In einem der beiden Dachgeschosszimmer der Gemeinschaftsunterkunft in Demmelsdorf ist ein Nagerloch zu sehen. Angefressene Vorratstüten zeugen davon, dass in der engen Behausung nicht nur vier anerkannte Asylbewerber aus Eritrea leben. Beide Heizungen sind voll aufgedreht, aber kalt. "Die eine geht manchmal", sagt einer der Bewohner mit resigniertem Lächeln. Die jungen Männer haben ikeinen Tisch, keine Ablageflächen, keine Stühle. Sie gehen auf die Berufsschule. Platz zum Lernen hätten sie nicht, sagen sie. Die Tür des Gemeinschaftsraums im ersten Stock ist abgeschlossen. Im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss liegen Kleidungsstücke zum Trocknen auf den Tischen. "Das schlägt sich auf die Leistung der Schüler nieder", meint Wolfgang Neustadt, der die Eritreer unterrichtet. "Dabei haben die es eh schon schwer genug."

Die Helfer vor Ort, ehrenamtliche Mitarbeiter des Vereins "Freund statt Fremd", beschweren sich seit der Eröffnung der Unterkunft vor fünf Jahren regelmäßig beim Landratsamt und bei den Betreibern Norbert und Dominik Sendzikowski über Missstände. Weil sich an diesen nichts ändere, wenden sie sich nun an den Bayerischen Landtag.

Sie prangern eine menschenunwürdige Wohnsituation und vernachlässigte Pflichten bei der Unterstützung der Bewohner an. Die Vorwürfe gehen an den Betreiber der Einrichtung und an das Landratsamt. "Wir haben keine Freiheit. Wir können nicht lernen. Ich schlafe schlecht", sagt einer der Bewohner des Dachzimmers mit dem Nagerloch. Beklagt wird zudem, dass kaputte Gebrauchsgegenstände wie Wäschetrockner, Waschmaschinen und Ofen nicht oder erst nach monatelangem Drängen ersetzt würden.

Ungereimtheiten sieht Freund statt Fremd bei der Vergabe der lukrativen Unterbringungsplätze: Es sei etwa nicht nachzuvollziehen, weshalb in zwei Unterkünften in Scheßlitz und anderen Heimen im Landkreis Zimmer frei sind, während Demmelsdorf voll belegt sei. Bei einem Treffen der Helfer ist von einem "Duz-Verhältnis" zwischen einem Mitarbeiter des Landratsamts und dem Betreiber die Rede. Auf diesem Treffen wurde vereinbart, die Schließung der Unterkunft in einem offenen Brief zu fordern. Als Empfänger sind der Bayerische Landtag und die Regierung von Oberfranken angegeben. Neben den Helfern unterzeichneten auch Integrationslehrer Neustadt, Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat und die Grünen Kreisräte Ralph Behr, Barbara Müllich und Andreas Lösche.

Im Brief wird auch beanstandet: "Die Bewohner sind der Willkür des vom Betreiber bestellten, völlig unqualifizierten Asylsozialberaters ausgesetzt." Die Rede ist von Diego Meneses (Name geändert), der nun als Hausmeister und Asylsozialbetreuer fungiert. Als Demmelsdorf noch als Notunterkunft geführt wurde, hatte er dort bereits als Security gearbeitet hat. Er soll laut Helferkreis nicht nur seinen Aufgaben nicht gerecht werden, sondern auch die Bewohner schikanieren. Ein Vorwurf, der umso schwerer wiegt, wenn man in die Vergangenheit blickt: Meneses Vorgänger unterstellten die Helfer Gewaltandrohungen und Schikanen gegenüber den Bewohnern. Landratsamt und Betreiber reagierten nicht. Nun sitzt der Exhausmeister seit Anfang 2017 wegen eines Gewaltdelikts im Gefängnis.

Reaktion der Verantwortlichen

"Hätte ich früher davon gehört, hätte ich sofort reagiert", sagt Betreiber Dominik Sendzikowski über den Vorgänger von Meneses. "Aber ich habe erst von der Polizei davon erfahren." Laut Helfern gab es jedoch zuvor schon Beschwerden. Sendzikowski habe den pakistanischen Hausmeister angestellt, weil er "aus dem gleichen Kulturkreis kommt", wie er sagt. Für Meneses habe er sich dann entschieden, "weil ich gesehen habe, wie gut er mit den Leuten umgeht, ihnen zum Beispiel beim Einrichten der Handys hilft." Freund statt fremd bestreitet das deutlich: Meneses vernachlässige wesentliche Aufgaben der Asylsozialberatung. "Die ehrenamtlichen Helfer machen seinen Job", fasst Brigitte Finke zusammen. Bis 2016 hat es in Demmelsdorf einen unabhängigen Asylsozialbetreuer der Awo gegeben. Die Helfer können nicht nachvollziehen, warum er dort nicht mehr arbeitet. Da der Betreiber diesen nun selbst stellt, steht ihm eine höhere Geld-Pauschale aus dem Landratsamt zu. Sendzikowski meint hingegen, dass der Betreuer der Awo nur zwei Mal in der Woche in der Unterkunft war, während Meneses täglich bis abends dort anzutreffen sei.

Währenddessen stehe der Gemeinschaftsraum im ersten Stock stets offen. Die Dachbewohner könnten zudem auch im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss lernen, "die Wäsche ist ja schnell zur Seite geräumt", meint der Betreiber. Nach dem Beratungstreffen der Helfer stehen dort nun auch ein Trockner und zwei Wäscheleinen.

Von Schikanen gegenüber den Bewohnern wollen beide nichts wissen. Unter anderem erzählte ein Bewohner, ihm sei gedroht worden, er müsse auf der Straße schlafen. "Das hat er falsch verstanden", sagt Meneses. "Die sollten auch lernen, dass es eine nette Geste ist, dass sie dort wohnen dürfen", ergänzt Friederike Straub, Ehrenamtsbeauftragte des Landratsamts. "Da kommt schon mal so ein Spruch." Straub und eine Kollegin besuchen die Unterkünfte im Landkreis, um die anerkannten Geflüchteten auf den Wohnungsmarkt vorzubereiten, etwa mit Hauswirtschaftskursen. Die Asylanträge der Eritreer aus dem Dachgeschoss wurden bewilligt, sie müssten sich eigentlich selbst eine Wohnung suchen. "Wenn die mithelfen und nicht blockieren, klappt das auch", sagt Straub, und verweist auf etwa 300 erfolgreiche Vermittlungen.

Aber warum sind die Dachgeschosszimmer in Demmelsdorf voll belegt, während in Scheßlitz Zimmer mit deutlich besseren Bedingungen frei sind? 29 Menschen leben in der Unterkunft, "sie ist aber für 43 Personen zugelassen", sagt Steffen Nickel, Sprecher des Landratsamts. "Das ist eine Auslastung von zwei Dritteln, die wir überall im Landkreis haben." Die Vollbelegung wurde allerdings 2015 angesetzt, als die Behörden mit der Anzahl der Geflüchteten überfordert waren. Um diese zu erreichen, müsste Sendzikowski Betten in die anderen Zimmer stellen, in denen derzeit Familien untergebracht sind - während in den beiden Awo-Unterkünften in Scheßlitz ganze Zimmer leerstehen. Damit konfrontiert sagt Straub: "Wenn wir denen mehr Räume zur Verfügung stellen würden, würden sie nicht wegziehen wollen."

"Zu behaupten, da könnten noch mehr Menschen untergebracht werden, ist zynisch", sagt Andreas Lösche, stellvertretender Vorsitzender der Grünen im Kreistag, der die Forderungen der Helfer unterstützt. "Wir beobachten seit Jahren, wie es in Demmelsdorf läuft. So möchte niemand leben." Seine Partei plane, im Januar eine Anfrage im Landtag zu stellen, warum die Unterkünfte eines Betreibers höher belegt seien, als andere.

Einige Hygienemängel wurden inzwischen behoben. "Die Bewohner können einfach auf mich zu kommen, dann kümmere ich mich um alles", sagt Sendzikowski. Man dürfe im Übrigen nicht von deutschen Standards ausgehen. Auch Brigitte Finke vom Helferkreis räumt ein, dass es Verbesserungen gegeben hat. Allerdings erst nach Monaten, als die Unterkunft im Fokus der Öffentlichkeit stand. "Aber von einer menschenwürdigen Unterbringung ist dieser Ort noch weit entfernt", kommentiert sie. "Wir hoffen, dass wir für die anerkannten Geflüchteten Wohnungen vermitteln können, damit sie nicht mehr dort leben müssen."

Weitere Informationen zur Gemeinschaftsunterkunft in Demmelsdorf

Bewohner 29 Menschen in sechs Zimmern leben in der Gemeinschaftsunterkunft in Demmelsdorf. Acht davon in den beiden Dachgeschosszimmern. Status Die Eritreer aus den Dachzimmern sind anerkannte Geflüchtete, es leben aber auch noch Asylbewerber dort, die noch auf ihren Bescheid warten. Besonders für diese ist eine Asylsozialbetreuung vorgesehen. Asylsozialbetreuung Ein Asylsozialberater hilft Geflüchteten bei formellen und praktischen Aufgaben, etwa beim Anmelden der Kinder in Schule und als erster Ansprechpartner für Behörden. Die Asylsozialbetreuung in Demmelsdorf wurde bis 2016 von einem ehrenamtlichen Helfer der Awo durchgeführt. Seitdem übernimmt sie der Hausmeister, auf Kosten des Betreibers, dem dann eine höhere Tagespauschale pro Bewohner zur Verfügung steht. Geld Den Eritreern werden jeweils rund 300 Euro Wohngeld pro Monat von den Sozialleistungen abgezogen. Davon könne man laut Thomas Hummel vom Landratsamt allerdings nicht auf die Pauschale schließen, die die Behörde an den Betreiber zahlt. Hummel wolle keine Zahl nennen. Nach verschiedenen Angaben liegt der Tagessatz im Landkreis zwischen 20 und 28 Euro pro Bewohner, also rund 600 bis 850 Euro im Monat. makl