Einen direkten Kontakt zwischen Kilian Stürmer und Paul Lehmann gab es nicht. Nun muss eventuell Ilse Aigner zwischen dem von ihr 2016 ausgezeichneten Hallstadter Mittelständler und dem Gewerkschaftssekretär vermitteln. Verdi sieht drei Kündigungen bei Stürmer in direktem Zusammenhang mit der geplanten Betriebsratsgründung. Der Firmengründer wiederum widerspricht dem nicht nur vehement, sondern sieht im Verhalten der Gewerkschaft einen "echten Hammer" und behält sich rechtliche Schritte vor.

Zu den Fakten: In den letzten Tagen hat Stürmer Maschinen GmbH drei Mitarbeitern gekündigt, zweien am Freitag, einem am Montag. Wie Stürmer betont, nicht im Zusammenhang mit einer geplanten Betriebsratswahl, sondern aus Gründen, "die im Haus zum Schutz der Betroffenen keiner außer der Firmenführung kennt." Angesichts möglicher arbeitsrechtlicher Verfahren gibt Stürmer lediglich preis, dass es sich um unterschiedliche Gründe handele.

Für Verdi wiederum befinde man sich bei Stürmer mitten in der Vorbereitung einer Betriebsratsgründung. Die Kündigungen erweckten den Anschein, dass sie damit einhergingen und Stürmer keine Betriebsratswahlen wünsche.

Bislang sei ein Betriebsrat kein ernsthaftes Thema gewesen, erklärt Stürmer dazu. In den letzten zwei, drei Wochen habe die Unternehmensführung von Gerüchten über eine Gründung gehört und sich daraufhin mit der Materie beschäftigt und informiert.

So weiß man etwa, dass entweder eine im Betrieb vertretene Gewerkschaft zur Wahl eines Wahlvorstandes einladen kann, oder drei im Unternehmen Beschäftigte über einen entsprechenden Aushang. Für die Gründung eines Betriebsrates bedarf es laut Betriebsverfassungsgesetz einer Belegschaftsstärke von mindestens fünf Mitarbeitern. Zum Thema Betriebsrat merkt Kilian Stürmer an: "Wir leben in einer Demokratie."

"Es sind uns drei Leute aus der Belegschaft bekannt, von denen es heißt, dass sie sich mit dem Thema Betriebsratsgründung befassen." Die gingen indes ganz normal ihrer Arbeit nach, "natürlich unbefristet, ungekündigt und machen gute Arbeit wie die allerallermeisten, und darauf bin ich stolz," so Kilian Stürmer. Vor 34 Jahren hat er das heute 100 Mitarbeiter starke Unternehmen gegründet mit seinem Bruder Robert als erstem Mitarbeiter, von dem inzwischen schon drei Söhne im Unternehmen mitarbeiten.


Lebensstellung

"Wer hier ehrliche und gute Arbeit leistet, hat eine Lebensstellung und kann bei mir in Rente gehen", zeigt sich der 54-Jährige stolz. Stolz wie auf die Aigner-Auszeichnung im vergangenen Jahr: Stürmer kam aus 2000 Unternehmen unter die Bayern "Top 50", unter anderem wegen nachhaltiger, erfolgreicher Umsatz- und Mitarbeiterentwicklung. "Die meisten Einstellungen basieren auf Mitarbeiterempfehlungen, wir haben eine niedrige Fluktuation, in manchen Bereichen geht sie gegen Null," so Kilian Stürmer. Während er den Preis als Würdigung seines Lebenswerkes sieht, empfindet er das Verdi-Vorgehen als "unerhört".

Wie Stürmer und Lehmann übereinstimmend bestätigen, kam Lehmann am Montag gegen 12 Uhr zur Hallstadter Firma, um Kilian Stürmer zu sprechen. "Ich wusste nicht, worum es geht und er war nicht angemeldet", so Stürmer. Wie der erklärt, war er nur wegen einer dringenden Sache zum Meeting gekommen, obwohl er eigentlich krank war. Lehmann wiederum ließ Stürmer-Mitarbeiter wissen, dass er um 14 Uhr wieder käme.

"Da war Stürmer aber plötzlich erkrankt und nicht zu sprechen", so Lehmann. Stürmer-Mitarbeiter erfuhren dann, dass es um die Kündigungen und die Betriebsratsgründung gehe.

"Stürmer und sonst niemand war für mich der Ansprechpartner", sagt Lehmann dazu. Im Gespräch habe er erreichen wollen, dass die Kündigungen zurückgenommen werden "und die Betriebsratswahlen problemlos stattfinden."

Viele Arbeitgeber seien mittlerweile froh über Betriebsräte als Ansprechpartner, weiß der Verdi-Mann. 10 500 Mitglieder hat die Gewerkschaft allein in Oberfranken-West. Wenn es um Kündigungen und damit Existenzen geht, "kennen wir keinen Spaß", so Lehmann weiter. "Deswegen müssen wir die Öffentlichkeit bitten, sich der Sache anzunehmen." Und jetzt? Man werde nun sehen, "ob Herr Stürmer einlenkt und wenn ja bekanntgeben, dass das Ganze funktioniert und Frau Aigner schreiben, dass sie nicht mehr tätig werden muss".

Die hatte Verdi mit Verweis auf den Preis in die Pflicht genommen. Damit sie Einfluss auf Herrn Stürmer nimmt, sich "des Wirtschaftspreises würdig zu erweisen." Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums bestätigte den Eingang des Verdi-Schreibens am Dienstag und erklärte: "Wir werden uns die Sache anschauen."


KOMMENTAR:

Um es vorweg zu nehmen: Gewerkschaften sind eine unverzichtbare Errungenschaft, auf die unsere Gesellschaft nicht verzichten kann. Ebenso wenig wie auf Pioniere, die es wagen, unternehmerische und persönliche Risiken einzugehen, um vor Ort Arbeitsplätze zu schaffen und dauerhaft zu erhalten. Dazu mögen auch Kündigungen gehören.

Ob die im Falle Stürmer rechtens waren, werden letztlich Juristen zu prüfen und zu entscheiden haben.
Schade, dass Unternehmer und Gewerkschaft, sagen wir aus Missverständnissen heraus, im Vorfeld der Aigner-Alarmierung nicht mit einander sprechen konnten. Womöglich hätte hier einiges klar gestellt werden und sich womöglich auch Lösungsansätze abzeichnen können - bevor eine Lawine losgetreten wurde.

Ob und wie Staatsministerin Ilse Aigner hier tatsächlich in Erscheinung oder gar Aktion treten wird, mag dahingestellt bleiben. Gerade in einem Wahljahr wird es sich jeder Politiker, der prestigeträchtige Ämter bekleiden will, wohl intensivst überlegen, auf welche Nebenschauplätze er sich einlassen möchte.

Freilich kann man Verdi vom Grundsatz her verstehen, dass ein auch für Mitarbeiterentwickung gelobtes Unternehmen, wenn es gerade auf diesem Sektor "Sünden" zu begehen scheint, sauer aufstößt. Rigoroses Vorgehen bei nachweislichen Verstößen und bedrohten Existenzen verdient Respekt. Gleichwohl können unreflektierte Schnellschüsse gerade auch Existenzen gefährden. Deswegen ist Augenmaß gefordert.