Was auf den ersten Blick aussieht wie ein netter Weihnachtsgruß, wirkte auf einige Bamberger wie ein Schlag ins Gesicht: "Willkommen Zuhause! Die Bayerische Landessiedlung (BLS) möchte allen Käufern auf der Erba-Insel zu ihrem neuen Zuhause ganz herzlich gratulieren und sich für das entgegengebrachte Vertrauen bedanken." Mancher Käufer rieb sich verwundert die Augen, als er die Annonce der Münchner Bauherrin der vier Wohnhäuser Krackhardtstraße 6, 6a, 6b und 6c las.

"Sie können sich gut vorstellen, wie viele Erwerber auf diesen maßlosen Zynismus reagiert haben. Da steht ,Willkommen Zuhause', während man vor Gericht um die Schlüsselübergabe streiten muss und viele Familien seit Monaten, zum Teil seit Jahren in improvisierten Übergangswohnungen sitzen", schimpft ein betroffener Familienvater.

Warten, streiten, klagen

Bau-Verzögerungen um viele Monate, wechselnde Bauleiter, geschasste Rohbauunternehmen, klagende Handwerker und Käufer, Anwaltsschreiben, Gerichtsverhandlungen: Die Fronten sind verhärtet auf der Erba-Insel. Nach unserem Bericht im November hat sich daran offenbar kaum etwas geändert. Ein Bamberger Handwerker berichtet von "Chaos". Ein Kollege versucht mit Hilfe eines Anwalts sein Geld für geleistete Arbeit zu erstreiten. Am meisten leiden aber Familien.

"Einige Käufer versuchen sich nun den Schlüssel zu erklagen, um nicht bald auf der Straße zu stehen, viele sind aber eingeknickt, weil sie nicht mehr konnten", berichtet ein anderer Bamberger, der seinen Namen auch nicht öffentlich nennen will - im Hinblick auf juristische Verfahren. "Zumindest ein Viertel der Erwerber lässt sich mittlerweile anwaltlich vertreten."

Ein Leidensgenosse bestätigt: "Inzwischen ist die Lage so, dass immer mehr Erwerber diesem Druck (Anwälte sprechen von Nötigung) nachgeben, die Geduld verlieren und windige Vorschläge der Bayerischen Landessiedlung akzeptieren, um endlich in die Wohnung zu kommen." Dabei biete die BLS einen Preisnachlass von einigen tausend Euro an, "ein Bruchteil des vertraglich zustehenden Schadensersatzes".

Das Dilemma: Käufer, die zum Teil zwei Jahre in Übergangswohnungen auf die Fertigstellung ihrer Wohnungen warten mussten und entsprechende Mehrkosten hatten, wollen ihren Schaden ersetzt bekommen. Deshalb wollen sie nicht den vollständigen Kaufpreis zahlen. Doch die Bauherrin will Cash sehen, bevor sie die Schlüssel herausrückt. Ein juristischer Stellungskrieg ohne Gewinner.

Wer hat Recht?

In der Darstellung des Problems widersprechen sich die beiden Parteien dabei schon in der einfachen Frage, wie viele Wohnungen denn nun übergeben und bewohnt sind. "Von den 85 Wohnungen sind aktuell 72 abgenommen. Diese Abnahmen wurden wie geplant bis Ende 2020 durchgeführt. Diese Zahl zeigt ja, dass es uns gelungen ist, einen Großteil der Käufer zu überzeugen", berichtet Andreas Bauch, Geschäftsführer der Bayerischen Landessiedlung.

Dagegen berichten die untereinander vernetzten Käufer von gerade einmal 15 bis 20 übergebenen Wohnungen. Damit konfrontiert, räumt Bauch ein: "Ja, wir haben noch nicht 100 Prozent übergeben, aber die genannte Zahl von 15 übergebenen Wohnungen stimmt einfach nicht."

Wer hat nun Recht? Eine mit der Verwaltung betraute Immobilienfirma antwortet nicht auf die Presseanfrage. Auch zwei Anwälte in Vertretung von Käufern und eines Handwerkers hüllen sich in Schweigen. Unstrittig ist nur, dass es sich um eine große Misere handelt.

Der Geschäftsführer der Bauherrin beteuert: "Wenn Sie jetzt rausfahren, werden Sie sehen, dass das Bauvorhaben im vergangenen Jahr fertiggestellt worden ist. Der Teil, der sich mit uns einvernehmlich geeinigt hat, ist überzeugt." Wer sich auf der Erba umschaut, findet sich jedoch auf einer Baustelle wieder.

Bauch berichtet: "Ein Teil der Käufer wird durch Anwälte vertreten. Teilweise sind deren Forderungen unangemessen hoch und auch nicht sachgerecht. Und jedes Mal, wenn wir sagen, wir wollen uns verständigen, werden wir an die Anwälte verwiesen." 16 Käufer sind laut BLS vor Gericht gezogen - schon im Vorfeld der Abnahme. "Wir hatten dadurch noch gar nicht die Chance, die Abnahmen zu machen. Wir versuchen gerade, uns außergerichtlich zu einigen."

Was bei der Münchener Bauherrin so harmlos klingt, beschreiben Betroffene als Albtraum: "Die BLS begegnet eindeutigen Schadensersatzansprüchen mit unverschämten Angeboten und setzt die Käufer weiter massiv unter Druck." Die rechtmäßige Schlüsselherausgabe würde verweigert. "Pech. Man solle doch klagen. Aber das könne fünf Jahre dauern, das würde aber teuer und man würde eh verlieren", sei die Standardantwort der BLS-Anwälte.

Bauch dagegen sagt: "Der Vorwurf, wir würden durch alle Instanzen gehen, ist schlicht falsch. Ich kann Stand heute sagen, dass wir schon knapp 400 000 Euro an Schadenersatz, etwa für Verzugsentschädigungen, an Käufer gezahlt haben, es gibt also einen konkreten Geldfluss an die Käufer." Der Geschäftsführer zeigt sich öffentlich versöhnlich: "Wir wollen keine Prozesse. Wir sind kein Prozessunternehmen. Uns kostet das am Ende mehr Geld. Jeder Käufer ist herzlich eingeladen. Nur wenn der Käufer sagt, wir sollen mit dem Anwalt reden, müssen auch wir einen Anwalt einschalten."

Kommentar des Autors:

Nach unserem letzten Artikel wurden wir von beiden Parteien kritisiert, was meistens ein recht zuverlässiges Zeichen für Ausgewogenheit ist. Den Gordischen Knoten lösen - das können in diesem verfahrenen Fall nur noch Gerichte. Zu tief sitzt das Misstrauen auf beiden Seiten, zu rau ist der Ton der Verhandlungen, zu groß der Frust bei den Bamberger Betroffenen. Nach Gesprächen mit zehn örtlichen Involvierten ist das Bild relativ eindeutig: Kein einziger ließ auch nur ein gutes Haar an der Bayerischen Landessiedlung. Angefangen vom arroganten Auftreten bis zur chaotischen Bauausführung: Die Münchener Bauherren haben auf der Bamberger Erba-Insel verbrannte Erde hinterlassen. Bei der Landessiedlung werden die Verantwortlichen kalkulieren müssen, ab wann der schon jetzt immense Imageschaden größer ist, als die zu erwartende Gewinneinbuße durch faire Entschädigungen an die wütenden Kunden.