Wohin steuert der Landkreis Bamberg? Und vor allem: Wer soll ihn in den kommenden sechs Jahren steuern? Die sechs Kandidaten für das Amt des Landrats - Johann Kalb (CSU), Andreas Schwarz (SPD), Bernd Fricke (Grüne), Bruno Kellner (FW/ÜWG), Tobias Sieling (ÖDP) und Marco Strube (FDP) - stellten sich auf dem Podium im Kulturboden Hallstadt den Fragen von Fränkischem Tag, Radio Bamberg, IHK und aus dem Publikum. Dabei brachten die Moderatoren Anette Schreiber und Marc Peratoner sechs Themenbereiche zur Sprache.

1. ÖPNV und Mobilität

Einigkeit bestand darin, dass der öffentliche Nahverkehr im Landkreis besser werden muss. Das vom Kreistag beschlossene Mobilitätskonzept und der Nahverkehrsplan seien der richtige Weg, meinte Amtsinhaber Kalb. Es müsse auch umgesetzt werden, merkte Sieling an. Der lange Zeitraum zur Umsetzung sei den Leuten aber nur schwer vermittelbar. Die Ansicht, dass es beim ÖPNV um mehr gehe, nämlich auch Klimaschutz und Daseinsvorsorge, vertraten Schwarz und Fricke. Übereinstimmung auch beim Wunsch nach einem 365-Euro-Ticket und der Notwendigkeit eines regionalen Omnibusbahnhofs. "Ganz ohne Auto geht es nicht", stellte Strube fest, und Kellner kam zum Schluss: "Der ÖPNV ist kein Allheilmittel."

2. Bauen und Wohnen

Die Problematik der seit vier Jahren im Landratsamt unbesetzten Kreisbaumeister-Stelle war von Bernd Fricke aufgeworfen worden. Der Wildwuchs von Gewerbegebieten auf der grünen Wiese und Neubaugebiete statt Innen- und Nachverdichtung verlangen nach einer Steuerung. Die Kreisbaumeisterin Gabriele Pfeff-Schmidt sei eine Ideengeberin gewesen, die neue Impulse in die Gemeinden gebracht habe, stellte Fricke fest. Dem konnte sich Andreas Schwarz anschließen. Er forderte zudem eine neue Wohnbaugenossenschaft für den Landkreis, die sich um Wohnungsbau kümmere. Bruno Kellner beklagte die bürokratischen Hürden im Bauwesen, Marco Strube schlug als "schnelle Abhilfe" die Digitalisierung der Prozesse vor. Tobias Sieling sah vor allem den Flächenfraß. Eine Zusammenarbeit von Landkreis und Kommunen könne den Druck von einzelnen Gemeinden nehmen. Johann Kalb verwies auf das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum der letzten Jahre. Die Richtlinien seien richtig gesetzt worden.

3. Automobilkrise und Michelin

Was kann die Landkreispolitik angesichts der Krise in der Autoindustrie tun? Kann sie überhaupt etwas bewirken? Fragen, die offenbar viele im Publikum bewegten und die mehrere Fragerunden in Anspruch nahmen. Ein Thema für sich war bei der Podiumsdiskussion in Hallstadt natürlich Michelin. Spontanen Zwischenapplaus erntete Schwarz mit dem Hinweis, dass es für Michelin und die Mitarbeiter geltende Arbeits- und Tarifverträge gebe, die eingehalten werden müssen. "Die Rechte der Arbeitnehmer müssen geschützt werden." Sich jetzt schon mit der Abwicklung des Areals zu befassen sei kontraproduktiv. Landrat Kalb verwehrte sich gegen den Vorwurf. Er und der Bamberger OB hätten sich "mit allen zusammengesetzt, nicht abgewickelt." Man sei trotzdem froh über jeden Ersatzarbeitsplatz, der jetzt schon gefunden werde. Fricke wies darauf hin, der Beschluss von Michelin, das Werk in Hallstadt zu schließen, sei nicht aus wirtschaftlicher Not geboren, sondern eine "Profitsicherungsmaßnahme". "Wir müssen uns hinter die Arbeitnehmer stellen."

Dass Michelin die Möglichkeit habe, statt der Reifenproduktion zum Beispiel die Wasserstoff-Forschung nach Hallstadt zu bringen, erscheint vielen als Hoffnungsschimmer. Auch für Schwarz wäre es eine Chance, dass das Unternehmen den Umbau vor Ort hin zu Forschung und Entwicklung schaffen könne. Kellner plädierte für ein "Ja zu neuen Techniken". Das gehe aber nicht sofort. Der Verbrenner werde noch für eine Übergangszeit gebraucht und dürfe nicht verteufelt werden. Fricke verwies darauf, dass derzeit in allen bayerischen Regionen mit kriselnder Autoindustrie die Wasserstoff-Technologie als "großes Pflaster für alle" gehandelt werde.

Einig waren sich die Kandidaten auf dem Podium wieder, dass für einen Umbau der regionalen Industriestruktur der Landkreis die Rahmenbedingungen - vor allem in der digitalen Infrastruktur - schaffen müsse.

4. Steigerwald und Klimaschutz

Klimaschutz ist eine große Herausforderung - auch für die "kleine" Politik, die Kommunalpolitik. Für viele fängt es beim Naturschutz an. Was ist aus der Debatte um den Steigerwald geworden? Strube wandelt hier in den Fußspuren seines Parteifreundes Liebhard Löffler. Er ist für ein großes Schutzgebiet. "Das Ziel bleibt ein Nationalpark oder Weltnaturerbe." Das sei gut für den Tourismus und die Naherholung. ÖDP-Kandidat Sieling ist ebenfalls für ein Schutzgebiet. Der Steigerwald sei "ein Riesenpfund. Wir wären bescheuert, wenn wir das nicht nutzen." - womit er ein Zitat von Landrat Kalb in Bezug auf die Brauereiendichte im Landkreis abwandelte. Schwarz will die "Konfliktparteien an einen Tisch bringen", sprach sich selbst aber klar für ein Naturerbe zwischen den Kulturerbestädten Bamberg und Würzburg aus. Fricke schloss sich ihm an. Kellner, nicht als Nationalparkfreund bekannt, meinte: "Wenn die Mehrheit das will, muss es umgesetzt werden." Kalb setzte weiter auf den Naturschutz im Rahmen eines Kulturerbesiegels.

5. Gesundheitswesen und Pflege

Der Erhalt der medizinischen Versorgung vor Ort und den Ausbau der Pflege streben alle Kandidaten an. Doch das ist oft eine Frage der Kosten. "Wir dürfen nicht fragen, was es kostet, sondern was es uns wert ist", mahnte Schwarz. Kalb betonte die großen Investitionen - "In sechs Jahren mehr als 200 Millionen Euro" - in die beiden Kliniken, in Seniorenheime und Medizinische Versorgungszentren." "Wir müssen mehr tun", sagte Kellner. Fricke nannte die zwei Krankenhäuser Teil der Daseinsvorsorge. Als solche wären sie für ihn auch noch mit roten Zahlen tragbar. Wie Schwarz forderte er eine bessere Bezahlung für Pflegekräfte. Sieling meinte, eine schwarze Null reiche.

6. Bierkulturzentrum

Auf wenig Gegenliebe stieß bei den fünf Herausforderern des Landrats ureigenste Idee für ein Bierkulturzentrum. Vor allem die in einem Gutachten genannten Investitionskosten von 40 Millionen Euro schreckten ab. Kalb betonte, dass der Landkreis nicht selbst investieren werden. Bierkultur bleibe aber ein Thema für den Landkreis, Bierkulturzentrum sei "ein Arbeitstitel".