Am Samstag spielten The Rolling Stones das letzte Deutschlandkonzert ihrer No Filter-Welttournee. Das Publikum stand auf den Stühlen.
Ein Konzert der Rolling Stones hat seine revolutionäre Kraft schon lange verloren. Man kann sich allenfalls über die Ticketpreise beschweren, sich über Stühle im Innenraum mokieren und The Rolling Stones als kapitalistisches Wirtschaftsunternehmen diffamieren, das seine Seele schon lange an den Teufel verkauft hat - aus der Sympathie für ihn haben sie ohnehin nie einen Hehl gemacht.
Bratwurst, Bier und Band-Shirts
War man etwa am Samstag beim letzten der zwei Deutschlandkonzerte ihrer "No Filter"-Welttournee in
Stuttgart im Stadion, fühlte man sich ein wenig wie auf einem Altstadtfest. 43 000 Männer und Frauen mittleren Alters, die Bratwurst essen, Bier aus Plastikbechern trinken, vereinzelt inspirationslose Band-Shirts tragen - oder was sie halt für angemessen rockig halten.
Früher haben die Fans noch Konzertsäle mit den Stühlen demoliert. Heute kann man sich das überteuerte Stadionbier leisten, um damit auf die vergangene Jugend zu trinken. Das ist dann in etwa so, wie wenn die Stones "Street Fighting Man" spielen. Sollten die Band und ihre Fans tatsächlich mal Straßenkämpfer gewesen sein, heute sind sie es ganz sicher nicht mehr.
Aber egal, denn Rock 'n' Roll ist, wenn es einem egal ist, und mit besagter Eröffnungsnummer gingen die Rolling Stones gleich von Null auf Hundert in drei Gitarrenanschlägen. Das saß, im Gegensatz zu den Fans. Auf den Stühlen standen sie und feierten den Rock, das schönste und tröstlichste Mittel zur fröhlichen Weltflucht. Und wer sie auf der Bühne sieht und ihre Spielfreude hört, der spürt diese Lust zum Improvisieren und die Kraft, die Keith Richards' ikonische Riffs noch heute haben.
Die Kunst der Stones bestand immer darin, nicht alle denkbaren, sondern nur die richtigen Töne zu spielen. Dass dabei kein Chaos, sondern eine rhythmisierende Lässigkeit entsteht, ist dann die hohe Kunst, die kaum eine Band so gut beherrscht. Vermutlich könnten alle Vier am grauen Star leiden, sie würden trotzdem genauso
tight zusammenspielen, wie sie es in Stuttgart getan haben.
Ein mitreißendes Konzert
Gute zwei Stunden spielten sie das übliche Best-of-Set, allerdings ohne überflüssigen Balladenballast, was der Stimmung nur gut tat. Die große Blues-Oper "Midnight Rambler" oder das sexy "Miss You" wurden mit Solos ausgedehnt. Ron Wood spielte eine elegante Slide-Gitarre zu Richards raubeinigem und herzrührendem Stück "You got the silver". Mick Jagger steuerte immer mal wieder eine wunderbare Mundharmonika bei. Aber eigentlich ist er der geborene Bühnenmann, heizte das Publikum von jeder Bühnenseite und dem Laufsteg entlang an.
Der Rest der Band hat sich nur selten ein paar Schritte von Schlagzeuger Charlie Watts wegbewegt. Der hielt den ganzen Laden mit einem erstaunlich kraftvollen Spiel zusammen, was vor allem dem treibenden "Paint it black" den letzten Kick gab. Die Fans feierten und sangen mit; nicht, weil da eine Sehnsucht nach Früher war, ein Zitat früher Heldentaten und Jugendsünden, sondern weil die Rolling Stones auch heute noch mitreißende Konzerte spielen.
Das ist nämlich der wahre Rock: ein Theaterstück aufzuführen, nur um ein wenig Spaß zu haben - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ihr Credo war nie "Lebe schnell, sterbe jung", sondern eher: "Lebe lange genug, um den Blues zu spielen". Und das tun sie, bis sie von ihren treuen Fans mit den Füßen voran von der Bühne getragen werden.