Dritter Stock in einem Gründerzeithaus am Rande der Bamberger Friedrichstraße. Von hier oben schweift der Blick frei auf die Prunkbauten der Nachbarschaft mit dem alle Dächer überragenden Justizpalast. Doch wirklich genießen kann Wolfgang Nagl die Aussicht seit langem nicht mehr. Der 76-jährige Ruheständler lebt seit über 35 Jahren hier. Mit einer Lärmquelle zu seinen Füßen, die einzudämmen offenbar nicht möglich ist.

Viele Seiten umfasst der Schriftverkehr mit dem Bamberger Rathaus bereits. Zusammen mit Haus- und Wohnungseigentümern aus der Nachbarschaft, darunter Irene Arbogast-Eisend, kämpft Nagl einen Windmühlenkampf gegen Verkehrslärm, Staub und Erschütterungen, die "zuletzt immer mehr zugenommen haben". Immerhin: 2014 erzielte Nagl einen Achtungserfolg. Auf der Friedrichstraße zwischen Marienbrücke und Schönleinsplatz darf seitdem nur noch 30 Stundenkilometer gefahren werden.

Doch was hat es gebracht? Glaubt man Nagl, dann ist das Leben an der Friedrichstraße von zwei Extremen geprägt. Tagsüber, wenn relativ dichter Verkehr hohe Geschwindigkeiten unmöglich macht, dringt ein gleichmäßiger Lärmteppich in die Wohnung. Der Verkehr rollt von einzelnen Ausnahmen abgesehen ordnungsgemäß. Nicht leise, aber auszuhalten.


Selbst Lkw rasen

Anders sieht es in der Abenddämmerung aus, nachts, in den frühen Morgenstunden und vermehrt auch in heißen Sommernächten. Wie an vielen anderen Orten in Bamberg beginnt dann die Zeit derer, die Tempo machen, die ihre eigene Hektik oder die pure Gedankenlosigkeit über die Gesundheit der Anwohner und die Unversehrtheit der Immobilien stellen. Bei weitem nicht alle, aber einzelne "rasen wie die Wahnsinnigen", sagt Wolfgang Nagl und meint Autos, Motorräder, Lkw: Er glaubt nicht, dass das Problem ohne zusätzliche Tempokontrollen einzudämmen wäre.

Natürlich ist die Friedrichstraße keine Ausnahme in Bamberg. Auch an anderen Hauptverkehrsstraßen wackeln die Wände, wenn Busse über Kanaldeckel rumpeln, klappert zur Hauptverkehrszeit das Geschirr in den Schränken. Für Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) sind Klagen über Krach, Feinstaub und Erschütterungen an Bambergs großen Straßen nichts Neues. Immer wieder wenden sich Bürger an das Stadtoberhaupt. Starke weiß, dass das Problem zugenommen hat. "Ellenbogenmentalität und Aggressivität treten heute öfter auf als früher", meint er.

Doch das ist nicht die einzige Ursache für die zunehmenden Beschwerden: Bamberg erlebt eine geradezu explosionsartige Steigerung der Einwohnerzahl. In der "eigenen Fortschreibung" zählte die Stadt Ende 2016 fast als 75 800 Einwohner. Doch noch deutlicher wächst die Zahl der Autos. So registriert das Amt für Statistik Ende 2015 rund 2500 mehr Kraftfahrzeuge als fünf Jahre zuvor, darunter knapp 1000 zusätzliche Lastkraftwagen und Krafträder. Was passiert, wenn sich dieser Trend noch verschärft? Der Oberbürgermeister legt ein klares Bekenntnis ab: "Wir wollen, dass die Wohnqualität in Bamberg hoch bleibt und keine autogerechte Stadt."

Freilich: Von den immer wieder geforderten "großen Lösungen" wie denen nach einem neuen Verkehrkonzept für Bamberg, einer wie immer gearteten neuen Umgehungsstraße im Westen, rät der OB ab. Seine Erfahrung: "Die Debatte um neue Verkehrsplanungen hat in der Politik mehr Streit ausgelöst als für gute Lösungen zu sorgen." Er empfiehlt Einzelfallentscheidungen. Missstände sollen mit passgenauen Lösungen beseitigt werden. Dazu zählt Starke ausdrücklich neue Tempolimits wie sie jetzt für die Löwenstraße vorgeschlagen sind. Aber auch einem generellen Ausbau der kommunalen Geschwindigkeitsüberwachung ist er nicht abgeneigt.


Knappe Mehrheit für Tempolimit

Wie umstritten neue Verkehrsregelungen sind, lässt sich nicht nur am unglücklichen Ausgang der beiden städtischen Mediationsverfahren ablesen, den letzten Verkehrsprojekten in der Stadt. Sie waren vom Stadtrat nach jahrelangen Vorarbeiten mehr oder weniger pulverisiert worden. Auch unsere Abstimmung zur Frage zusätzlicher Tempolimits am innerstädtischen Ring spiegelt die innere Zerrissenheit Bambergs in dieser Frage: Von 429 Teilnehmern sprachen sich 52 Prozent für mehr Tempolimits am innerstädtischen Ring aus. Mehr als 45 Prozent sind strikt dagegen.


Weinsheimer will Raserbericht

Dass auch die Position der Autofahrer nicht aus den Augen verloren werden darf, dafür hatte kürzlich Stadtrat Dieter Weinsheimer plädiert. Jetzt geht der Mann aus der Bamberger Allianz noch einen Schritt weiter. Weinsheimer fordert eine Übersicht über alle Raserstraßen der Stadt. "Die Verwaltung soll darlegen, wo wann zu schnell gefahren wird und welche rechtliche Möglichkeiten bestehen, dagegen vorzugehen." Erst dann könne der Stadtrat sinnvoll entscheiden - und mit gleichem Maß.