Christian Schütte stammt aus Hamburg, Peter Maffay wohnt in Tutzing am Starnberger See. Der eine ist Unternehmer, der andere Musiker. Eigentlich haben sie überhaupt nichts miteinander zu tun, und dennoch kreuzen sich ihre Wege ungefähr auf halbem Weg ausgerechnet in Obertheres im Landkreis Haßberge. Dahinter steckt eine erfolgreichen Geschäftsidee.
"Zwei Zylinder voll Adrenalin" bringen Peter Maffay ins "Gelobte Land"; so singt er auf seinem Album "Wenn das so ist". Und damit es so ist, setzt der große Rockstar auf eine kleine Klappe, die ein Tüftler im unterfränkischen Theres vor 20 Jahren erfunden hat.


In der Werkstatt

Die Geschichte klingt ein wenig nach Tellerwäscher und Millionär: Roland Keß, Motorradfreak, gründete 1984 eine Bike-Werkstatt, ganz ähnlich wie 80 Jahre vor ihm zwei Herren namens William S. Harley und Arthur Davidson in Milwaukee, Wisconsin (USA). Keß hatte ein besonderes Händchen für Maschinen der legendären US-Marke Harley Davidson und hatte in der Szene schnell einen Namen. Zuverlässige Reparaturen und stilechtes Tuning brachten viele Kunden auf den zwei Reifen, die für sie die Welt bedeuten, nach Theres. 1995 machte der Gesetzgeber den "Easy Ridern" das Leben schwer: Verschärfte Abgas- und Lärmvorschriften trafen vor allem den Dino unter den Motorrädern. Grenzenlose Freiheit? Ja gerne, aber bitte nicht grenzenlos laut. Soll eine Harley nur noch flüstern dürfen? Nein, sagte Roland Keß und tüftelte in seiner Werkstatt an der "Legal Sound Performance", mit der er 1997 aufhorchen ließ: Die ersten Schalldämpfer aus der Technikschmiede in Theres - namens Panhead I und Knucklehead I - wurden für die Harley-Fans zur Offenbarung.


Der amtliche Sound-Check

Dämpfer trifft natürlich nicht genau das, was Keß macht. Es ist ein Klappensystem für den Auspuff, das den Wunsch-Klang erzeugt und gleichzeitig dafür sorgt, dass die Maschine beim Lärm und bei den Abgasen alle vorgeschriebenen Werte einhält. Ohne dass der Easy Rider auf Leistung verzichten muss.
Wer sich einen Lautsprecher für seine Harley kauft und dafür bis zu 3000 Euro hinlegt, muss nicht auch noch zum TÜV fahren, denn die Betriebserlaubnis ist gleich mit dabei, der Betrieb hat alle Zertifikate, die er für das Straßenkonzert braucht. Keß gab Gas. 2001 stellte er ein mechanisch verstellbares Soundsystem vor, 2006 kam der Sound auf Knopfdruck dazu. Spätestens da wurde aus dem simplen Schornstein ein ausgefeiltes Stück High-Tech. Der Schalter am Lenkrad, der den Sound zu- oder abschaltet, ist mit der elektronischen Motorsteuerung verbunden. Mechanik und Elektronik spielen so zusammen, dass die Maschine in allen Betriebszuständen die vorgeschriebenen Werte einhält.


Eine von nur zweien

Ein Auspuff, der in Theres auf Bestellung produziert und über Fachhändler weltweit an die Kunden ausgeliefert wird, ist selbst ein kleines technisches Wunderding aus mehreren hundert Einzelteilen. 2012 verließ Roland Keß die Firma und übergab sein Lebenswerk an seine Tochter Pamela, die das Unternehmen seitdem mit Christian Schütte leitet. Der gelernte Jurist, 43 Jahre alt, war bis dahin im Investmentgeschäft tätig. Ihn lockte die Herausforderung, nicht nur Geld in eine Firma zu investieren, sondern hier auch selbst als Entscheider mitzuwirken, wie er sagt.
"Es gibt nur zwei Firmen auf der Welt, die das können, was wir hier machen", beschreibt er die Erfolgsgeschichte der Firma, die 2014 in Obertheres ihr neues Betriebsgebäude bezogen hat. Gut 30 000 Soundsysteme hat Kess-Tech bereits verkauft, und über alle Prüfsiegel hinaus adelt es die Tüftler, dass auch Peter Maffay auf seiner Harley auf den Klang aus Theres setzt. Und mit Sound kennt der sich ja wohl aus.


Motorrad-Legende

Legende Spätestens seit dem Film "Easy Rider" (1969) mit Peter Fonda ist "die Harley" weltweit der Inbegriff für den amerikanischen Traum von der Freiheit auf zwei Rädern. Die Marke blieb ihrem Konzept treu und behauptet sich gegen die Konkurrenz, nicht zuletzt dank cleverer Werbung: "Wir verkaufen ein Lebensgefühl. Das Motorrad gibt's gratis dazu."

Geschichte William S. Harley und Arthur Davidson, der eine war Technischer Zeichner, der andere Modellbauer, entwarfen in den USA ab etwa 1900 Motoren für Zweiräder. 1903 richteten sie in einem Schuppen in Milwaukee ihre erste eigene Werkstatt ein. 1907 wurde Harley Davidson offiziell gegründet - heute eine Aktiengesellschaft mit 6300 Mitarbeitern und rund sechs Milliarden Dollar Umsatz.

Kritik
Eine Harley ist groß und schwer und nicht eben die Öko-Version eines Motorrades. Zum negativ angehauchten Kult der Marke gehört ihre Verbreitung in Rocker-Gangs ("Hells Angels"); dafür kann das urtümlich anmutende Bike freilich nichts. gf