Wenn bei einem Schüler die Krankheit Covid-19 bestätigt wird, geht an Bayerns Schulen alles ganz schnell. Die gesamte Klasse wird für vierzehn Tage vom Unterricht ausgeschlossen, die Schüler müssen in Quarantäne. So erst wieder am Wochenende an der Staatlichen Realschule in Ebrach (Landkreis Bamberg). Dort müssen seit gestern 39 Schüler zuhause bleiben. "Eineinhalb Klassen, weil die erkrankte Person über den Religionsunterricht auch noch Kontakt zum Teil einer anderen Klasse hatte", berichtet Stefan Fackelmann, Konrektor der Realschule.

Neue Fälle in Burgkunstadt

Ebrach ist kein Einzelfall. Eine Woche nach Schulbeginn ist der Präsenzunterricht frankenweit in mehreren Klassen schon wieder zum Stillstand gekommen. In Würzburg ist mit dem Röntgen-Gymnasium derzeit sogar eine ganze Schule geschlossen. Das jüngste Beispiel: Am Montag wurden 177 Schüler und 17 Lehrer in Burgkunstadt in Quarantäne geschickt. Betroffen sind laut Gesundheitsamt das Gymnasium und die Realschule. Drei Schüler hatten Anfang September an einer Geburtstagsfeier teilgenommen und sind jetzt an Covid-19 erkrankt, schreibt die Behörde.

Die Fälle häufen sich: Die Initiative www.news4teachers.de veröffentlicht tagesaktuell auf einer virtuellen Karte die Zahl der von Corona betroffenen Schulen und Kindertagesstätten in Deutschland. Der Stand von Montag: Mehr als 1000 Schulen und 300 Kitas sind betroffen.

Was genau im Fall eines Falles zu tun ist, gibt der Rahmen-Hygieneplan des bayerischen Kultusministeriums vom 2. September vor. Darin ist nicht nur vorgeschrieben, dass "die gesamte Klasse für vierzehn Tage vom Unterricht ausgeschlossen sowie eine Quarantäne durch das zuständige Gesundheitsamt angeordnet" wird. Alle Schüler der Klasse werden am ersten Tag nach Bekanntwerden und noch einmal am Tag fünf bis sieben auf eine Corona-Erkrankung getestet.

390 Lehrer in Quarantäne

Wie viele Klassen bayernweit in Quarantäne sind, weiß man auch im Kultusministerium nicht genau. "Bei mehreren zehntausend Klassen ist das schwierig", sagt Zoran Gojic, stellvertretender Pressesprecher. Derzeit seien aber nur vier Schulen vollständig geschlossen. Allerdings meldeten die Schulen, wie viele Schüler oder Lehrer an Covid-19 erkrankt sind. Stand gestern waren dies 135 Schüler und 43 Lehrer. Dadurch befänden sich 2486 Schüler und 390 Lehrer in Quarantäne (von 1,65 Millionen Schülern und 150 000 Lehrern in Bayern).

Die Entwicklung sei gerade "nicht so toll", sagt Gojic. Ob und wann die Hygienemaßnahmen verschärft werden bzw. ob die neuntägige Maskenpflicht im Unterricht ab der fünften Klasse aufwärts verlängert wird, die Ende der Woche ausläuft, entscheide sich aber nicht im Kultusministerium. Das sei letztlich Sache der Staatsregierung in Abstimmung mit den Ministerien Gesundheit und Kultus.

Als notwendiges Übel sieht man die Maskenpflicht beim Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). "Kein Lehrer hätte je gedacht, dass er einmal mit Maske unterrichten muss", sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann auf Anfrage. Momentan sei nichts planbar. Sie hält jedenfalls nichts davon, dass jede Woche eine andere politische Anordnung getroffen wird. Ob die neuntägige Maskenpflicht verlängert wird, liege in der Verantwortung der Staatsregierung. "Ich werde mich da nicht einmischen."

Mangel an mobilen Reserven

Der Drei-Stufen-Plan im Rahmen des Hygieneplans an den Schulen (er orientiert sich an der Sieben-Tage-Inzidenz pro 100 000 Einwohner in einem Landkreis/kreisfreie Stadt) sei jedenfalls ein Maßstab. "Ich fände es falsch, wenn man von dem jetzt abrückt. Ich glaube, dass das immer noch der richtige Weg ist", sagt Fleischmann. Probleme sieht die BLLV-Präsidentin allerdings aufgrund des Lehrermangels. "Wir haben mancherorts keine mobilen Reserven mehr. Und in Zeiten von Corona kann man ja Klassen nicht einfach so mal für eine Stunde zusammenlegen." Die Folge sei Unterrichtsausfall.

So einen Unterrichtsausfall gibt es im Fall der Quarantäne übrigens nicht. Die Klassen, die zuhause bleiben müssen, werden dem Vernehmen nach online beschult.

Laut Professor Christian Bogdan, Direktor am Mikrobiologischen Institut des Universitätsklinikums Erlangen und Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, war es "aus infektionsepidemiologischer Sicht definitiv nicht zu früh, zum Regelbetrieb an den Schulen zurückzukehren".

"Unbedingt Testergebnis verifizieren"

Die Inzidenz an SARS-CoV2-Infektionen sei in Deutschland derzeit so niedrig, dass ein Regelunterricht ohne besonderes Gefährdungspotential stattfinden könne. Für Bogdan ist es auch vorstellbar, ab nächster Woche innerhalb des eigenen Klassenverbandes, also während des Unterrichts, auf eine Mund-Nasen-Bedeckung zu verzichten Wichtiger sei es, dass Schüler und Lehrer bei Atemwegssymptomen zügig getestet würden.

Tests ohne entsprechende Indikation lehnt Bogdan ab. Es sei sinnvoller, nur solche Personen zu testen, wo tatsächlich ein Anlass bestehe - etwa bei Kontakt zu einem nachgewiesenen Covid-19-Fall oder Rückkehr aus einem Risikogebiet. "Positiv ausgefallene Tests sollten bei einer weiterhin sehr niedrigen Infektionsrate unbedingt durch einen Bestätigungstest verifiziert werden, damit Menschen nicht unnötig in Quarantäne geschickt werden", sagt Bogdan.

"Die Kultusministerien lassen die Lehrer im Stich"

Hart ins Gericht geht der Sozialwissenschaftler Andrej Priboschek mit der Informationspolitik der Kultusministerien in der Corona-Krise. "Die Öffentlichkeit wird für dumm verkauft."

Die Kritik des Publizisten, der die Plattform "News4teachers" (Nachrichten für Lehrer) betreibt, entzündet sich daran, dass die Lehrer in der Corona-Krise zu Sündenböcken gemacht würden. "Die Realität ist aber: Lehrer haben nicht seit Monaten Corona-Ferien, sie haben eine Mehrfach-Belastung durch Präsenz- und digitalen Unterricht und Notdienst." Viele Lehrer fühlten sich im Stich gelassen.

Den Kultusministerien gibt Priboschek in der Corona-Krise die Note "mangelhaft". Das beginne schon bei der fehlenden Transparenz über die Zahl der Corona-Fälle an den Schulen. In seinem Blog sammelt der Journalist Corona-Meldungen aus den Medien. Die Zahlen seien alarmierend.

Auch das Robert-Koch-Institut weist im aktuellen Bericht zur Corona-Lage darauf hin, dass von den Neuinfektionen "auffallend viele jüngere Menschen betroffen sind" - ohne die Schulen explizit zu nennen.