Wenn Johan Roijakkers sein neues Team heute vollständig zum offiziellen Trainingsauftakt in Strullendorf begrüßen wird, kann man das in diesem Jahr bereits als kleinen Erfolg verbuchen. Der organisatorische Aufwand, die Spieler aus dem Ausland nach Bamberg zu bringen, war groß, hat sich aber fürs Erste gelohnt. Alle bisherigen Testungen - Spieler, Coaches und Betreuer wurden mehrfach auf das Coronavirus getestet - fielen negativ aus.

Am Sonntag lernten Michele Vitali, Tyler Larson & Co. bei einer Stadtführung erstmals ihre neue Wahlheimat kennen. Während für das Team bis zum Saisonstart im Oktober Schwitzen in der Halle angesagt ist, wird die Vorbereitungszeit für die Brose-Verantwortlichen um Neu-Geschäftsführer Philipp Galewski (33) nicht minder anstrengend.

Ein radikaler personeller Umbruch inmitten der Corona-Zeit: Es gibt sicher ruhigere Zeitpunkte, als Geschäftsführer eines Profiteams einzusteigen. War es der stressigste Sommer Ihres Berufslebens?

Nein. In Bayreuth war es für mich stressiger, da die Organisation damals auf einem ganz anderen Level war. Bei Medi Bayreuth musste ich mehr im operativen Geschäft agieren, hier in Bamberg hat man eine funktionierende Geschäftsstelle mit Mitarbeitern, die zwar teils sehr jung, aber trotzdem erfahren sind und genau wissen, was sie machen müssen. Es war nur notwendig, dass es jemanden gibt, der Entscheidungen trifft - das mache ich als Geschäftsführer. Was uns allen ein bisschen den Spaß nimmt, ist tatsächlich Corona. Wir haben ein Team, das sehr viele Ideen hat, aber leider können wir wenige bis gar keine davon umsetzen. Das ist schade.

Wo sehen Sie aktuell die größten Schwierigkeiten infolge der Pandemie für den Verein?

Die Ungewissheit ist das Schwierige. Politisch verändert sich die Lage so schnell, das ist im Moment nur schwer greifbar. Wir als Organisation denken aktuell wochenweise. Selbst unsere Spieler nach Deutschland zu bekommen, war bereits eine Herausforderung. Von den Spielerfamilien, die nur ganz vereinzelt mitkommen dürfen, spreche ich da noch gar nicht.

Nachdem wir dieses Problem gelöst haben, müssen wir schauen, dass die Hygienevorschriften in unserem Trainingszentrum in Strullendorf eingehalten werden, damit der Trainingsbetrieb am 24. August starten kann. Und dann kommt der nächste Schritt: Wie schaut es mit unseren ersten Heimspielen aus? Da können wir uns erst Anfang September Gedanken machen, da sich das Corona-Geschehen täglich ändert - im Moment leider zum Negativen.

Wir drücken uns nicht vor der Entscheidung, aber salopp gesagt: Wenn Markus Söder morgen sagt, dieses Jahr gibt es keine Großveranstaltungen mehr, dann brauche ich vorerst kein Hygienekonzept mit Zuschauern zu entwickeln. Denn für so ein Konzept muss man schnell einen größeren fünfstelligen Betrag ausgeben.

Ministerpräsident Söder hat mit seinen Aussagen zuletzt der Deutschen Fußball-Liga (DFL) wenig Hoffnung auf Spiele mit Zuschauern zu Saisonstart gemacht. Wie haben Sie diese Aussagen aufgefasst und was lässt sich daraus für den Basketball ableiten?

Das war schon etwas ernüchternd. Die Fußballer haben sehr viel Energie und Arbeit in ihre Konzepte gesteckt, die sehr schlüssig sind. Solche pauschalen Aussagen ziehen einen dann doch etwas herunter. Wir hatten schon die Hoffnung, im Oktober mit Zuschauern spielen zu können - natürlich nicht vor voller Hütte. Wir haben eine konservative Rechnung mit 2000 Zuschauern erstellt und ein Modell mit rund 3000. Mit Letzterem könnten wir fast alle Sponsoren und Dauerkartenbesitzer abdecken. Den Mindestabstand von 1,50 Meter könnte man damit übrigens problemlos einhalten.

Kann man mit 2000 Zuschauern pro Heimspiel in der Brose-Arena eine schwarze Null schreiben?

Grundsätzlich muss es immer unser Anspruch sein, eine Saison verlustfrei abzuschließen. Mit dieser Planung würden wir gerade so auf eine Null kommen. Wenn wir einen Verlust machen, liegt es demnach definitiv an der Pandemie beziehungsweise den dadurch fehlenden Zuschauern und eingeschränkten Vertriebsmöglichkeiten. Wir werden allerdings, so wie es im Moment aussieht, das vergangene Geschäftsjahr positiv abschließen können. Dadurch bauen wir ein Eigenkapital-Polster auf, so dass wir auch mit einem kleinen Verlust leben könnten.

Wäre eine komplette Saison mit Geisterspielen für Brose Bamberg und die anderen Klubs in der BBL darstellbar?

Geisterspiele wären für uns ein Fiasko. Wir haben auch kein Szenario mit ausschließlich Geisterspielen entwickelt, nachdem das für uns schlicht nicht darstellbar ist. Bei kleineren BBL-Standorten machen die Zuschauereinnahmen 50 Prozent des Etats aus, bei uns sind es etwa 30 Prozent. Ich denke, eine ganze Saison ohne Zuschauer würde kaum ein Verein schaffen. Deshalb glaube ich nicht, dass unter diesen Umständen eine normale BBL-Runde stattfinden würde. Das würde nicht funktionieren.

Ist es denkbar, Geisterspiele in einer kostengünstigeren Halle als der Brose-Arena auszutragen, zum Beispiel in Strullendorf?

Ein netter Gedanke. Aber wenn es Spiele gibt, werden diese natürlich auf Magentasport übertragen. Allein dieses Beispiel zeigt, dass eine gewisse Infrastruktur vorhanden sein muss. Die ist in unserer Trainingshalle in Strullendorf nicht gegeben. Das funktioniert in Bamberg also nur in der Brose-Arena.

Sollten keine oder nur wenige Zuschauer zu den Heimspielen zugelassen werden: Wie schafft man es, die Fans trotzdem zu integrieren? In der NBA können einige hundert Zuschauer über eine Webcam auf einer LED-Wand in der Halle am Spiel partizipieren ...

Das, was die NBA macht, ist eine sehr schöne, allerdings auch aufwendige Lösung. Ich glaube nicht, dass es für uns realistisch und finanzierbar ist. Aber es gibt verschiedene Ideen, wie zum Beispiel beim Fußball mit "Pappkameraden" auf den Sitzen, um eine gewisse Verbundenheit zu erzeugen und das triste Bild etwas aufzuhübschen. Unser Fokus liegt aktuell darauf, die Fans und die neuen Spieler zusammenzubringen.

Klassische Maßnahmen wären für mich eine öffentliche Spielervorstellung auf dem Maxplatz und ein öffentliches Training zu veranstalten - aber das fällt ja flach. Deshalb machen wir derzeit alternativ Videomeetings mit unseren Neuzugängen, die auch ganz gut angenommen werden. Dazu stecken wir gerade in Planungen, eine Trainingseinheit beziehungsweise zumindest eines der geplanten Testspiele im Internet zu übertragen.

Corona und mögliche Geisterspiele mal beiseite: Der Großteil der Bamberger Fans hat den personellen Umbruch in den vergangenen Wochen sehr positiv aufgenommen. Dazu gehört die Rückkehr von Wolfgang Heyder nach sechs Jahren. Was erwarten Sie sich von Ihrem neuen Jugendkoordinator in den nächsten Jahren?

Wolfgang Heyder ist wahnsinnig gut vernetzt. Er hat einfach diese intrinsische Motivation, sich im Jugendbereich zu engagieren. Er will das Beste für den Nachwuchs. Und einen solchen Mann in dieser Position zu haben, gibt einfach ein gutes Gefühl. Vor allem da wir in allen Gesprächen gemerkt haben, dass wir auf einer Wellenlänge liegen. Ich erwarte, dass im Nachwuchsbereich erst einmal alles auf den Prüfstand gestellt wird. Und dass es generell eine klare Ausrichtung gibt, sprich, dass einfach alle wieder an einem Strang ziehen. Es muss wesentlich mehr kommuniziert werden, auch mit den Kooperationsvereinen.

Wir haben in Bamberg eigentlich eine gute Situation: ein tolles Internat mit dem Aufseesianum, das aber aktuell leider halbleer ist. Da brauchen wir mehr Qualität und Quantität. Das Potenzial ist aber da, denn wir haben sehr viele Vereine in der Gegend und ein basketballbegeistertes Umfeld. Ich habe die Hoffnung, dass nun Strukturen geschaffen werden, um das Nachwuchsprogramm mittelfristig nach vorne zu bringen.

Und was ist kurzfristig von den Bamberger Talenten zu erwarten?

Wir werden in den nächsten ein, zwei Jahren keinen Bamberger Spieler haben, der Bundesliga-Minuten bekommt. Von diesem Gedanken müssen wir uns verabschieden. Ein Beispiel: Wir haben kürzlich zwei Spielern, die Bamberger Wurzeln haben, ein konkretes Angebot gemacht, aber eine Absage bekommen, weil sie offensichtlich auch finanziell andere Vorstellungen hatten. Bamberger Spieler, die Teil unseres Nachwuchsprogramms sind, müssen sich auch beweisen und die sportliche Leistung muss zum Gehalt passen. Das Geld wächst bei uns eben nicht auf den Bäumen.

Wie weit fortgeschritten sind die Planungen mit dem neuen Kooperationspartner BBC Coburg?

Die Kooperation mit dem BBC Coburg wird langsam mit Leben gefüllt. Wir werden den Coburgern Spieler ausleihen, die sich dort weiterentwickeln und auf ProB-Niveau Erfahrungen sammeln sowie Verantwortung übernehmen müssen. Wir haben aktuell bis zu vier Spieler für die Kooperation vorgesehen: Elias Baggette, Moritz Plescher, gegebenenfalls Mateo Seric für einzelne Spiele und einen Vierten, mit dem wir uns noch in Vertragsverhandlungen befinden.

Der große Vorteil für uns ist, dass in der Coburger Organisation sehr viel "Bamberg" vorhanden ist. Der BBC wird auch ein- bis zweimal wöchentlich in Strullendorf trainieren und damit direkt vor der Nase unseres Headcoaches, der sich regelmäßig mit dem Coburger Trainer Valentino Lott austauschen wird.

Neben dem Parkett ist die fränkische Quote bei Brose Bamberg mit Heyder, Ihnen als gebürtigem Ansbacher und Wilfried Kämper, Vorsitzender des Wirtschaftsclubs Bamberg, als neuem Aufsichtsratsmitglied, stark gestiegen. Eine neue, alte Bamberger Basketball-Romantik?

Wilfried Kämper im Aufsichtsrat ist ein klares Signal: Wir wollen wieder mehr in die Stadt. Die Euroleague-Zeiten, die unser Hauptsponsor ermöglicht hat, waren toll. Jetzt kann ich es ja sagen: Selbst ich als Bayreuther habe mir gerne Partien in Bamberg angeschaut, weil einfach sensationelle Spieler dabei waren. Aber diese Zeiten sind jetzt vorbei und wir dürfen ihnen auch nicht mehr nachtrauern.

Für mich ist es an der Zeit, dass Brose Bamberg mehr in die Stadt zurückkommt. Ich will den Begriff "Freak City" nicht zu sehr strapazieren, aber es muss wieder so werden wie früher, die Mannschaft muss nah- und greifbar sein. Damit versuchen wir, auch die Bamberger Unternehmen wieder mehr mitzunehmen. Dieses große und bestens funktionierende Sponsorennetzwerk, das es einmal gab und im Moment nicht mehr vorhanden ist, soll wieder wachsen.