Die kleine Mina staunt nicht schlecht, als Papa Marco die Holztür öffnet und sie dann direkt echten Bienen bei der Arbeit zusehen kann. Eigentlich wäre Familie Schinabeck aus München jetzt auf Bali. Aber angesichts der coronabedingten Einschränkungen sind die drei froh, bei ihrem Kurzurlaub in Bamberg auch einen Ausflug zum Baumwipfelpfad bei Ebrach einbauen zu können. Wie etliche andere, die sich an diesem Wochentag einigermaßen entspannt über das großzügige Gelände am Radstein bewegen. Pfadleiterin Barbara Ernwein ist ihrerseits erleichtert, dass nach acht Wochen Zwangspause hier wieder, wenn auch streng geregelt und limitiert, Betriebsamkeit herrscht.

Am 17. März hätte der Baumwipfelpfad eigentlich seinen vierten Geburtstag gefeiert, aber dann kam Corona und mit dem Virus ein achtwöchiger Lockdown auch am Pfad. Gerade noch rechtzeitig kamen im Mai dann erste Lockerungen, so Ernwein, denn sonst hätte man einigen der insgesamt gut 20 Mitarbeiter kündigen müssen. So konnten zunächst Überstunden abgebaut werden. Dann gab es Schulungen und für manche Homeoffice. In die Zeit der Schließung fiel die turnusmäßige jährliche Bauwerksprüfung, die der 42 Meter hohe Aussichtsturm und der 1,1 Kilometer lange Pfad ohne Bedenken bestanden.

Alles umgeworfen

Corona warf wie überall auch beim Baumwipfelpfad von heute auf morgen alle Pläne um. Der fein ausgearbeitete Veranstaltungsplan ist jetzt praktisch ein Fall für den Abfall. Nur die Falknertermine bleiben bestehen. Was Bestand hat, ist der für rund 200 000 Euro errichtete neue Gebäudetrakt am Pfadausgang. Wie sich gezeigt hatte, wird hier, zusätzlich zum Eingangsbereich, eine weitere Toilettenanlage gebraucht. Zudem ist an dieser Stelle nun auch ein weiterer Kiosk untergebracht.

Als weitere Neuerung wird dem regelmäßigen Pfadgast auffallen, dass Hirsch Leopold und sein Harem fehlen. Stattdessen streifen derzeit eine Rothirschdame und zwei weibliche Jungtiere durchs Gehege. Im bisherigen Streichelwald findet sich nichts, was gestreichelt werden könnte. Das wäre in Corona-Zeiten sowieso nicht machbar. Andererseits erklärt Barbara Ernwein das mit einem neuen Konzept: Künftig sollen Sikahirsche hier einziehen, die man dann freilich nicht streicheln kann. Dafür kann man einen Teil des großzügig erweiterten Areals betreten und dem Wild näher kommen. "Diese Tiere passen dann auch besser zum Wald als Ziegen und Hasen." Das Pfad-Personal betreut die Tiere künftig selbst, wozu Ernwein sich das Wissen in einem Sachkundelehrgang aneignet. Bislang stehen Kollegen aus Pegnitz beratend zur Seite.

Als weiteres Novum wird es für Kinder eine Erinnerungsbroschüre geben. Das Werk sollte bis Ostern vorliegen. Aber auch hier hatte Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Da sind dann einfach andere Arbeiten dazwischengekommen," so Ernwein.

Corona bleibt ein Thema. Der Pfadbesucher ist mit Auflagen unterwegs: Es gilt der übliche Abstand im Kassenbereich, wo die Besucher bisher so "losgeschickt" wurden, dass sich auf der 220 Quadratmeter großen Aussichtsplattform nie mehr als 20 Personen befinden. Alle zehn Minuten durften 20 auf den Pfad. Oben hatte dann jeder zehn Minuten, um die Aussicht zu genießen. Farbige Streifen leiten die Menschen auch weit über den Wipfeln. Besonders am besucherträchtigen Pfingstwochenende gab es Wartezeiten.

Um derartiges zu vermeiden, kann man sich übers Internet (info-baumwipfelpfad@baysf.de) ein Zeitfenster reservieren.

Mit diesem Montag dürfen im Zuge der weiteren Lockerung übrigens zwischen 9 und 18 Uhr doppelt so viele Besucher auf den Pfad. Trotzdem gehen mit den Maßnahmen die Besucherzahlen zurück. Schon 2019 (130 000 Besucher; 2018: 150 000) hatte der Pfad Einbußen, da die Einrichtung nur aus dem Osten ohne Einschränkung (Bauvorhaben/Sperrungen) zu erreichen war. Aus dem Süden bleibt es durch die Sperrung des Ebracher Gemeindeteils Buch weiterhin schwierig. Viele Besucher kommen derzeit aus dem Radius einer Autofahrstunde.

ÖPNV verbesserungsfähig

Verbesserung wünscht sich Barbara Ernwein beim ÖPNV. Über den VGN sei man über den Steigerwaldexpress gut angebunden, aus Unterfranken dagegen nicht.

Ein anderes Thema, mit dem man am Pfad immer wieder konfrontiert wird, ist der Eintrittspreis. 22 Euro für eine Familie, egal wie viele Kinder, findet Ernwein, selbst dreifache Mutter, nicht zu teuer. Ebenso wie zehn Euro für den Erwachsenen. In anderen Einrichtungen müsse man im Gegensatz zu Ebrach fürs Parken zahlen und oftmals auch für den Toilettengang. Der, so rechnet Ernwein vor, koste den Pfad übrigens 1,50 Euro (für Wasser, Abwasser, Strom und Reinigung). Eine weitere Besonderheit: Für Geburtstagskinder ist der Pfadbesuch in Ebrach ab heuer kostenlos.

Hier ist es auch schön

Weder Katharina Schinabeck noch Tochter oder Mann haben Geburtstag.

Macht nix. Man genießt die große Freiheit: "Bei uns in München ist auf Freiflächen ein höherer Nutzungsdruck." Wie gesagt, sie wären nach ihren Plänen nun eigentlich auf Bali, finden aber: "Hier ist es auch schön", strahlt Papa Marco. Man sei froh, nicht so viele Einschränkungen zu haben wie in München und überhaupt wieder unterwegs sein zu können.

KOMMENTAR:

Ein Gewinn

Wer hätte sich vorstellen können, dass er sich hoch oben über den Wipfeln der Bäume beschränken muss. Zeitlich. Weil man auf 42 Metern nur zehn Minuten hat, um ein so ungewohntes Panorma zu genießen; und bei der Geschwindigkeit, weil Langsamere auf dem Weg nach oben nicht überholt werden dürfen. Und trotzdem, auch mit dem Pfad ist ein Stück Freiheit zurückgekehrt. Ein Stück Unbeschwertheit. Genuss in der Natur und von Natur.

In Anlehnung an einen uralten Werbespruch wird man wohl sagen dürfen, nie war der Baumwipfelpfad so wertvoll wie heute: Nachdem Menschen in Wohnungen so lange und dicht auf einander gesessen hatten. Raus in die Natur und in den Wald. Da zahlt es sich nun aus, dass die Verantwortlichen weiter an der Attraktivität gearbeitet haben. Dazu zählen weitere Spielgeräte, WCs und der Kiosk. All dies trägt dazu bei, dass mit der Tour auf dem Pfad der Aufenthalt im Wald nicht vorbei sein muss.

In dem Sinn bleibt die Einrichtung gerade in Corona-Zeiten ein echter Gewinn für die Region. Touristisch und für die Einheimischen.