Godehard Ruppert platzt der Kragen, wenn Studenten pauschal als "faul" bezeichnet werden. Im Gespräch zeigt der 60-Jährige den Wert der Universität für Bamberg auf.

Sie haben mal gesagt, dass Studenten Bamberg Jugend und Charme bringen. Was haben Sie mit Charme gemeint?
Godehard Ruppert: Wenn eine Stadt sich jünger, jugendlicher nach außen präsentiert, dann ist das für diejenigen, die in die Stadt kommen, attraktiver. Eine Stadt, die ein Publikum hat, das überdurchschnittlich alt ist, entwickelt sich auch in ihrer Erscheinungsweise in diese Richtung. Das heißt: Sie sehen dann nur noch Mode für 50 plus, Sie sehen in den Geschäften nur noch Rollatoren...

Kann man mit der Universität dieser Entwicklung entgegenwirken?
Sie können eine einfache Rechnung machen: Wir haben ziemlich genau so viele
Studierende wie im vergangenen Jahr, knapp 13.500. Wir haben aber 3000 Neue! Das heißt, wir müssen 3000 abgegeben und 3000 neue Studierende innerhalb eines Jahres bekommen haben. Von den einen bleiben einige und die anderen sind neue Interessierte, auch neue Kaufwillige, die sich erst zurecht finden müssen, die bestimmte Dinge erst entdecken müssen, die neue Anregungen geben und Anreize setzen.

Gibt es da auch negative Auswüchse? Es ist kein Geheimnis, dass ein Student auch mal feiern geht...
Das ist völlig klar. Doch auch hier muss man aufpassen, dass die Größenordnungen passen. Wer feiert da? Da gibt es beispielsweise auch Schüler. Und ich glaube, die Wenigsten können in der unmittelbaren Wahrnehmung unterscheiden zwischen Schülern und Studierenden.

Wird ja auch schwieriger, die Studenten werden jünger...
Ja, exakt. Und sie machen früher ihren Abschluss. Den Langzeitstudenten gibt es nicht mehr.

Hat man als Student weniger Zeit als noch vor der Bologna-Reform?
Ja, das ist doch das Aberwitzige. Auf der einen Seite scheinen alle zu wissen, dass die Studien völlig reglementiert sind, keine Freiheit lassen und Freizeit beschränken. Und gleichzeitig scheinen alle zu wissen, dass die Studierenden nur feiern. Irgendwas kann da nicht stimmen.

Verstehen Sie nicht auch Anwohner, die der Lärm stört?
Ja, aber auch da muss man richtig hinschauen. Mir geht es gar nicht so sehr darum, ob sich jemand berechtigt oder unberechtigt über Lärm aufregt. Mein Problem ist die permanente Zuweisung allen Übels an die Studierenden. In dieser Stadt haben sich offenbar viele nicht damit abgefunden, dass es hier mehr als 500 Studierende gibt. Ob der Charme in alten Mauern museal oder jung ist, ob sich hier bestimmte Firmen halten könnten, wenn die Studierenden nicht da wären: Das sind Fragen, die nicht gestellt werden. Die Studierenden werden mehr als Problem und zu wenig als Chance gesehen, das ärgert mich.

Ist das auch eine Neiddiskussion, die da stattfindet?
Niemand bekommt ein Studium geschenkt. Die Absolventinnen und Absolventen sind jünger geworden. Das heißt, sie müssen etwas getan haben, um durch das Studium entsprechend schnell durchzukommen. Wie kommt es denn dazu, dass diese Menschen Leistungsträger der Gesellschaft werden? Doch nicht, weil sie fünf Jahre faul im Studium in Bamberg auf der Brücke gesessen haben.

In Bamberg haben wir eine geisteswissenschaftliche Ausrichtung. Es gibt sicherlich viele Studenten, die nicht gleich einen Job bekommen ...
Vorsicht. Da muss man differenzieren. Wenn wir von Geisteswissenschaften reden, dann meinen wir das in einem sehr weiten Sinn und reden beispielsweise auch über Informatiker, die am Arbeitsmarkt hoch begehrt sind, dann sprechen wir über Wirtschaftswissenschaften, auch über eine gigantisch gute Quote von Sozialwissenschaftlern, die hervorragend unterkommen. Und: Im langjährigen Schnitt sind zwischen 20 und 30 Prozent unserer Studierenden Lehramtskandidaten. Ein Archäologe hat es auch schwerer als ein Betriebswirt. Aber hochgerechnet kommt auf 40 Wirtschaftswissenschaftler nur ein Archäologe. Dass es immer Einzelschicksale gibt, völlig klar, aber das gibt es auch bei Wirtschafts- oder Naturwissenschaftlern.

Sie haben mal gesagt, dass Sie stetig mehr Studenten bis 2020 erwarten ...
Nein. Ich habe gesagt, dass wir auf einem gleichbleibend hohen Niveau bis 2020 bleiben. Also: Abstürzen werden die Zahlen nicht.

Das heißt, gibt es keine Zunahmen?
Ich rechne nicht mit signifikanten Zunahmen. Schon in der Prognose 2008 lag ich recht gut. Ich gehe davon aus, dass wir nicht nach dem doppelten Abiturjahrgang einen Absturz auf die 7200 zu Beginn meiner Amtszeit erleben. Die Zahlen werden kontinuierlich höher bleiben als damals.

Im WS 2010/11 waren es noch 10.000 Studenten, WS 2011/12 über 12.000. Ging dieser Sprung gut aus Ihrer Sicht?
Wir als Uni haben das überstehen können, weil wir zusätzlich Personal bekommen haben. Klar gab es Proteste, weil die Hörsäle platzten. Aber bereits zwei Semester später haben wir diesen Sprung in den Griff bekommen. Die Generation, die jetzt studiert hat auch ein Recht auf gute Studienbedingungen. Das müssen wir sicherstellen.

Würden Sie sagen, wenn man auf die Stadt blickt, war der Sprung vielleicht ein bisschen zu schnell?

Offensichtlich.

Ist die Diskussion jetzt noch eine Folge davon?
Bei der verzögerten Diskussionskultur kann das sein. Aber: Wenn das kommunikativ in der Breite der Stadt aufkommt, habe ich kein Problem. Mich ärgert, wenn Leute, die Verantwortung tragen, davon reden, dass dadurch Zwänge entstehen. Probleme kann man bejammern oder lösen.

Fühlen Sie sich nicht genug wertgeschätzt?
Welcher Wert? Ich glaube, in dieser Stadt weiß kaum jemand um den wirtschaftlichen Wert einer Universität. Da müssen wir auch noch besser informieren. Der Wert der Bildung wird erkannt, der wirtschaftliche nicht.

Was meinen Sie?
Nehmen Sie einfach mal die Drittmittel. Wenn wir rund 30 Millionen Euro zusätzlich einwerben, dann liefern wir hier 10 Millionen Steuern. Wer nimmt das wahr? Gesehen wird, dass Bosch der größte Arbeitgeber am Ort ist. Wir haben mit den Beschäftigten mindestens doppelt so viele Personen.

Was bringen die der Stadt?
Jeder der 13.500 Studierenden gibt Geld aus. Was ein einzelner Studierender hier konsumtiv investiert, ist durchaus vergleichbar mit jemandem, der bei Bosch oder Brose am Band arbeitet. Die Gastronomen in der Austraße merken das, aber ansonsten wird das kaum zur Kenntnis genommen. Es wird gesagt: Studierende sind faul. Die Wahrnehmung ist unvollständig.

Was kann die Unileitung tun, um Bamberger und Uni zusammenzubringen?
Das ist nicht einfach ...

Das Unifest scheint ja nicht mehr zu funktionieren ...
Ich will nicht die Diskussion über die Bamberger Eventkultur verschärfen. Aber wenn es im Sommer mit Sandkerwa und Unifest nur zwei Veranstaltungen gibt, dann haben wir einen anderen Zulauf. Wir haben festgestellt: Mit zunehmenden Events in der Stadt, haben parallel unsere Besucherzahlen abgenommen. Deshalb mussten wir das Ziel umgestalten und veranstalten jetzt mehr ein Fest für die Universität.

Gibt es andere Möglichkeiten wie die Lange Nacht der Wissenschaft?
Hat es hier auch gegeben. Mit katastrophalem Zulauf. Das ist eine schwierige Sache in einer kleineren Stadt. Und eines darf man nicht vergessen: Unsere Priorität muss derzeit sein, uns um die Studierenden zu kümmern. Die müssen trotz hoher Zahlen ein adäquates Studium bekommen. Da müssen wir andere Angebote zurückstellen. Dennoch: Es ist offenbar eine Schwelle in den Köpfen, dass man nicht so einfach ein Uni-Gebäude betreten darf ...

Aber da ist doch auch etwas falsch gelaufen. Die Uni war ja immer ein Hort der Freiheit ...
... ich weiß nicht wie es in die Köpfe kommt.


Wie sähe Bamberg ohne Uni aus?
Es wäre ein Freiluftaltersheim.

Das hört sich hart an...
Das ist gar nicht böse gemeint. Erstens: In den Großstädten werden die Lebenshaltungskosten immer höher. Die niedrigsten Lebenshaltungskosten aller Universitätsstädte im Westen hat Bamberg. Die Stadt hat einen unglaublichen Charme, hat einen Bekanntheitsgrad mit diesem Charme. Das heißt, Sie können in hohem Maße auf Zuzug von Leuten setzen, die keine Rücksicht mehr auf den Arbeitsort nehmen müssen. Zweitens: Was machen Sie mit so großen Häusern wie Hochzeitshaus, Fleischhalle oder dem Markusgelände ohne die Universität? Wenn die Universität nicht in Bamberg wäre, dann könnten Sie vielleicht Seniorenheime daraus machen. Ohne Universität haben sie schließlich eine brutale Alterung. Das können Sie doch heute schon in einigen Städten sehen, das sind aber Städte ohne Hochschule!