Mit klammen Händen in der Samstagskälte, aber guten Mutes hielt Amelie Panzer unverdrossen ein Plakat in die Höhe. Darauf das Foto eines nicht gerade glücklich dreinschauenden Schweines und die schriftliche Aufforderung "Seien Sie kein Schnäppchenjäger". Die fünfzehnjährige Amelie stand aus Überzeugung am Gabelmann: "Es ist nicht okay, wie Tiere für den Konsum gehalten werden", beklagte die Vegetarierin. Ihre Schwester Neele (17) nickte zustimmend. Auch sie, die sich ebenfalls fleischlos ernährt, demonstrierte mit: "Schluss mit Billigfleisch!" "Fleisch aus besserer Tierhaltung" lauteten ihre Forderungen und warben bei Passanten um Unterschriften auf entsprechenden Postkarten.

Amelie und Neele gehören zur Jugendgruppe der Umweltschutzorganisation Greenpeace Bamberg, die sich diesem bundesweiten Aktionstag gegen die Billigfleisch-Angebote in Supermärkten und Discountern angeschlossen hatte. Die erwachsenen Organisatoren der Bamberger Aktion, Dietmar Schneider und Agathe Kocher, hatten einen konkreten "Übeltäter" ins Auge gefasst: den Rewe-Markt in der Langen Straße. "Wir wollten unseren Stand direkt vor Rewe aufbauen, haben aber aus Sicherheitsgründen keine Genehmigung von der Stadt bekommen", begründen die beiden Greenpeace-Aktivisten den Umzug an den Gabelmann.

Gleichwohl sind sie zuvor direkt im Rewe aufgetaucht und "haben Kunden offensiv angesprochen, bis Mitarbeiter sie aufgefordert haben, das zu unterlassen", erklärt der Marktleiter gegenüber unserer Zeitung. Dennoch hat er am Ende des Aktionstages rund 250 unterschriebene Postkarten entgegen genommen und den Greenpeace-Vertretern zugesichert, diese Karten an die bayerische Rewe-Zentrale in Eching weiterzuleiten.

Blick auf die Packungsaufdrucke

"Unser Hauptanliegen ist, die Kunden dazu zu bewegen, das Fleisch der tierwidrigen Haltungsformen 1 und 2 in den Regalen liegen zu lassen und dafür das höherwertige Fleisch der Haltungsformen 3 oder 4 zu kaufen", erläuterte Dietmar Schneider den Hintergrund der Aktion. Die meisten Supermarktketten wie Real, Edeka, Netto, Rewe, Penny, Aldi, Lidl und Kaufland hätten in den vergangenen Monaten bei Frischfleisch Packungsaufdrucke eingeführt, die Aufschluss über die Umstände geben, unter denen die Schlachttiere aufwachsen.

"88 Prozent des verkauften Frischfleisches der Supermarkt-Eigenmarken stammen aus schlechter Tierhaltung", fasste Agathe Kocher eine Umfrage von Greenpeace Deutschland (Oktober 2019) zusammen. Und da seien die Wurstprodukte und fast das gesamte Fleisch aus den Frischfleischtheken noch gar nicht erfasst, weil sie nicht gekennzeichnet seien, beklagt Kocher.

Ihr ist bewusst, dass sich die deutschen Verbraucher gerne als Tierschützer geben. Die Tierliebe aber an der Kasse aufhört. Agathe Kocher kennt nur zu gut die Entgegnung beim Thema Billigfleisch: "Man kann sich das teurere Fleisch ja gar nicht leisten!" Die Greenpeace-Frau ist sich aber sicher, dass es eben doch geht, "wenn wir von dem übermäßigen Konsum von Billigfleisch und Lockangeboten wegkommen und ein gutes Schnitzel oder Hähnchenfleisch an wenigen Tagen in der Woche genießen". Also "weniger Fleisch, dafür ab und zu gute Qualität", so Kocher. Und: "Den Bauern müssen faire Preise für eine bessere Produktion gezahlt werden." Um den Umbau der Tierhaltung zu einer tierfreundlicheren Haltung zu unterstützen, sei es auch denkbar, für die ökologische Fleischerzeugung den für Lebensmittel ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent beizubehalten, und für tierschutzwidrige Fleischprodukte die Mehrwertsteuer auf 19 Prozent zu erhöhen.

Nachfrage der Verbraucher entscheidet

Für den von Greenpeace angeprangerten Rewe-Supermarkt steht jedenfalls fest: "Die Durchsetzung höherer Standards ist nur durch entsprechende Nachfrage bei den Verbrauchern möglich." Das erklärt die Sprecherin der Rewe Markt GmbH Region Süd, Ursula Egger, auf Anfrage unserer Zeitung. Grundsätzlich wolle Rewe im Sinne des Tierwohls höhere Tierschutzstandards und sei diesbezüglich seit Jahren im intensiven Dialog mit den Landwirten und der Politik, so die Sprecherin.

Erste Schritte seien regionale Fleischprogramme nach den Kriterien des staatlichen Siegels "Geprüfte Qualität Bayern". Das Schweinefleisch erfülle die Kriterien der Haltungsstufe 2, das Strohschwein-Programm die Haltungsstufe 3. Im Rindfleischbereich sei "die Materie viel zu komplex", meint Ursula Egger: "Es braucht Zwischenschritte, da in Bayern noch sehr die Anbindehaltung auf den Höfen verbreitet ist".

Die Rewe-Sprecherin verweist auf das "große Angebot an Bio-Fleisch im Selbstbedienungsbereich", das der Haltestufe 4 entspreche und die strengen Naturland-Richtlinien erfülle. Rewe-Geflügel entstamme der Haltungsstufe 2, zudem werde an den Theken Freiland-Geflügel mit Haltungsstufe 3 verkauft. Ursula Egger: "Die Rewe in Bayern bietet jedenfalls bereits heute schon überwiegend Fleisch, das über dem gesetzlichen Standard liegt."

Kommentar von Marion Krüger-Hundrup

Ätere Generationen wissen nur zu gut, dass in ihrer Kindheit und Jugend nur selten Fleisch auf den Mittagstisch kam. Der Sonntagsbraten war so heilig wie der Tag des Herrn. Inzwischen verzichten noch zu wenige auf den täglichen Genuss von Schnitzel, Steak und Hackfleisch. Gibt es diese tierischen Produkte doch im Übermaß - und eben recht billig. Kein Wunder, dass am grünen Schreibtisch von nachhaltiger Landwirtschaft und Tierwohl geträumt wird. Und dass gerade die kritische Jugend auf Veränderungen im Konsumverhalten und in der Tierhaltung drängt.

Die jungen Greenpeace-Aktivisten, die am Samstag einen Supermarkt mit Billigfleischangeboten auf's Korn nahmen, verdienen Respekt. Und besonnene Unterstützung. Die kann jeder und jede leisten, indem bewusster mit dem hochwertigen Lebensmittel Fleisch umgegangen wird. Indem die politisch Verantwortlichen dazu gedrängt werden, die Voraussetzungen für faire Preise und langfristige Verträge mit bäuerlichen Betrieben zu schaffen. Letztlich geht es auch um Tierschutz, um die generelle Einführung von Haltungsformen, die unseren Mitgeschöpfen Qualen ersparen und die artgerecht sind. Es müssen ja nicht gleich "Fridays for pigs" ausgerufen werden. Obwohl: Warum eigentlich nicht?! Zumindest dann, wenn die Menschen nicht aus den Augen verloren werden, die sich mit ihrem schmalen Geldbeutel teurer gewordenes Fleisch nicht leisten können.