampf zwischen Wotan und seiner Tochter Brünhilde. Das sind durchaus eindrucksvolle Szenen.
Aber andererseits lässt Castorf Wagner auch über weite Strecken unbehelligt und gibt damit der Intimität der persönlichen Gefühle viel Raum und Zeit, vertraut auf die Musik, etwa in der ersten Begegnung von Siegmund und Sieglinde (Johan Botha und Anja Kampe sind eine Traumbesetzung), von Hunding (Kwangchul Youn) misstrauisch beäugt, bis er Siegmund mit seinem ganzen Hass erstechen darf. Die Parallele ist die enge Beziehung von Wotan (Wolfgang Koch) und Brünnhilde (Catherine Foster), die sich am Ende ihres privaten Krieges ermattet und resigniert in die Arme sinken. Aber auch Wotans Auseinandersetzung mit seiner Frau Fricka (Claudia Mahnke) um Siegmunds Schicksal geht in psychische Grenzbereiche.
Da ist ein Sextett am Werk, das nicht nur stimmlich bestens disponiert ist, sondern auch gestalterisch klug - und mit einer Standfestigkeit bis zum Schluss. Nein, man kann den Grünen Hügel dieses Mal gut gelaunt verlassen und vorsichtig gespannt sein auf den "Siegfried".