Es ist ein Jammer! Da hatten wir nach der "Walküre" gerade damit begonnen, Frank Castorf als Opernregisseur ernst zu nehmen, und dann kommt er mit so einem "Siegfried"! Natürlich feiert das Publikum die Künstler am Ende frenetisch. Aber bevor die auf die Bühne kommen, ist das einzige hörbare Wort nicht "Bravo!", sondern "Buh!". Man kann's verstehen.

Natürlich, die "Walküre" ist leichter zu inszenieren als der "Siegfried", denn diese Oper ist ein einziges durchkomponiertes Rezitativ. Es gibt vier Stunden fast nur Dialoge, vor allem natürlich zwischen Siegfried und Mime. Zum Terzett erweitert sich die Struktur nur, wenn der Riese Fafner und der Waldvogel auftauchen. Es passiert nicht allzu viel, es wird fast nur gesungen oder - für den Theatermann Castorf - geredet.

Und das macht ihn nervös.
Er braucht Substitution für fehlende Handlung, und die wirkt manchmal sehr weit hergeholt und wenig erhellend für den Fortgang der Oper. Sie stiftet Verunklärung, verzettelt sich im Unnötigen, Überflüssigen, Ablenkenden, in zum Teil erstaunlichen Brutalismen. Warum man plötzlich ein großes Hitlerbild projizieren muss, wenn Brünnhilde Siegfried ansingt: "Mein strahlender Held!", bleibt bei aller Antisemitismusdiskussion um Wagner Castorfs Geheimnis. Aber das ist wohl nur einer der vielen Fälle, in denen ihm mal wieder das Pubertier durchgegangen ist. Und wenn Brünnhilde ihrem Siegfried vor dem Café gerade ans Hosentürl geht, muss selbstredend der übellaunige Kellner mit der Rechnung zwischenschlurfen - wie originell!

Es ist mal wieder das Bühnenbild von Alexandar Denic, das zumindest einige versöhnliche Aspekte vermittelt, das die Handlung zu Beginn an den Fuß des Mount Rushmore verlegt. Das ist der berühmte Berg mit den vier Präsidentenköpfen, aber hier sind es nicht George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln, sondern Engels, Lenin, Stalin und Mao Zedong. Die vier, umrankt von vielen schmalen Treppen für die gymnastischen Aspekte der Oper, sind die Gralshüter des Schatzes, denn am Fuß des Berges ist der Eingang zu Fafners Höhle.

Da lauert natürlich auch Mime mit seinem Uralt-Wohnwagen und hat sich davor eine Freiluftidylle aufgebaut, wo er mit dem aufmüpfigen Siegfried lebt. Wer in die Höhle hineingeht, kommt auf der anderen Seite - der Drehbühne sei Dank - völlig überraschend an der Weltzeituhr auf dem Berliner Alexanderplatz heraus. Denic hat die ewige Tristesse dieses Platzes in dem kleinen Ausschnitt wunderbar abstoßend gestaltet. Aber man fragt sich, warum es ausgerechnet Berlin sein muss. Ist das nur eine Castorf'sche Duftmarke, oder soll das die kommunistische Ausprägung der Welt sein, die die vier Köpfe auf der anderen Seite repräsentieren?

Verschenkte Szene

Konzeption ist ohnehin Mangelware an diesem Abend. Frank Castorf ist wirklich nicht viel mehr eingefallen, als gegen Wagner zu inszenieren, Hektik zu verbreiten auch da, wo die Musik in ruhigere Fahrwasser gerät. Die "Ölspur", die er durch den Ring legen wollte, hat er dieses Mal nicht gefunden, höchstens in der Leuchtreklame einer Minol-Tankstelle. Die Schwertschmiedeszene ist verschenkt - nach ein bisschen Hämmern holt Siegfried die reparierte Waffe hinter einer Ecke hervor. Trotzdem kann er sich nicht zwischen Schwert und Knarre entscheiden, und schließlich wird Fafner von ihm auch nicht erstochen, sondern kampflos erschossen. Überhaupt geht das schwierige Verhältnis zwischen Mime und Siegfried im Aktionismus unter. Und um der Effekte willen bekommt auch der Waldvogel eine erstaunliche Präsenz - auf dem Alexanderplatz.

Besonders gegen Wagner inszeniert ist der dritte Aufzug. Siegfried findet Brünnhilde nicht im Feuerkreis auf dem Felsen, sondern unter dem Müll einer wilden Deponie vor der verlassenen Schatzhöhle. Hätte er mit dem Ast zwei Meter daneben gestochert, würde sie heute noch da liegen. Sicher ist er zunächst distanziert, weil so ein dornröschenartiges Gebilde wohl bei jedem erst einmal Erstaunen weckt Und auch Brünnhilde fremdelt zunächst. Aber im Gegensatz zum Text und den melodischen Motiven hält er sie weiter auf Distanz.

Als er am Ende sogar noch ein Mädchen unbeschadet aus dem Rachen eines der Drachen zieht, die als Kritiker der Wohlstands- und Wegwerfgesellschaft über den Alex kriechen, und als er dieses Mädchen heftig umarmt, geht Brünnhilde dazwischen, als wollte sie sagen: "Hallo, ich bin auch noch da!" Aber wie hatte Siegfried gerade gesungen - über Brünnhilde? "Sie ist mir ewig, ist mir immer, Erb' und Eigen, Ein und All." Irgendetwas stimmt da nicht. Ein Schluss, so kaputt wie bei "Cosí fan tutte". Nur: Mozart hat ihn so gewollt.
Musikalisch kann auch diese Aufführung sehr überzeugen. Burkhard Ulrich ist mit seiner großen Partie des Mime eine souveräne, gut disponierte Mitte. Auch Wolfgang Koch als wandernder Wotan, Oleg Bryjak als Alberich und Sorin Coliban wehren sich mit großer Kraft und Expressivität gegen den Untergang im Getümmel. Catherine Foster ist wieder eine höchst eindrucksvolle Brünnhilde mit großer Strahlkraft, und Nadine Weissmann und Mirella Hagen als Erda und Waldvogel nutzen sehr gut den gestatteten schmalen Spielraum ihrer Möglichkeiten.

Konstante Kirill Petrenko

Gewisse Abstriche muss man bei Lance Ryan machen, der nicht erst seit dem Wagner-Jahr 2013 als Siegfried durch die Opernhäuser gereicht wird. Er singt mit erstaunlich hartem Ansatz, etwas nebligem Timbre und auch nicht immer ganz treffsicher. Das fällt halt auf bei der Präzision seiner Kollegen. Außerdem lassen sich Ermüdungserscheinungen gegen Ende nicht überhören. Kirill Petrenko ist mit seinem Orchester wieder die Konstante, auf die man sich schon vorher freuen kann.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die kreative Fantasie auch eines Frank Castorf - auch wenn er sich das nicht vorstellen kann - endlich ist. Vielleicht waren vier Opern auf einmal für einen Theaterregisseur, der in dieser Branche noch nicht allzu viele Erfahrungen gesammelt hat, doch ein bisschen viel. Siegfried, der auszog das Fürchten zu lernen, hat es eher gelehrt: Noch steht die "Götterdämmerung" aus.