Mit rosigen Wangen sitzt Johann Bitterer vor seinem Abendessen, das ihm gerade eine Krankenschwester serviert hat. Der 90-jährige Bamberger freut sich darüber, dass sein Appetit zurückgekehrt ist. "Der Professor hat mich wieder gesund gemacht!", strahlt der betagte Herr und stellt sich problemlos aufrecht. Der "Professor" ist zwar faktisch keiner, nimmt diese Titelverleihung seines Patienten aber nachsichtig lächelnd hin: Dr. Clemens Grupp, Chefarzt des Zentrums für Altersmedizin am Klinikum Michelsberg.


Multiprofessionelles Team

Etliche Tage musste Johann Bitterer auf der Akutstation des Zentrums verbringen. Nach allen Regeln der medizinischen Kunst haben ihm Clemens Grupp und sein multiprofessionelles Team buchstäblich wieder auf die Beine geholfen. Bald kann er nach Hause entlassen werden.
Und damit ist ein wesentliches Behandlungsziel erreicht: "Altersmedizin sorgt dafür, dass es daheim in größtmöglicher Selbständigkeit weitergeht", betont der Chefarzt. Grupp hat dieses Fachgebiet Geriatrie am Bamberger Klinikum initiiert und das Zentrum aufgebaut. Zehn Jahre leistet es nun umfassende Hilfen für alte Patienten.

Sein breites Spektrum an Abteilungen ist in Bayern einzigartig: Unter einem Dach vereinen sich die akutstationäre Behandlung, die geriatrische Frührehabilitation, die stationäre Rehabilitation, die geriatrische Tagesklinik und die mobile geriatrische Rehabilitation. Seit diesem Jahr gehört auch eine Akutgeriatrie im Klinikum am Bruderwald dazu.

Jährlich werden rund 1800 Patienten aus Bamberg und der Region im Alter ab etwa 70 Jahren im Zentrum behandelt. "Was sinnvoll ist, wird auch beim Hundertjährigen gemacht", erklärt Clemens Grupp, fügt jedoch hinzu, dass häufig "ein palliativer Ansatz" zum Zuge kommen müsse. Was gewiss nicht bedeute, dass Altersmedizin (Geriatrie) eine "Schmalspurmedizin" sei: "Geriatrie ist die herausforderndste Medizin schlechthin, denn der ältere Patient ist anspruchsvoll", weiß Grupp. Dessen Behandlung erfordere viel Sorgfalt und Einfühlungsvermögen, gepaart mit einem breiten medizinischen Wissen.

Gerade ältere Menschen litten oft gleichzeitig an verschiedenen chronischen Krankheiten, die Leistungsfähigkeit mehrerer Organe sei eingeschränkt. "Multimorbidität" laute der Fachausdruck. Zu den größten Herausforderungen gehörten dabei Demenz oder die Vielzahl an Medikamenten, die ein alter Mensch brauche: "Neun verschiedene sind das im Durchschnitt", so Grupp. Da käme es darauf an zu beurteilen, wie die Wechselwirkungen seien, und wie eine individuelle Dosis ausschauen müsse.


Depression verbreitet

Grupps Kollegin Dr. Susanne Daiber, Chefärztin der geriatrischen Tagesklinik, weiß um die Auswirkung von Erkrankungen und altersbedingten Gebrechen auf die Psyche: "Depression ist verbreitet", bedauert die Fachärztin. So gehe es immer darum, einen Patienten physisch wie psychisch zu stabilisieren, um eine dauerhafte Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder zumindest den Status quo zu erhalten.

Das Therapieangebot im Zentrum für Altersmedizin ist daher vielfältig: Es reicht von Ergo- und Physiotherapie über Logopädie und Massagen bis hin zu Psychotherapie und Entspannungsverfahren. Eng eingebunden werden die Angehörigen, um die häusliche Versorgung sicherzustellen: "Das ganze Umfeld eines Patienten wird bedacht", sagt Susanne Daiber. Wenn zum Beispiel jemand immer wieder mit einer Lungenentzündung kämpfe und Schluckbeschwerden habe, brauche er eine spezielle Kost. Damit diese auch zu Hause zubereitet und gegeben werden könne, bräuchten Angehörige entsprechende Anleitung, ergänzt Clemens Grupp.


"Zentrum ist etabliert"

Clemens Grupp und Susanne Daiber wissen nur zu gut um die anfängliche Skepsis in der Hausärzteschaft, "ob ein Zentrum für Altersmedizin in Bamberg überhaupt gebraucht wird". Nach zehn Jahren seien die Zweifel gewichen, "das Zentrum ist etabliert". Im kommenden Jahrzehnt rechnen die beiden Fachkräfte mit weitreichenden Forschungen und neuen Erkenntnissen in der Geriatrie, "die wir umsetzen wollen". Auch das "Entlassmanagement der Krankenhäuser ist herausgefordert", bringt Chefärztin Daiber einen wunden Punkt zur Sprache.
Schon heute steht aber fest, dass "es die Pille, die einen jünger macht, nie geben wird", grummelt Clemens Grupp. Es gehe in der Altersmedizin nicht um "ewige Jugend", sondern um eine Verbesserung der Lebensqualität in der selbstbestimmten Umgebung. "Wir geben unser Bestes", versichert Grupp für sein ganzes Team. Dennoch "können wir bei allen Bemühungen nicht immer das Pflegeheim verhindern".

Der 90-jährige Johann Bitterer ist ein Beweis dafür, dass ein alter Mensch auch ohne Wunderpillen Lebensqualität daheim genießen kann. Allerdings hat der einstige Bäckereiinhaber sein ganz eigenes Rezept für ein hohes Alter: "Früh aufstehen, frische Luft, viel Bewegung und nichts übertreiben!"

Mit zwei öffentlichen Veranstaltungen begeht das Zentrum für Altersmedizin seinen zehnten Geburtstag:
Am Freitag, 23. Oktober, 18 Uhr, Lesung von Sabine Bode aus ihrem Buch "Frieden schließen mit Demenz" in Kooperation mit dem Evangelischen Bildungswerk Bamberg e.V. Ort: Klinikum am Michelsberg, St. Getreu-Straße 18, Mehrzweckhalle.
Am Samstag, 24. Oktober, 8.45 bis 14 Uhr: Symposium "Häufige Probleme beim älteren Patienten" mit Referenten aus Medizin und Architektur. Ort: Klinikum am Bruderwald, Saal Residenz, Buger Straße 80.