Von "Events" am laufenden Band, wie sie heute in der Stadt geboten werden, konnten die Bamberger früher nur träumen. Da waren Festlich- und Lustbarkeiten deutlich rarer. Es waren vor allem die Kirchweihen im Sommer, bei denen gefeiert wurde. Man hat gut gegessen, (viel) getrunken und getanzt wie der sprichwörtliche "Lump am Stecken".
Nun könnte man meinen, sämtliche Kirchweihen gingen auf uralte Bräuche zurück und seien mindestens genauso alt wie die jeweilige Kirche, neben der sie stattfinden und/oder deren Namen sie tragen. Stimmt aber nicht: Auch Kirchweihen kommen und gehen. Die wahrscheinlich bekannteste Bamberger Kirchweih, die Sandkerwa, gibt es erst seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zur "Belebung" der Altstadt wurde sie damals vom Bürgerverein Sand ins Leben gerufen.
Während es die Sandkirchweih noch heute gibt, ist eine andere Kirchweih sang- und klanglos untergegangen: die Zipfelhäuser Kerwa. Heimatforscher Wolfgang Wußmann, der sich mit der Geschichte des Bamberger Nordens und der Gärtner bestens auskennt, wurde von Jutta Fedele auf dieses Thema aufmerksam gemacht: Sie schickte ihm ein Foto von 1934, das ihre Mutter Luise als Kind inmitten von Männern mit Zipfelmützen vor der Gaststätte "Drei Linden" in der Memmelsdorfer Straße 85 zeigt. Anlass für das Gruppenbild war das 40. Stiftungsfest des Stammtisches "Zipfelhäuser Bauern".


Stammtisch "Die Sparbrüder"

Wußmann ließ das keine Ruhe; er wollte Näheres über die ominösen "Zipfelhäuser" erfahren, und so kam es zu einem Treffen in der Gaststätte "Drei Linden", wo Fotos und Schriftstücke herumgezeigt und Erinnerungen ausgetauscht wurden. Die Spurensuche, an der sich die aus der Wirtsfamilie stammenden Damen Elisabeth Müller und Maria Kügler beteiligten, ergab folgendes Bild: 1895 wurde in der Gaststätte "Drei Linden" ein Stammtisch mit dem Namen "Die Sparbrüder" gegründet. Vereinsziel: Geselligkeit, Frohsinn, Kameradschaft. Man wanderte und sang Volkslieder. Um die Jahrhundertwende wurde es dann Zeit für einen lustigeren Namen. Ein Theaterstück gab den Ausschlag, und die "Sparbrüder" nannten sich fürderhin "Zipfelhäuser Bauern". Als Markenzeichen dienten ihnen schwarze Zipfelmützen.
In einer 1955 erschienenen Vereinschronik, die zum 60. Jubiläum des Stammtisches herausgegeben wurde, ist etwas nebulös von der Otto-Kirchweih die Rede. Diese sei früher im Oktober abgehalten worden, dann aber auf den ersten Sonntag im Juli verlegt worden sei.
Ab 1948, so die Kenntnis der Damen aus den "Drei Linden", habe die Pfarrei aus einem heute unbekannten Grund die Kirchweih nicht mehr organisiert und die "Zipfelhäuser" seien als Veranstalter eingesprungen. Gefeiert worden sei nicht mehr neben der Ottokirche, sondern in und um die Gastwirtschaft jenseits der Bahnlinie.
Eine richtige Kirchweih sei es gewesen, erinnern sich die Damen: mit Festzelt, Schiffsschaukel und Karussell auf engstem Raum und einem traditionellen Hahnenschlag am letzten Kirchweihtag. Nicht nur die Damen behaupten, dass die Kirchweih bei den Bambergern äußerst beliebt gewesen sei: Auch ein Foto, auf dem fröhliche Paare um eine Linde tanzen, drückt das aus. Für die in Bamberg stationierten Amerikaner muss die Kirchweih ein Magnet gewesen sein: "Da war der Teufel los!"
Der Bierumsatz jedenfalls muss gestimmt haben, denn die Hofbräu, die das Bier in das 1898 erbaute Gasthaus an der Memmelsdorfer Straße lieferte, hat nach jeder Kerwa die nötigen Maler- und Tapezierarbeiten übernommen! Dazu passt, dass mancher Nachbar von der Kirchweih alles andere als begeistert war: Von einem Adolf D. liegt eine geharnischte Beschwerde an die Stadt Bamberg vor: In dem Schriftstück ist von einem "verwerflichen Plärrer" die Rede.


Seit 1984 beim Bürgerverein

Die Vermutung, dass es die "Zipfelhäuser Kirchweih" bis 1968 oder '69 gegeben habe, wird von Christina Keidel, der Vorsitzenden des Bürgervereins Bamberg-Nord bestätigt. Sie weiß aus der Publikation ""Geschichte eines Bamberger Stadtteils" (1983), dass die Ottokerwa nach einer möglichen Vakanz vom FC Wacker am Margaretendamm durchgeführt worden ist. Das ist bis in die 1980er Jahre so geblieben.
1983 hat sich der Bürgerverein erstmals mit einer Tombola an der Kirchweih beteiligt, die er ab 1984 dann selbst organisiert habe - "und das ist bis heute so", schreibt Keidel.
Von den "Zipfelhäusern", die sich längst aufgelöst haben, gibt es im Vereinslokal noch einige dekorative Zeugnisse: Bierkrüge mit Zinndeckeln - die aufwändig mit Zinnkraut geputzt werden mussten -, besondere Lampen, Fotografien und ein Tischkegelspiel.
Wer glaubt, dass die "Zipfelhäuser Kerwa" nur eine kleine Fußnote im Stadtgeschehen war, dem sei folgendes Zitat aus dem Fränkischen Tag (Erscheinungsjahr leider unbekannt) zur Kenntnis gebracht: "Der Zustrom der Kirchweihbesucher war so groß, dass wegen Platzmangels der vorgesehene Hahnenschlag gar nicht stattfinden konnte. "
Und das, liebe Liebhaber der Bamberger Sandkirchweih, hat es im Sand niemals gegeben . . .