Es ist mehr als eine Frage, die Ulrike Heucken formuliert. Es ist ein Vorwurf: "Warum konnte ein Arzt jahrelang Frauen im Klinikum gegen ihren Willen betäuben und missbrauchen, ohne entdeckt zu werden? Warum hat niemand genauer hingesehen?" Eine Antwort darauf hat auch das frühere Stiftungsratsmitglied der Sozialstiftung nicht. Aber eine kritische Anmerkung: "Den Skandal nur mit der kriminellen Energie eines Einzelnen zu erklären, wie es Xaver Frauenknecht tut - das ist mir zu einfach."

Glaubt man Heucken, die als grüne Stadträtin viele Jahre im Stiftungsrat saß, dann hat die Klinikleitung zumindest dazu beigetragen, dass die Vorkommnisse nicht früher erkannt wurden. "Der hohe Arbeitsdruck im Bamberger Krankenhaus, die Überlastung Vieler führen dazu, dass niemand mehr genau hinsieht. Keiner kümmert sich mehr um den anderen. Die soziale Kontrolle fehlt", sagt Heucken und spricht von Alarmzeichen, die nicht beachtet wurden.

In der Tat war die Arbeitsbelastung im Klinikum in den vergangenen Jahren immer wieder Streitpunkt in der Bamberger Politik. Auch CSU-Fraktionschef Helmut Müller sprach wiederholt von der Überforderung vieler Mitarbeiter und einem "Klima der Angst". Von Mobbing war die Rede, von notorisch überzogenen Arbeitskonten und schlechter Bezahlung.

Stadtrat Dieter Weinsheimer von den Freien Wählern geht nicht so weit, einen Zusammenhang zwischen den Verfehlungen des Chefarztes und den Arbeitsbedingungen im Bamberger Krankenhaus herzustellen. Dennoch glaubt auch er, dass es sich Geschäftsführer Frauenknecht zu leicht macht, indem er es dabei belässt, auf das Versagen eines Einzelnen hinzuweisen, ohne selbstkritisch manches im Haus auf den Prüfstand zu stellen.

Mehr als 50.000 Überstunden?

"Seit Jahren hören wir immer wieder Klagen über die Arbeitsbedingungen im Klinikum. Die Mitarbeiter schieben einen Berg von über 50.000 Überstunden vor sich her", sagt Weinsheimer. Er bezieht sich in seiner Kritik auch auf die Ergebnisse einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität Duisburg-Essen, ebenso wie auf den Skandal im Bayreuther Klinikum. Beides habe vor Augen geführt, dass die ausschließlich wirtschaftliche Betrachtung von Krankenhäusern zu Missständen führt.

Besorgt fühlt sich der dienstälteste Stadtrat auch durch einen anonymen Brief, der ihn vor kurzem erreichte. Die Schreiberin bezeichnet sich als Ärztin und Bekannte des in Untersuchungshaft sitzenden Chefarztes. In dem Schreiben ist von "menschenverachtenden Arbeitsbedingungen am Klinikum Bamberg" die Rede. Es fehle eine an Werten und klaren Grundsätzen orientierte Führung, Gewinne hätten oberste Priorität.

Verleumdung und übler Nachrede

Auch Frauenknecht kennt den Brief. Einen Kommentar will der Geschäftsführer dazu nicht abgeben. Die Geschäftsführung werde Anzeige gegen Unbekannt wegen Verleumdung und übler Nachrede erstatten.

Die Angriffe von Ulrike Heucken weist Frauenknecht mit Nachdruck zurück: "Hier eine Verknüpfung zwischen der kriminellen Tat eines Einzelnen und den Bedingungen an bundesdeutschen Krankenhäusern herzustellen ist unangemessen und unfair", sagt der Klinikchef.

Im Gespräch mit inFranken.de lässt Frauenknecht keinen Zweifel, dass sich die Klinikleitung die Aufarbeitung des Falls nicht einfach gemacht hat. Es gab Krisensitzungen und Gespräche mit dem Personalrat: "Wir haben alle Mitarbeiter befragt, haben alles geprüft. Es gibt keine Hinweise darauf, dass wir diese Vorkommnisse hätten vermeiden können."

Ombudsrat eingerichtet

Gleichzeitig bekundet der Geschäftsführer Gesprächsbereitschaft auch bei kritischen Stimmen. Dafür habe das Klinikum einen gut besetzten Ombudsrat eingerichtet, der jedem, der sich an ihn wendet, Anonymität zusichert. "Es gibt ganz wenige Krankenhäuser, die so etwas vorweisen können."

Auch Felix Holland, Personalratsvorsitzender im Klinikum, hält Zusammenhänge zwischen den schwerwiegenden Vorwürfen gegen einen Chefarzt und strukturellen Problemen des Klinikums für abwegig. "Man kann keinen Systemfehler unterstellen, wenn bei einem Mitarbeiter die Sicherungen durchknallen."

Hohe "Schlagzahl" im Klinikum

Gleichwohl räumt Holland ein, dass der Druck im Klinikum wie überall im Gesundheitswesen in den letzten Jahren eher gestiegen als gesunken ist. "Die Schlagzahl ist im Klinikum sehr hoch und das trägt auch dazu bei, dass keine Zeit mehr da ist, um beispielsweise Probleme wie früher in Pausen zu besprechen.

Dennoch müsse man fair bleiben, sagt Holland. "Wenn es etwas gibt, was wir aus den Vorfällen lernen können, dann werden wir das selbstverständlich tun."