Die Entscheidung ist Ursula und Anton Lamprecht nicht leicht gefallen: Am kommenden Samstag schließen sie ihre Gärtnerei an der Ecke Pfisterbrücke/Annastraße. Sie haben sie in der dritten Generation 45 Jahre lang gemeinsam betrieben.

"Für uns ist das die absolute Katastrophe", sagen beide. Aber es geht nicht anders. Vor einem Jahr ist überraschend ihr Sohn gestorben, der die Gärtnerei hätte übernehmen sollen. Das letzte halbe Jahr verbrachte der 78-jährige Anton Lamprecht fast ununterbrochen in Krankenhäusern. Währenddessen musste seine 74 Jahre alte Frau allein zurechtkommen. Zurücklehnen und langsamer treten ging nicht.


Keine Rente

Der Grund: Beide bekommen trotz ihres Alters keine Rente, obwohl sie ihr ganzes Berufsleben lang in die Kasse eingezahlt haben: Für einen Rentenanspruch aus der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung muss ein Betrieb an Nachkommen übergeben oder aber verkauft werden. Das eine ging nach dem Tod des Sohnes nicht mehr, das andere war nicht der Traum der Lamprechts. "Ein total veraltetes Gesetz", sagen die beiden und werden sich nun doch zum Verkauf des Grundstücks entscheiden - schweren Herzens.

Anton Lamprecht kann sich noch an die guten alten Gärtnerzeiten erinnern, wie sie bis zur Teilung Deutschlands Ende der 40er Jahre geherrscht haben. Den Bamberger Gärtnern ging es wirtschaftlich sehr gut. Ihre Produkte waren überall geschätzt und begehrt. In großen Körben brachten sie Gemüse mit der Eisenbahn nach Thüringen und noch weiter. Lamprecht erinnert sich an ein Rettichfest im Erzgebirge, zu dem die Bamberger Gärtner Jahr für Jahr große Mengen an Rettichen lieferten.

Man war wohlhabend, machte jedes Jahr in Garmisch-Partenkirchen Urlaub und zeigte auch zu Hause, was man sich leisten konnte: "Meine Schwiegermutter hatte immer riesige Hüte auf dem Kopf und trug sogar im Blumengeschäft ein Kleid aus Samt", erinnert sich Ursula Lamprecht. Die damals noch junge Ursula, ein "Flüchtlingskind" aus Breslau, hatte anfangs keinen guten Stand in der katholischen Familie Lamprecht, und sie brauchte einige Zeit, um ihren Platz zu behaupten.

Die Grenzziehung zur DDR war der erste harte Rückschlag für das lukrative Geschäft der Bamberger Gärtner. Später begannen die Holländer, den deutschen Gemüse- und Blumenmarkt zu beherrschen, und immer mehr Gärtner gaben auf. "Die meisten haben dann nur noch von der Substanz gelebt", sagen Ursula und Anton Lamprecht. Das bedeutet: Sie haben ihre begehrten Grundstücke verkauft.

Deshalb erinnert vielerorts in der Stadt kaum noch etwas an diese Vergangenheit. An der Starkenfeldstraße/Annastraße sind nur einige wenige Gärtnerhäuser übrig geblieben. Dabei war einmal jenseits der Pfisterbrücke alles Gärtnerland.

Auch Familie Lamprecht hatte dort ihre Felder - auf weitaus größeren Flächen als dem noch existierenden 1000-Quadratmeter-Areal an der Bahnlinie, auf dem sich das Gewächshaus befindet.


Blühender Bombentrichter

Der Großvater von Anton Lamprecht starb mit 95 Jahren beim Arbeiten inmitten seiner Stiefmütterchen am Mannlehenweg - dort, wo heute das Arbeitsamt steht.

Die Familie hat nach dem Krieg unter vielen Entbehrungen und mit großem Arbeitseinsatz aus einem ehemaligen Bombentrichter an der Bahnlinie - ein Munitionszug war kurz vor Kriegsende bei einem Treffer in die Luft gegangen - wieder eine blühende Gärtnerei gemacht. Sommerblumen wie Geranien, Astern und Dahlien haben die Lamprechts selbst gezogen und ihr Sortiment im Blumengeschäft durch Zukäufe erweitert.
Bald ist das alles Vergangenheit - und die Gärtnerstadt Bamberg hat einen Gartenbaubetrieb weniger.

540 Gärtnereibetriebe gab es um das Jahr 1900 in Bamberg. Die Bamberger Gärtner verkauften das frische Gemüse im weiten Umkreis, die Sämereien sogar europaweit.

80 Betriebe waren es noch in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Einrichtung einer gemeinsamen Vermarktungszentrale konnte den weiteren Rückgang nicht stoppen.

Rund 25 Betriebe gibt es heute noch. Viele Betriebe haben sich auf Blumen, Floristik oder aber Stauden spezialisiert. 19 sind in einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen.