321 Bundesliga-Spiele für den Hamburger SV, 60 Tore als Mittelfeldspieler und 1992 sowie 1996 fast mit zur EM gefahren: Harald Spörl hat eine Karriere hingelegt, von der viele träumen. Öffentliche Auftritte zählen aber nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, vielleicht gilt er deshalb als einer der meist unterschätzten Bundesliga-Spieler der 90er Jahre. Am 31. Oktober feierte der Bamberger seinen 54. Geburtstag.

In einem seiner seltenen Interviews spricht "Lumpi" über seine Karriere und die Zeit danach, die Beziehung zu Hasan Salihamidzic, seltsame Dialoge mit Ernst Happel, warum es nicht für die Nationalmannschaft gereicht hat - und wieso er seine vier blauen Müllsäcke gerne wieder zurückhaben möchte.

Herr Spörl, es war nicht einfach, in der Vorbereitung auf dieses Gespräch Interviewszenen aus Ihrer aktiven Zeit zu finden. Oder zu erfahren, was Sie aktuell machen. Sie sprechen sehr selten über sich.

Harald Spörl: Das ist mein Naturell, so war ich schon immer. Für mich war der Fußball ein Beruf, ein Job wie jeder andere. Und den habe ich wohl ganz gut gemacht. Etwas besonderes ist es für die Außenstehenden gewesen, weil es die Bundesliga war und sie mich im Fernsehen gesehen haben. Meine Karriere ist fast 20 Jahre her. Das war einmal und ist vorbei. Warum sollte ich noch Interviews geben? Anfragen gibt es ab und zu, aber ich mache es eher ungern. Für mich sind Ärzte oder Sanitäter viel wichtigere Menschen, die mehr Interessantes zu berichten hätten als ich. Ich war doch nur Fußballer.

Eine Autobiografie von Ihnen wird also niemals erscheinen?

Ein Buch könnte ich ohne Probleme schreiben: Hamburg in den 90ern, Geschichten gäbe es da genug. Ich müsste aber irgendwen in die Pfanne hauen und alte Sachen auspacken. Wozu? Ich bilde mir auf die Zeit beim HSV nichts ein, habe das nie raushängen lassen und bin mir immer treu geblieben. Daher würde ich nie auf die Idee kommen, ein Buch über andere zu schreiben.

Nach ihrer Karriere waren Sie Scout beim HSV, 16 Jahre lang bis 2018. Und jetzt?

Beruflich sind die vergangenen zwei Jahre unspektakulär verlaufen, ich arbeite beratend in einer Spieleragentur mit und profitiere da natürlich von den Kontakten über all die Jahre. Seit zwei Jahren bin ich aber nur noch ganz selten bei Spielen, und nur, um jemanden zu beobachten. Ich habe 31 Jahre im Profibereich gearbeitet und jede Woche zig Spiele gesehen. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich nichts mehr sehen wollte. Auch im Fernsehen schaue ich mir nur ausgewählte Spiele an. Fußball war mein Beruf. Jetzt mache ich nur noch das, worauf ich Lust habe und genieße die Zeit mit der Familie. Inzwischen sind wir Großeltern. Die beiden Hunde halten uns auch auf Trab.

Heutzutage will wohl jedes zweite Kind Profi-Fußballer werden. Sie einst auch?

Nein, nie. Nach der Schule wurde der Ranzen in die Ecke gepfeffert, dann ging es auf den Bolzplatz. Abends mussten noch schnell die Hausaufgaben erledigt werden. Hat es nicht gepasst, gab es natürlich Ärger. Es war Ende der 70er, Anfang der 80er, da träumte kaum jemand davon, Fußball-Profi zu werden. In der Jugend hatte ich irgendwann aufgehört, weil ich keinen Bock mehr hatte. Da waren die Kumpels wichtiger, wie es in dem Alter eben so ist. Als ich mit 16 meine heutige Frau kennengelernt habe, habe ich wieder angefangen. Ich hatte nun einen Bezugspunkt, der mir gefehlt hat. Niemals hätte ich aber einen Gedanken daran verschwendet, mal in der Bundesliga zu spielen. Das ist einfach so geflutscht.

Gespielt haben Sie in der Jugend beim 1. FC Bamberg, wechselten aber nach einem Herren-Jahr zum VfL Frohnlach. Warum?

Ich war 1985/86 in der zweiten Mannschaft in der Bezirksoberliga, eine tolle Truppe mit den Schmitten-Jungs Toni und Siggi oder einem Manfred Distler. Dann sollte ich hoch in die Erste, saß aber nur auf der Bank und wurde unzufriedener. Es war die Saison, als durch das Kropatschek-Projekt viele Spieler aus Berlin in der ersten Mannschaft gespielt haben. Im Laufe der Saison waren aber Geld und Spieler weg. Das Ende vom Lied: Die Reserve musste die Saison in der Bayernliga, damals die dritthöchste Liga, zu Ende spielen. Wir wurden zwar Stockletzter, haben aber gleich gegen Frohnlach mit 1:0 gewonnen.

Der VfL hatte nun Interesse?

Rolf Lamprecht ist zur neuen Saison als Trainer nach Frohnlach gewechselt und wollte mich. Meine Frau musste mich überzeugen, den Schritt zu wagen, ich hätte ja nichts zu verlieren und könne nach einem Jahr wieder zurück. Also haben wir es probiert. Und ich muss sagen: Das eine Jahr in Frohnlach war die bis dahin schönste Zeit. Ein super Zusammenhalt, eine tolle Mannschaft und ein richtig familiäres Umfeld.

In Frohnlach haben Sie eingeschlagen...

Ich war erst 19 oder 20 Jahre alt, mein erstes Jahr Bayernliga, und schieße als rechter Mittelfeldspieler gleich 14 Buden. Der 1. FC Nürnberg wollte mich für seine zweite Mannschaft in der Bayernliga, aber nur als Vertragsamateur. Da hätte sich nicht viel geändert. Mit dem FC Augsburg, damals auch ein Bayernligist, war ich mir dann einig.

Warum hat es nicht geklappt?

Es kam dieses Pokalspiel beim FC Coburg dazwischen, wir gewinnen 1:0, ich treffe. Nach dem Duschen hat mich auf dem Weg zum Auto jemand in gebrochenem Deutsch angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, nach Hamburg zum Probetraining zu kommen. Was ich da nicht wusste: Der Unbekannte war Paul Paska, ein Tscheche, der ein Jahr davor Dietmar Beiersdorfer und Manfred Kastl aus Fürth nach Hamburg gelotst hatte. Kurze Zeit später saß ich erstmals in einem Flugzeug und war auf dem Weg nach Hamburg.

Eine andere Welt für den "jungen Lumpi"?

Natürlich. Ich habe mir fast in die Hosen gemacht, als ich in der Kabine plötzlich neben Spielern wie Manni Kaltz, Uli Stein, Thomas von Heesen oder Ditmar Jakobs gesessen war. Ich habe da keinen Ton gesagt, habe mich umgezogen und bin einfach raus zum Trainieren. Vier Tage habe ich mich zeigen dürfen. Dann musste ich zu Ernst Happel in die Trainerkabine. Er wollte mit mir sprechen.

Der Österreicher war eine Trainer-Ikone, aber bekannt für seine unzugängliche Art. Ein Grantler. Wie hat er Sie bewertet?

Gute Frage. So richtig weiß ich das bis heute nicht. Seine kleine Kabine war total verraucht, vermutlich konnte er gar nicht sehen, wie stark ich vor Angst geschwitzt habe. Er hat nur gesagt: "Du bist ein Professor." Sonst nichts. Da war ich ziemlich verdutzt, und als ich meinte, dass ich gelernter Schreiner sei, sagte er wieder nur: "Naaa, du bist ein Professor." Das war's. Dann durfte ich raus, habe meine Sachen gepackt - und bin nach Bamberg zurück.

Happel hatte wohl erkannt, dass Sie einen anderen Blick für das Spiel haben als die Allermeisten, er hat es nur auf seine ganz eigene Art formuliert. Wie ging es weiter?

Wenige Tage später hatte sich Felix Magath gemeldet, er war damals der Manager und hat mir einen Drei-Jahres-Vertrag angeboten. Das war mir aber zu lang. Ich wollte es ein Jahr lang ausprobieren, und sollte ich es in Hamburg nicht schaffen, wäre ich eben wieder zurück in mein altes Leben. Aus diesen zwölf Monaten sind dann ungeplant 14 Jahre geworden.

Wollten Sie nie weg? Es gab Gerüchte um Nürnberg, Leverkusen und Bordeaux...

Angebote gab es, wir haben uns hier aber sehr, sehr wohl gefühlt. Ich habe immer früh meinen Vertrag verlängert, weil ich nie den Drang hatte, zu wechseln. Vielleicht hätte ich woanders etwas mehr verdienen können. Aber zu welchem Preis? Die Ungewissheit war mir zu groß. Passt das Umfeld? Wie ist mein Standing? In Hamburg hat alles gepasst. Nicht nur für mich, auch für meine Familie.

Sie waren gleich voll anerkannt?

Ich musste mich natürlich hinten anstellen und mich beweisen. Mit dem fränkischen Dialekt ist es im Norden auch nicht so leicht. Ich erinnere mich an das Showtraining im alten Tennis-Stadion am Rothenbaum mit uns Neuzugängen vor etwa 2500 Fans. Jeder bekam auf der Bühne fünf, sechs Fragen gestellt und durfte erzählen. Nach zwei Antworten zog mir der Moderator das Mikro weg. "Aha, okay", hat er gesagt. Ich habe mich umgeschaut, in die Gesichter geblickt: Da hat kaum einer verstanden, was ich gesagt habe.

1992 tauchte beim HSV ein 15-jähriger Flüchtling aus Bosnien auf. Seine Eltern hatten ihn in den Bus gesetzt, in der Hoffnung, er würde es hier zum Profi schaffen. Vier Jahre später spielte er in der ersten Mannschaft. Sie wissen, wen ich meine?

(schmunzelt) Ja, natürlich. Hasan Salihamidzic. Ich bin zehn Jahre älter als er, war damals Kapitän und wurde so eine Art Ziehvater für ihn. Magath, inzwischen Trainer, meinte, dass er mit mir auf's Zimmer soll, wenn wir im Hotel einquartiert sind. Ich solle mich etwas um ihn kümmern und auf ihn aufpassen. Während seiner HSV-Zeit war er immer mein Zimmerkollege, es waren sehr schöne Jahre. Wir hatten eine ähnliche Position, haben uns hervorragend verstanden und privat viel unternommen. "Brazzo" war oft bei uns zum Essen in Norderstedt. Zwei bis drei Mal im Jahr haben wir noch Kontakt, telefonieren oder sehen uns.

An welches Spiel erinnern Sie sich in all den Jahren besonders?

Natürlich an mein erstes in der Bundesliga, im November 1987 gegen Bayer Uerdingen, als ich direkt zum 2:0 treffe. Oder an die Auftritte im Europapokal. Diese Spiele bleiben für immer unvergessen. Das gilt aber im negativen Sinne auch für die Partie bei Arminia Bielefeld.

Was war da passiert?

Das müsste 1997 gewesen sein. Ich steige nach einer Ecke zum Kopfball hoch, werde ausgehebelt und krache mit dem Rücken auf den Boden. Zur Halbzeit musste ich raus, hatte höllische Schmerzen und konnte kaum noch laufen. Nichts hat geholfen. Akupunktur wurde sogar ausprobiert, ein Chiropraktiker hat mich durchgeknetet und versucht, wieder einzurenken. Ein Wahnsinn, wie sich zeigen sollte: In der Röhre hatte sich nämlich herausgestellt, dass der Lendenwirbel nur noch an einem Fitzerla gehangen war. Man darf sich gar nicht vorstellen, wie das hätte ausgehen können. Ich hatte Riesenglück.

Sie standen 1992 und 1996 im erweiterten EM-Kader, wurden aber aus dem 18-Mann-Aufgebot gestrichen. Sehr bitter?

Schon damals nicht. Ich habe mein Bestes gegeben, es sollte halt nicht sein. Ins Nationalteam zu kommen, war damals extrem schwer. Man muss ja nur sehen, welche Namen in den 90ern im Mittelfeld gespielt haben: Matthäus, Häßler, Basler, Sammer, Scholl, Effenberg. Und das sind ja längst nicht alle. Kurz nach der EM 1996 habe ich mir den Mittelfuß gebrochen, mit knapp 30 Jahren war das Thema Nationalelf dann endgültig durch.

2001/2002 haben Sie Ihre Karriere bei LR Ahlen in der 2. Bundesliga ausklingen lassen - und sind dann nach Bamberg zurück. Warum, wenn Sie in Hamburg alles hatten?

Weil ich enttäuscht wurde und einen Schlussstrich ziehen wollte. Mir wurde ein Anschlussvertrag im Trainerstab in Aussicht gestellt, davon wollte der damalige Manager nach meiner Rückkehr aber nichts mehr wissen. Ich wollte kein Theater über die Presse machen, das war mir zu blöd. Meine Frau war ziemlich irritiert, als ich ihr von meinen Plänen erzählt habe. Am nächsten Tag bin ich aber früh um 6 Uhr ins Auto gestiegen, alleine nach Bamberg gefahren, habe eine Woche lang ein Grundstück für uns gesucht und gefunden. Und wie es der Zufall so will: Ein halbes Jahr später wurde der HSV-Manager entlassen, Dietmar Beiersdorfer kam als neuer Sportvorstand und baute das Scouting auf. Das gab es vorher nicht. Nun war es sogar von Vorteil, dass ich nicht mehr in Hamburg gewohnt habe: Dort gab es ja schon genug HSV-Scouts.

Würden Sie rückblickend in Ihrer Karriere nichts anders machen wollen?

Eigentlich nicht, der Fußball hat uns ein angenehmes Leben ermöglicht. Ich bin glücklich und mit mir im Reinen. Dass ich damals aber die vier blauen Müllsäcke hergegeben habe, ärgert mich inzwischen ein wenig. Als wir Hamburg verlassen haben, habe ich alle Trikots dort reingepackt und sie einem Freund geschenkt. Er trainierte eine unterklassige Mannschaft und brauchte Trainingsshirts. Da waren tolle Dinger dabei: Das Trikot von Careca aus dem Testspiel 1987 gegen Neapel zum Beispiel, als auch Diego Maradona mitgespielt hat. Oder eines von Real Madrid. Die Besonderen hätte ich ruhig aufheben können, aber daran hatte ich damals nicht gedacht. Jetzt ist es auch zu spät. Im nächsten Leben vielleicht.