Levent Etyemez weiß, dass er mit diesem Problem in der Stadt nicht allein dasteht. "Ich bin ein Bamberger Junge und mir ist klar, dass das keine so feine Straße ist, wie eine - sagen wir mal - im Berggebiet. Trotzdem haben doch auch wir ein Recht darauf, nachts schlafen zu können."

Und dass das , gerade das in letzter Zeit, nicht mehr möglich ist, treibt ihn zur Verzweiflung. "Ich bin Schüler am Theresianum und will dort auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur machen. Ich muss lernen. Und mich konzentrieren können. Das aber geht nicht, wenn man jede Nacht wachgehalten wird", sagt der 31-Jährige.

"Ich für meinen Teil würde hier neu nie hinziehen. Aber es ist das Haus meiner Eltern, in dessen Erwerb sie damals ihr ganzes Geld gesteckt haben."

Die Ruhestörungen sind das Eine. Das Beseitigen-Müssen von Hinterlassenschaften, flüssiger und fester Natur, das Andere. "Es gibt hier wohl keinen Quadratzentimeter, der nicht schon mal nass von Urin war", formuliert es Levent Etyemez etwas überspitzt und deutet auf die Asphaltfläche, die die Zufahrt zum Gelände der Firma Wolf und Reißer bildet.

Vom Tor bis in die Mitte ist die längste Lache der vergangenen Nacht gelaufen und dann getrocknet. Von den Ausdehnungen her lässt sie auf mehr als nur einen Verursacher schließen.


Mit Wasserschlauch und Schaufel

"Jeden Morgen spült meine Mutter mit dem Wasserschlauch Urin und Erbrochenes vom Bürgersteig. Nicht selten muss sie auch zur Schaufel greifen und Kothaufen beseitigen."

Die Einfahrt verheißt ein Stück weit Abgeschiedenheit, was die Verrichtung von Geschäften dieser Art betrifft. "Manche machen sich gar nicht die Mühe, bis nach hinten zu laufen. Die erkennen die Gelegenheit und schon geht die Hose auf. Die Männer kommen einzeln, aber auch in Gruppen von drei, vier oder mehr Leuten. Sogar ganze Junggesellenabschiede standen schon einträchtig an der Wand. Das ist so eklig. Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen."


Beweisfotos auf Facebook

Levent Etyemez hat Beweisfotos und -videos auf seine Facebookseite gestellt. "Meine Mutter ist 75. Sie ist ebenso zermürbt von all dem, wie unsere Untermieterin. Wir beschäftigen uns nur noch mit diesem Thema. Das ist keine Lebensqualität mehr."

Gelegentliche Vorkommnisse habe es schon immer gegeben. "Das ist nun mal so, wenn man in einer Umgebung wohnt mit Gaststätten im näheren und weiteren Umfeld. Es war noch zu tolerieren. Aber wie weit soll diese Toleranz gehen?", fragt er.

Bis zu 20 Leute in einer Nacht, die sich zum Teil an der Hausfassade erleichtern, sich dort abstützen, grölen und herumschreien, gegen die Tür und die Fenster trommeln - das sei nicht mehr hinnehmbar, so der Schüler. "Es bleibt nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen."

Persönliche Beleidigungen nehme er in Kauf, wenn er die Pinkler auf ihr Tun anspreche. "Aber wenn einer sagt, wie letztens, ,Das ist doch nicht schlimm, das macht doch hier jeder', da glaube ich, ich höre nicht richtig."


Seit einigen Wochen ist es extrem

Sprunghaft angestiegen seien die Zahlen der Ruhestörungen und des "wilden" Urinierens seit dem Betreiberwechsel eines Nachtclubs in der Nachbarschaft vor einigen Wochen. Dort verkehre nun wesentlich jüngeres Publikum als vorher.


Die Familie habe sich ans Ordnungsamt der Stadt Bamberg gewandt, von dort auch Antworten erhalten, aber noch keine, die darauf schließen lasse, dass schon etwas in die Wege geleitet worden sei, was wirklich Abhilfe schaffen könne.

"Nachdem das Ordnungsamt wohl Kontakt mit dem Nachtclub aufgenommen hat, ist es tatsächlich ein bisschen besser geworden", räumt Levent Etyemez ein. "Aber immer noch meilenweit von einem Zustand entfernt, den man als akzeptabel bezeichnen könnte. Ich will keinen Ärger mit dem Gastronomen, ich will nichts extra. Ich will einfach wieder schlafen dürfen!"


Stadt und Polizei kennen das Problem

Dass in diesem Fall Beschwerden vorliegen, bestätigt Steffen Schützwohl, Pressesprecher der Stadt Bamberg. "Es gab eine Aufforderung an den Nachtclub-Betreiber, Maßnahmen zu ergreifen. Insbesondere gegen die Ruhestörungen." Man habe ihn zu einem Gespräch eingeladen. "Konkrete ordnungsrechtliche Auflagen gab es bisher nicht."

Auch der Polizei ist das Problem bekannt. "Wir nehmen das ernst und fahren dort auch hin ", sagt Christian Heyd, Pressesprecher der Inspektion Bamberg-Stadt. "Wenn die Streife jedoch einen längeren Anfahrtsweg hat, ist es schwierig, noch jemanden anzutreffen. Gerade beim wilden Urinieren ist das eine Sache von Sekunden - danach geht derjenige seinen Weg weiter. Gut ist es wenn es Zeugen gibt, die eine Beschreibung liefern. Da sind wir auf Mitteilungen der Anwohner angewiesen."


Wildpinkeln: Das sind die Hotspots in Bamberg

"Als besonders belastet gelten etwa die Rosengasse und die Zwerggasse, besonders bei größeren Veranstaltungen in der Fußgängerzone/Maxplatz. Hier ist das Ordnungsamt dazu übergegangen vom Veranstalter zu fordern, dass das eingesetzte Sicherheitspersonal bis eine Stunde nach Veranstaltungsende dort präsent ist und aufpasst", informiert Stadt-Pressesprecher Steffen Schützwohl.

"Anfängliche Probleme im Erba-Park hat man in den Griff bekommen, nachdem dort neben dem Cafe am Sams-Spielplatz eine entsprechend ausgeschilderte öffentliche WC-Anlage aufgestellt wurde und auch das WC des Kleingartenvereins genutzt werden kann.

Letztlich ist das Wildpinkeln überall dort gehäuft anzutreffen, wo es eine dichte Infrastruktur, viel Gastronomie etc. gibt. Insbesondere natürlich das Sandgebiet und dort vor allem die ruhigen Gässchen. Dabei gilt auch die Regel je später der Abend (beziehungsweise je früher der Morgen)...

Übrigens taucht das Thema bei unserem Beschwerdemanagement/Bürgerdialog/Bürgersprechstunde in letzter Zeit nur selten auf, in diesem Jahr noch gar nicht."