Die Schweißtücher, mit den Trikotnummern jedes einzelnen Spielers bestickt, warten fein säuberlich über die Stuhllehnen gelegt auf ihren Einsatz. Die Koordinationsleitern und weitere Trainingshilfsmittel hat Cheftrainer Johan Roijakkers wahrscheinlich schon vor Stunden auf dem Parkett des Brose-Trainingszentrums verteilt. Entspannt sitzt Joanic Grüttner Bacoul auf einem der grünen Holzstühle mit den roten Handtüchern und rollt seine besockten Füße über einen Golfball - Faszien lösen.

Mit ruhiger Stimme spricht der 25-Jährige, der als derzeit letzter Spieler einen Vertrag im Profi-Kader der Bamberger Bundesliga-Basketballer erhalten hat, über seine Chance, die er hier bekommt.

Joanic Grüttner Bacoul - "ohne Bindestrich", wie er betont - auf dessen Trikot mit der Nr. 50 nur Grüttner gedruckt ist, ist froh, dass er eine Rolle im Team erhalten hat. Denn seine Karriere stand am Scheideweg, als er sich am 4. Februar dieses Jahres im Trikot von Medi Bayreuth den Mittelfuß brach.

Von daher setzt sich der 25-Jährige vorerst kleine Ziele."Ich will erstmal 100 Prozent gesund werden und bleiben", sagt er und klopft dabei aufs Holz des Stuhls. "Ein wenig abergläubisch bin ich, was Verletzungen angeht, schon", gesteht er. Sonstige Ticks und besondere Rituale gebe es bei ihm aber nicht. Bei der Operation im Februar wurde eine Titanplatte im Mittelfuß eingesetzt, die erst nächstes Jahr wieder entfernt werde.

Geänderte Voraussetzungen

Großartig unterscheiden dürften sich die Ziele des gebürtigen Berliners von denen seiner Mitspieler nicht. "Wir wollen eine gute Saison spielen. Wir haben die richtigen Jungs mit den richtigen Charakteren, um Spiele zu gewinnen. Es gibt aber viel Ungewissheit. Die Champions League hat bereits ihren Modus geändert, von daher blicke ich", und bedient damit eine beliebte Sportlerfloskel, "lediglich von Spiel zu Spiel."

In Bamberg spielt Grüttner Bacoul nun für ein Team, das laut Trainer Roijakkers unter die ersten Vier der Liga kommen will. In Göttingen, mit drei Jahren das bisher längste Engagement seiner Profi-Karriere, kämpfte er - unter dem jetzigen Brose-Coach - meist gegen den Abstieg. "Da war es schon wie eine kleine Meisterschaft, wenn man am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt geschafft hat." Die Ansprüche in Bamberg sind nun höher - und damit auch der Druck.

Freundschaften in Göttingen geschlossen

Grüttner Bacoul macht aber nicht den Eindruck, dass ihn das belastet. Der 25-Jährige wirkt geerdet. Auch in der verkürzten vergangenen Saison in Bayreuth blieb er mit Roijakkers und seinen Assistenten in Kontakt. "Da waren ja in der Zeit in Göttingen auch Freundschaften entstanden", sagt der Shooting Guard, der dankbar ist, in der schwierigen Corona-Zeit als Verletzter wieder unter Vertrag genommen worden zu sein. "Viele Mannschaften haben lange mit ihren Verpflichtungen gewartet, dazu kam für einige Vereine das Bundesliga-Finalturnier. Es war kein einfacher Sommer. Umso glücklicher bin ich, bei einem solchen Topverein wie Bamberg untergekommen zu sein." Einen Plan B habe er mit seinem Agenten schon gehabt. Die zweite Liga ProA wäre ein Option gewesen. Auch im Ausland habe er sich umgesehen. "Das war eine Überlegung, doch gerade nach einer Verletzung ist es umso schwieriger in einer ausländischen Liga, in der man noch nie gespielt hat, unterzukommen."

Chancen nutzen

Die ersten Aussagen seines ehemaligen wie derzeitigen Trainers nach der Verpflichtung klangen für die ihm zugedachte Rolle eher bescheiden. "Es ist gut, einen zusätzlichen Spieler zur Verfügung zu haben. Joanic weiß genau, was ich von ihm erwarte", meinte Roijakkers nach der Vertragsunterzeichnung. Doch Grüttner Bacoul macht sich nicht verrückt, ob er nur als Sparringspartner fungiert oder Minuten in Bundesliga und Champions League erhält. "Da kann ich nicht viel sagen. Ich will meine Chancen nutzen und das Beste daraus machen." Das machte der Berliner im letzten Vorbereitungsspiel gegen Ostende bereits ganz gut, als ihn Roijakkers für zehn Minuten aufs Feld schickte und die er zu sieben Punkten und zwei Rebounds nutzte.

Dass er in der Bundesliga liefern kann, zeigte er im Januar 2019, als er im Göttinger Dress gegen Alba Berlin 15 Punkte auflegte. Coach Roijakkers wollte den damals noch 23-Jährigen anschließend ob dieser Leistung adoptieren. "Da hat meine Mutter aber ein Veto eingelegt", sagt der im Bezirk Steglitz Aufgewachsene mit einem Grinsen zu seinem "Karriere-Highlight" ausgerechnet gegen Berlin. Nicht erst seitdem hat er ein gutes Verhältnis zu seinem basketballerischen Ziehvater Roijakkers.

Seinen Trainer charakterisiert Grüttner Bacoul so: "Sehr, sehr ehrgeizig, einerseits sehr detailverliebt, andererseits lässt er uns auch sehr viel Frei- und Interpretationsraum. Er mag kreative Spieler, die diesen Raum dann auch zu nutzen verstehen und gut passen können. Und er ist immer sehr gut vorbereitet", und deutet auf die präparierten Trainingsutensilien in der Halle, die "er wahrscheinlich schon früh um sieben aufgebaut hat". Auch in Sachen Arbeitseinstellung sei der Coach vorbildlich und gehe mit gutem Beispiel voran. "Er ist immer der Letzte, der abends die Halle verlässt."

Vorbild für die Schwester? "Vielleicht"

Bescheiden, mit einem Lächeln antwortet Grüttner Bacoul auf die Frage, ob er als Vorbild für seine jüngeren Schwestern fungiert habe. "Vielleicht ein bisschen", und meint damit die 16-jährige Josara, die bei TuS Lichterfelde in der weiblichen Nachwuchs-Bundesliga (WNBL) spielt und bereits mit der U16 deutsche Meisterin war. Wie auch bei seiner zweiten Schwester, Gemma (22), kommen die eher ungewohnten Vornamen aus der Heimat der Mutter. Sie hat ihre Wurzeln zum einen Teil in Barcelona und zum anderen auf den französischen Antillen und heiratete einen Deutschen. Deshalb verfügt Grüttner ("vom Papa") Bacoul ("von der Mama") neben der deutschen auch über die französische Staatsbürgerschaft. Viel Franzose stecke in ihm aber nicht, mehr Spanier, sagt er. "Meine Sprachkenntnisse in Französisch sind eher bruchstückhaft. Dafür spreche ich fließend Spanisch. An Frankreich mag ich aber die Musik. Aus der Karibik das Essen."

Erfahrungen in Franken

Was bezeichnet er dann als Heimat? "Berlin", sagt der in der Großstadt aufgewachsene Grüttner Bacoul. An das Leben in der knapp 80 000-Einwohner-Stadt Bamberg hat er sich aber schnell gewöhnt. "Ich war ja schon in Franken, habe in Würzburg und Bayreuth gespielt. Auch Göttingen ist nicht so groß, deshalb fühle ich mich hier super. Die Stadt mit dem vielen Wasser gefällt mir." Die Orientierung mit Hilfe der Brücken habe er schon gelernt.

In seiner freien Zeit geht Grüttner Bacoul für Basketballer ungewöhnlichen Hobbys nach. "Ich zeichne gerne, bin ein wenig kunstinteressiert, und ich trinke sehr gerne Kaffee. Ich bin immer auf der Suche nach einem guten Kaffee." Da wird er sicher in Bamberg einige Gelegenheiten finden. Golfen - wie es Bennet Hundt in seiner Freizeit macht - gehört nicht zu seinen Freizeitaktivitäten. Der Golfball unter der Fußsohle dient nur therapeutischen Zwecken.

Zur Person: Joanic Grüttner Bacoul

Geboren 14. August 1995 als Sohn einer von den französischen Antillen stammenden Mutter und eines deutschen Vaters. Deshalb besitzt Grüttner Bacoul einen französischen wie deutschen Pass. Joanic hat zwei jüngere Schwestern, Josara (16 Jahre) und Gemma (22). Familienstand ledig, liiert mit Freundin Sarah Größe 1,97 Meter Position Shooting Guard Stationen als Spieler als Jugendspieler bei TuS Lichterfelde (bis 2012), Wechsel ans Sportinternat nach Jena und zu Science City Jena II (2012/13), RSV Eintracht Stahnsdorf (ProB, 2013 bis 2015), TG Würzburg (ProB 2015/16), BG Göttingen (2016 bis 2019), Medi Bayreuth (2019/20) Trikotnummer In der U18 hatte Grüttner Bacoul einen Trainer, der mit der 50 gespielt hat. "Ich habe meist mit der 5 gespielt, doch als ich in den Herrenbereich kam, war es schwierig, diese Nummer zu bekommen. Deshalb habe ich die 50 gewählt."