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Günther Reitzner: Streitbarer Schiedsrichter mit Pfiff

50 Jahre Schiedsrichter in fünf Anekdoten: Schiedsrichter Günther Reitzner war mehr als 3000 Mal im Amateurbereich im Einsatz und einiges zu berichten.
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Günther Reitzner. Archiv
Günther Reitzner. Archiv

"Pfiffikus und Reizfigur", "Reitzners folgenschwere Pfeifentöne", "Pfeifenmann war mutig" - drei von vielen Schlagzeilen aus der Karriere von Günther Reitzner. Der Obmann der Schiedsrichtergruppe Bamberg war mehr als 3000 Mal im Amateurbereich im Einsatz und Assistent in der Bundesliga und im Europapokal. Nun feiert der 72-jährige, in Hallstadt geborene Tuchenbacher sein 50-jähriges Schiedsrichterjubiläum - und blickt in fünf Anekdoten auf die fünf Jahrzehnte zurück.

Anekdote 1: Der 1. FC Nürnberg weckt die Leidenschaft

"Mein Interesse am Schiedsrichterwesen war schon immer da, auch als ich noch als Torwart in Stegaurach gespielt habe. Aber meine Leidenschaft fürs Pfeifen wurde erst durch einen Zufall und den 1. FC Nürnberg geweckt. Ich habe Anfang der 1970er in Nürnberg bei der Baustoff-Union gearbeitet. Mein Chef war Walter Luther, der auch Präsident des Clubs war. Eines Tages hat mich Luther in sein Büro zitiert und mir ein überraschendes Angebot gemacht. ,Sie pfeifen doch', hat er gesagt. ,Wir bräuchten heute Abend noch einen Schiedsrichter für ein Trainingsspiel zwischen dem FCN und einer Bundeswehrauswahl.'

Ich habe sofort zugesagt, aber nicht verraten, dass ich noch ziemlich unerfahren war. Ich hatte gerade erst den Schiedsrichterlehrgang gemacht und zuvor nur etwa 20 Jugendspiele gepfiffen. Und plötzlich stand ich mit hochkarätigen Spielern wie Dieter Nüssing, Fritz Popp, Manfred Drexler und Rudolf Kröner auf dem Platz. Linienrichter hatte ich nicht. Im Spiel ging es zur Sache, und es war schwer zu pfeifen, aber es lief für mich richtig gut - und vor allem hat es viel Spaß gemacht. Da war mir klar: Wenn ich so ein Spiel pfeifen kann, dann bin ich auch für höhere Aufgaben als Schiedsrichter bereit.

Meine Karriere verlief aber nicht wie im Aufzug. Einige Mal musste ich mich gedulden, bevor ich eine Klasse aufgestiegen bin. Rückblickend bin ich der Meinung, dass sich meine Leistungen letztlich durchgesetzt haben. Ein Vorteil war sicherlich auch, dass ich mir seit dem Club-Spiel keine Gedanken mehr gemacht habe, wer mit mir auf dem Platz steht. Ich habe kein Muffensausen vor gestandenen Spielern, für mich spielt immer Verein A gegen Verein B. Nur dann ist es auch möglich, faire und wenn nötig auch unpopuläre Entscheidungen, wie in knappen Partien einen Elfmeter in der Nachspielzeit, zu pfeifen. "

Anekdote 2: Der dreiste Trick vom Mann in Schwarz

"Mittlerweile war ich in Nürnberg Geschäftsführer der Großhandelsfirma Kempfer, deren Hauptsitz in Krefeld war. Der Chef kam zweimal im Jahr von Niederrhein nach Franken - und das meist sehr kurzfristig. So rief er mich am Freitagabend an, dass ich ihn am Samstagmorgen in Nürnberg vom Flughafen abholen und mir den Tag für Besprechungen frei halten soll. Da war ich in der Zwickmühle. Ich war nämlich auch für das A-Jugendspiel Bayern München gegen 1. FC Nürnberg in Amberg eingeteilt. So ein zuschauerträchtiges Endspiel um die bayerische Meisterschaft bekommt man als Schiedsrichter nicht oft. Bei Bayern spielten damals unter anderem die späteren Nationalspieler Markus Babbel und Dietmar Hamann.

Guter Rat war teuer. Obwohl ich weiß, dass Notlügen tabu sind, habe ich trotzdem eine angewandt. Ich habe mir einen schwarzen Anzug angezogen, bin früh zum Flughafen gefahren und war meinem Chef gegenüber sehr wortkarg. So hat er mir abgenommen, dass ich nachmittags auf eine Beerdigung muss. Also durfte ich mich gegen Mittag von der Besprechung abseilen und habe mich auf einem Parkplatz mit meinen Schiedsrichterkollegen getroffen. Die haben verdutzt geschaut und sehr gelacht, als ich mich am Parkplatz umgezogen habe. Und dann ging es auch schon zum Spiel.

Das Risiko, das ich damals eingegangen bin, wurde mir erst später bewusst. Hätte mein Chef von dem Schiedsrichtereinsatz Wind bekommen - mein Name stand in einigen Zeitungen -, wäre ich gekündigt worden. Ich hatte ziemliches Glück und war einfach zu geil auf dieses Spiel. Wohl auch weil ich kurz zuvor von einer Bayernligapartie zwischen Augsburg und 1860 München abgezogen und für ein DFB-Pokalspiel der Damen eingeteilt worden war - 300 statt 30 000 Zuschauer. "

Anekdote 3: Calmund wird zum Klamottenlieferanten

"Mein größter Makel ist, dass ich oft auf den letzten Drücker auf dem Platz angekommen bin. So auch bei einem DFB-Pokalspiel in Leverkusen in den 80er Jahren. Bei Spielen auf diesem Niveau ist es üblich, dass die Schiedsrichter einen Tag vorher anreisen. Das habe ich getan, allerdings auch um am Spieltag noch einen Geschäftstermin wahrzunehmen. Der hat dann etwas länger gedauert. Zu allem Unglück habe ich mich auf dem Weg zum Spiel noch im Feierabendverkehr total verfranzt.

Erst 15 Minuten vor Anpfiff bin ich angekommen - und hörte eine Stadiondurchsage, dass unter den Zuschauern nach einem Schiedsrichterassistenten gesucht wird. Und dann stand schon Reiner Calmund vor mir: ,Wo kommst denn du her? Wird ja langsam Zeit!' Ich bin schnurstracks in die Schiedsrichterkabine, wo meine Kollegen - Hauptschiedsrichter war Adolf Ermer aus Weiden - kein Wort mit mir geredet haben. Die waren richtig sauer. Erst recht, als ich festgestellt hatte, dass ich mein Schiedsrichterdress im Hotel vergessen hatte.

Doch dann stand mir Calmund zur Seite. Er organisierte einen Polizisten, der mit dem Motorrad in mein Hotel fuhr und das Trikot holte. Der Fahrer war richtig schnell, doch das Spiel wurde wegen mir mit 15 Minuten Verspätung angepfiffen.

Nach dem Spiel war meine größte Sorge, dass der Reporter beim Spielbericht im Fernsehen sagt, dass ein Schiedsrichter an der Verspätung Schuld war. Das wäre das Ende meiner DFB-Karriere gewesen. Doch das blieb mir erspart, ich war noch etwa zehn Jahre auf diesem Topniveau im Einsatz. Calmund bin ich immer mal wieder begegnet, wir haben über viele Dinge geredet, aber nie mehr über diesen Trikot-Vorfall."

Anekdote 4: Sieben Spieler auf einen Streich

"Spiel in der damaligen A-Klasse, heutige Kreisliga. TSV Neuhaus gegen Türkischer SV Erlangen. Bis kurz vor Ende stand es 0:0, es gab nicht mal eine Gelbe Karte. Doch mit der Ruhe war es vorbei, als ein Neuhauser gegen den am Boden liegenden SV-Torwart mit gestreckten Bein nachsetzte. Ich pfiff sofort Foul, aber dann folgte ein Schrei, den ich nicht verstanden habe. Etwa 50 Zuschauer stürmten plötzlich den Platz. Es entwickelte sich eine Schlägerei, es war ein riesen Zirkus. Ich stand etwas abseits und habe notiert: Nummer 4 Faustschlag, Nummer 9 Arschtritt,...

Nach etwa zehn Minuten hatten sich die Emotionen gelegt. Aber was tun? Abbruch? Ich hatte in meiner langen Karriere noch nie ein Spiel abgebrochen. Ich habe ruhig mit den Teams gesprochen und sie an der Mittellinie aufstellen lassen. Abwechselnd habe ich für beide Mannschaften Rote Karten verteilt - insgesamt sieben Stück. Es war wohl die richtige Mischung aus Besonnenheit und konsequentem Handeln, denn es gab keine Beschwerden. Ich konnte das Spiel wieder anpfeifen und mit den dezimierten Teams zu Ende bringen.

Dagegen war ein Trainer bei einem Spiel in Forchheim nicht so besonnen. Er war mit meinen Entscheidungen nicht einverstanden und revanchierte sich nach dem Spiel: Mit eiskaltem Wasser hat er mich beim Duschen abgespritzt. Aber das ist eine andere Geschichte. "

Anekdote 5: Ärger mit dem Fußballverband

"Ich hatte schon immer einen großen Gerechtigkeitssinn und nehme nie ein Blatt vor den Mund. Das gilt auch für meine mittlerweile 27 Jahre als Schiedsrichter-Funktionär. So werfe ich in der von mir herausgebrachten Bamberger Schiedsrichter-Zeitung "Dompfiff" - sie erscheint seit 1986 jährlich - einen kritischen Blick auf den Fußball im Allgemeinen - und das hat nicht immer allen gepasst.

Als ich mich auf einen Artikel im BLSV-Verbandsmagazin "Bayernsport" berief und süffisant die Frage stellte, was mit den hohen Spendengeldern von Lotto Bayern passiert und warum sie nicht bei den Vereinen ankommen, unterstellte mir der Bayerische Fußballverband unsportliches Verhalten und verbandsschädigende Falschaussagen. Es folgte eine Anzeige, die ich mit einer Gegenanzeige gegen mehrere Verbandsoffizielle beantwortete. Ich musste viel Kritik vom BFV einstecken - auch öffentlich.

Nach mehreren Monaten war klar, dass ich entweder aus dem Verband geworfen werde oder einen Kompromiss eingehen muss. So akzeptierte ich eine zehnmonatige Funktionssperre. So eine lange Sperre gab es - meiner Kenntnis nach - noch nie, da hat der BFV ein Zeichen gesetzt.

Im Nachhinein bereue ich den Artikel im "Dompfiff" aber nicht. Ich halte es heute noch für richtig, dass ich der Verbandsspitze in diesem Punkt die Stirn geboten habe. Es ist wichtig, seine Meinung zu vertreten, wenn man von etwas überzeugt ist. Und geschadet hat mir die Sperre rückblickend nicht."