Die Haaarbürste könnte so alt sein, wie das Unternehmen, in dem sie auf Wiederherstellung wartet. "Am längsten wird es wohl dauern, das alles aufzumachen", sagt Kilian Schumm und deutet auf die Befestigungen, die unter dem silberfarbenen Bürstenrücken die Borsten im Holz halten. "Das ist ein Stück, dass ich zum Wiederherstellen hier habe. Sie soll nachher wieder in Gebrauch genommen werden."

Im Moment hat der 37-Jährige so gut wie keine Zeit für Anderes. "Alles was ich gerade mache, sind Auftragsarbeiten." Und das sind, ganz gleich ob Besen, Bürsten oder Pinsel, Sonderanfertigungen. "Etwa zwei Handvoll Betriebe wird es in Deutschland noch geben, die Bürsten im Handeinzug herstellen", schätzt er.

Genau das passiert auch seit einiger Zeit wieder in Bamberg. Etliche Werkzeuge und Apparaturen stammen noch von Urgroßvater Heinrich, der die Firma 1907 gegründet hat; das Meiste aber von Großvater Georg, der bis zum Alter von 93 aktiv war, und die Liebe zu seinem Handwerk an den Enkel weitergegeben hat.


Vom Computer in die Werkstatt

Zwar nicht nahtlos, aber letzten Endes doch, denn Kilian Schumm hat zunächst einen anderen Berufsweg eingeschlagen. "Ich habe Informatik studiert, aber nach einige Jahren Tätigkeit gemerkt, dass mich das nicht ausfüllt. 2011 fing ich dann an, mich mit dem Bürstenbinden zu beschäftigen. Einiges konnte mir mein Onkel zeigen, der es vom Opa gelernt hat. Noch mehr Praxis habe ich mir anschließend bei Bürsten Ernst in Regensburg angeeignet. Seit 2014 bin ich im Geschäft."

"Und seitdem habe ich einen ausgeglichenen Mann", wirft Ehefrau Katharina ein, die an einem Tisch im hinteren Teil der vor einigen Wochen renovierten Werkstatt gerade hellrosa Blüten zu kleinen Sträußen arrangiert.
Die Floristmeisterin teilt sich mit ihm die Räume. Sie hat keinen Blumenladen, sondern fertigt ausschließlich Auftragsarbeiten an. Und hier ist auch noch Platz für Luise (geboren am 1. Mai), die friedlich unter einem von der Decke hängenden Mobile schläft.

2016 hat Kilian Schumm das Geschäft von seiner Mutter Maria übernommen, die jetzt als Senior-Chefin fungiert. "Ich werde es so lange weiterführen, so lange die Leute bei uns einkaufen wollen. Anderswo machen alteingesessene Läden zu. Ich möchte den anderen Weg gehen", sagt der junge Vater.

Deshalb haben Mutter und Sohn das Sortiment ergänzt und sich auch auf Touristen eingestellt, denn der kleine Laden im Zinkenwörth ist nicht nur bei vielen Bambergern beliebt.


Bamberger Busenbürste

Die "Kultur Karte" des künstlerischen Arbeitskreises Franz Kafka beispielsweise, leitet Besucher der Stadt gezielt dort hin. Sie finden dort die Bamberger Busenbürste und die Bamberger Gemüsebürste. Die eine ziert die Silhouette einer Statuenschönheit aus dem Rosengarten, die andere das Konterfei E.T.A. Hofmanns. "Eine Freundin von uns, die Grafikerin ist, hat die Motive entworfen. Angefertigt werden sie aber nicht in Bamberg, sondern im Schwarzwald."

Kilian Schumm weiß, wie Marketing geht. Er hat Bürsten Nickles im Internet bekannt gemacht und führt VHS-Hörer durch seine Werkstatt.


Handarbeit ist stabiler

Billigangebote in Bau- und Supermärkten und nicht zuletzt das Einkaufen im Netz sind die große Konkurrenz. "Gute Qualität findet man dort aber selten," sagt er. "Eingeschossene Borsten bei Besen und Bürsten können schon nach kurzer Beanspruchung ausfallen. Von Hand eingezogene nicht.

Bis in die 50er-Jahre wurden bei Bürsten Nickles alle Bürsten von Hand hergestellt. Heute ist das zu zeitaufwändig und zu teuer. Der Großteil wird zugekauft, dabei achten wir aber darauf, dass die Bürsten in Deutschland produziert wurden, aus natürlichen Materialien hergestellt und qualitativ hochwertig sind."

Wie flott er bei dieser Arbeit ist, demonstriert er an einem Handfeger. Eine per Fußpedal zu bedienende Maschine reicht ihm immer gleich starke Bündel Rosshaar, die er mit Schlingen aus Draht an der Holzleiste befestigt. "Am Anfang habe ich dafür zwei Stunden gebraucht, jetzt schaffe ich es in einer knappen halben."


Blick in die Firmengeschichte

1907 - 1938 Bürstenmachermeister Heinrich Nickles gründete das Geschäft 1907. Nachdem er 1916 im Ersten Weltkrieg gefallen war, führte seine Frau Maria Barbara das Unternehmen. Als Großlieferant für handgefertigte Bürsten war Heinrich Nickles die erste Anlaufstelle für die Bamberger Brauereien und unter anderem Lieferant der königlich Bayerischen Staatsbahnen.

1938 - 2010 Georg Nickles legte im Jahr 1938 seine Meisterprüfung als Bürstenmacher ab und war fortan für die Geschicke der Firma verantwortlich. Seine Frau Johanna kümmerte sich ab 1947 vor allem um die Finanzen und die Buchhaltung, bald war sie als ebenbürtige Chefin neben Georg in allen Bereichen des Unternehmens aktiv. Die Geschäfte liefen so gut, dass zeitweise sogar eine Filiale in der Gartenstadt betrieben wurde.

2010 - 2016 Maria Schumm, die zweite Tochter von Georg und Johanna Nickles, wurde 2010 Inhaberin und Geschäftsführerin. Zuvor hatte sie fast 30 Jahre lang als Angestellte im elterlichen Unternehmen mitgearbeitet. Trotz großer Konkurrenz durch Internethandel und Billigprodukte aus dem Supermarkt blieb sie ihrer Linie treu.

Seit 2016 Im August 2016 übergab Maria Schumm das Geschäft an ihren Sohn Kilian, arbeitet aber weiter als Senior-Chefin. Der Laden wurde renoviert und die Werkstatt, die nach dem Tod von Georg Nickles brach lag, wiederbelebt. Kilian Schumm fertigt wieder handeingezogene Bürsten und Besen.
Quelle: www.buersten-nickles.de