Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow und seine Politik von Glasnost und Perestroika gelten als Anfang vom Ende der Sowjetunion. Gorbatschow selbst sagt, dass Tschernobyl die wirkliche Ursache für den Zusammenbruch des Systems war - gut fünf Jahre nach dem Reaktorunfall löste sich die UdSSR auf. Tschernobyl bedeutete das Ende einer Ära, die mit dem Start des ersten Sputnik 1957 begonnen hatte: Im Ostblock war damals der Glaube an Wissenschaft und Technik zum Religionsersatz geworden.


Illusion der Kontrolle

Der Reaktorunfall zeigte, dass Technik nicht absolut kontrollierbar ist. So wie sich später zeigte, dass die Menschen nicht absolut kontrollierbar sind, als sich nach und nach herausstellte, dass das Politbüro seine Propaganda über das Wohl der Menschen gestellt hatte. Gorbatschow sagte vor zehn Jahren: "Tschernobyl stellt einen historischen Wendepunkt dar: Es gab die Zeit vor der Katastrophe, und es gibt die völlig andere Zeit, die danach folgte."


Die Umweltbewegung

Auch für die Politik in Deutschland bedeutet Tschernobyl eine Zeitenwende. Ulrike Gote, Landtagsvizepräsidentin und derzeit einzige oberfränkische Grünen-Abgeordnete in München, erinnert sich: "Sicher hat dieser GAU dazu beigetragen, dass in Deutschland und einigen weiteren Ländern Europas ein Umdenken in Sachen Atomkraft einsetzte."


Skeptische Familie

Den Grünen, die in den 1980er Jahren von konservativer Seite kritisch bis ängstlich beäugt, politisch aber kaum ernst genommen wurden, verschaffte Tschernobyl Auftrieb. "Die Grünen sind 1986 erstmals in den Bayerischen Landtag gewählt wurden", sagt Gote. Auch für sie persönlich wurde es leichter, als Umweltthemen gesellschaftsfähig wurden: Denn auch ihre Familie betrachtete die Umweltbewegung damals voller Skepsis.

Als Gote im April 1986 zum Studium in ihren heutigen Wahlkreis Bayreuth gezogen war, lagen ihr solche Themen bereits sehr am Herzen. Sie war aktive Atomkraftgegnerin. "In meinem eher konservativen Elternhaus hat das großes Stirnrunzeln ausgelöst." Die Eltern fragten, ob sie nun etwa ganz zu den Grünen gehen würde - was Ulrike Gote mit "ja" beantwortete. "Mein Entschluss, mich noch stärker für erneuerbare Energien und Umweltschutz einzusetzen, hat durch Tschernobyl eine Bestärkung bekommen, auf die ich sehr gerne verzichtet hätte."


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