Ach, Karl May. Wer heute diesen Namen in die Runde wirft, wird nostalgisches Seufzen ernten oder amüsiertes Lächeln. In der (Männer-)Generation älter als etwa 45 Jahre war der grüne Band zu Kommunion oder Geburtstag Standard; andere wieder verbinden mit Karl May vor allem die Rialto-Filme der 1960er Jahre. Und starb nicht der deutsch-französische Winnetou Pierre Brice erst vor kurzem?
Das ist wohl wahr. Doch Karl May war mehr als der Schöpfer von auch in der Fremde treudeutschen Helden und edlen Wilden. Der sächsische Fantast (1842-1912) ist ein auch dem fortgeschrittenen Leser hoch interessanter Autor. Um das zu erkennen, muss man freilich einiges über das Leben des einstigen Hochstaplers wissen, muss wissen, wie die Biografie in einzigartiger Weise ins Werk eingeflossen ist.
Ja, hoch seriöse Literaturwissenschaftler beschäftigen sich mit Leben und Schaffen Karl Mays. Und in einer Karl-May-Gesellschaft (KMG) haben sich Gelehrte und Verehrer zusammengeschlossen. Mit über 1700 Mitgliedern ist sie eine der größten literarischen Gesellschaften in Deutschland (zum Vergleich: Die E.T.A.-Hoffmann-Gesellschaft zählt 435 Mitglieder). Und am Wochenende veranstaltete die KMG im Hegelsaal ihren 23. Kongress, gleichzeitig Mitgliederversammlung mit Vorstandswahl.


Karl May und Bamberg

Dabei spielt Bamberg in Sachen Karl May keine unbedeutende Rolle, obwohl er, vermutlich, die Domstadt niemals besuchte. Das referierte Bernhard Schmid zur Eröffnung des Kongresses. Er ist prädestiniert dafür, führt er doch den Karl-May-Verlag in dritter Generation. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte das Unternehmen von Radebeul bei Dresden nach Bamberg über und verlegt mittlerweile ausschließlich Werke von und über Karl May, 80 Millionen sind seit 1913, als der Verlag gegründet wurde, laut Schmid verkauft worden. Der Verlag hat die Stadt geprägt - mit einem Karl-May-Museum, das 1994 nach Radebeul in die "Villa Shatterhand" Mays umzog, mit dem Indianer Silkirtis "Nicki" Nichols, Star in Bamberg von 1966 bis 1971, mit dem Auslieferungslager für Karl-May-Bände in Bug, mit einem bambergaffinen Titel ("Die Herren von Greifenklau") und nicht zuletzt als Arbeitgeber Hans Wollschlägers, der die erste seriöse May-Biografie verfasste, allerdings auch zusammen mit Arno Schmidt den Verlag frontal angriff.
Auch das zieht sich durch die Rezeptionsgeschichte: Streit um Text-Veränderungen, immer wieder um Urheber- und Verwertungsrechte auch. Tempi passati. Mit Wollschläger, der 2007 gestorben ist, hatte sich der jetzige Alleinverleger Bernhard Schmid versöhnt, und es sind genug Reprints und eine historisch-kritische Ausgabe für eine seriöse philologische Beschäftigung mit May greifbar. Der in Bamberg immer eine besondere Rolle gespielt hat: Intendanten des E.T.A.-Hoffmann-Theaters wie Harry Walther und Rainer Lewandowski hatten ein Faible für den Schriftsteller, und Tanja Kinkel ist glühende May-Verehrerin.
Jenseits der bloßen Begeisterung beschäftigen sich Wissenschaftler und Journalisten mit Person und Werken Mays. Davon zeugten beim Kongress Referate mit Titeln wie "Sehnsuchtsorte - kultur- und rezep-tionstheoretische Anmerkungen zu einem Aspekt der Reiseromane Karl Mays" oder "Karl Mays Figuren des ,Dritten Geschlechts‘ ". Während Harald Eggebrecht sich mit dem eigentlich nur May-Spezialisten bekannten symbolischen Spätwerk ("Ardistan und Dschinnistan") beschäftigte und nachwies, dass sich Kolportageelemente auch in den großmystischen Romanen des alten May finden, sprach Rudi Schweikert in einem fulminanten Vortrag über "zwischengeschlechtliche" Erzieherfiguren wie Tante Droll oder Hobble-Frank ("Figuren, die an einem Christopher-Street-Day teilnehmen könnten") und stellte faszinierende Verbindungen zur Biografie des jungen May fest, der ja Pubertät und Adoleszenz in reinen Männergesellschaften verbrachte.


"Frei von Karl May"

Weit mehr verbirgt sich also hinter den Abenteuern Old Shatterhands/Kara Ben Nemsis und Winnetous, als man gemeinhin so glaubt. Doch goutiert auch eine Jugend noch diesen Autor wie so viele Ältere einst mit roten Ohren? Die Jugend wird umgarnt, aber so richtig funktioniert es nicht mehr, war das Fazit einer Podiumsdiskussion. Verleger Schmid räumt das ein und führt die Sättigung deutscher Haushalte mit den grünen Bänden ins Feld und die E-Books. Immerhin verkaufe der Karl-May-Verlag jährlich immer noch mehr als 2000 Winnetou-Bände und von den übrigen (die Reihe ist auf 94 angewachsen) einige 100 pro Titel.
Ihn treibt zurzeit anderes um. Die Constantin-Tochter "Rat Pack" plant für RTL eine neue dreiteilige "Winnetou"-Verfilmung. Schmid kennt die Drehbücher und urteilt vernichtend: "Nicht frei nach, sondern von Karl May." Er hat mit der Münchner Produktionsfirma Aventin, die zum Teil dem aus Bamberg stammenden Wolfgang Behr gehört, einen Verfilmungsvertrag geschlossen. Arbeitstitel natürlich: "Winnetou". Um diesen Namen streitet Schmid beim Gericht der Europäischen Union in Luxemburg mit der Constantin Film. Zuvor hatte er beim "Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt" (HABM) den Schutz der Marke "Winnetou" beantragt. Bereits zwei BGH-Urteile Anfang des neuen Jahrtausends hatten sich mit dem Kasus beschäftigt, mit widersprüchlichem Ergebnis. Der Titel "Winnetou" jedenfalls ist ureigenstes Eigentum des Karl-May-Verlags. Das EU-Gericht verhandelte am vergangenen Mittwoch über die Marke, eine Entscheidung wird erst in einigen Monaten verkündet.
Man sieht, heute wird nicht mit Henrystutzen und Silberbüchse gekämpft, sondern mit juristischen Schriftsätzen. Wie in vielen Vereinen nicht unbekannt, ist auch die Karl-May-Gesellschaft nicht frei von Privatfehden, wovon ein Pamphlet ("notwendige Klarstellung) eines gekränkten May-Forschers zeugte. Den Ablauf des Kongresses störte das nicht, ebensowenig wie die Wiederwahl fast des gesamten Vorstands. Howgh!