An Bamberger Schulen ist das nicht das Problem. Nicht überall finden die Bundesjugendspiele so großen Anklang wie am Dientzenhofer Gymnasium (DG): Dort nehmen selbst die Zehntklässler noch gerne an dem eintägigen Sportfest teil. "Da sind wir stolz drauf", sagt Sportfachbereichsleiter Robert Heckel.

Dass die Bundesjugendspiele hier erfolgreich sind, ist nicht verwunderlich. Schließlich ist das DG Stützpunktschule für Leichtathletik. Der Leistungssport wird verstärkt gefördert. Die Diskussion um Zwangs- und Wettbewerbscharakter der Bundesjugendspiele, die eine Mutter aus Konstanz in diesen Tagen ausgelöst hat (siehe unten), wird am DG nur verhalten geführt.

"Es läuft überwiegend gut. Doch gibt es immer ein paar Schüler, die die Leistung nicht zeigen können und sich deshalb nicht gerne zur Schau stellen", weiß auch der 56 Jahre alte Sportlehrer zu berichten. Vor ein paar Jahren habe man selbst am DG Probleme gehabt, die Schüler für den Wettbewerb zu motivieren. Das habe sich inzwischen wieder gebessert.

Heckel stellt die positiven Seiten des Sporttags heraus: "Viele Schüler freuen sich, wenn sie anderen zeigen können, was sie im Sport drauf haben." Und so manches Lehrer-Schüler-Verhältnis habe sich dadurch schon positiv verändert. Denn die Lehrer aus anderen Fachbereichen lernten auch mal die sportliche Seite der Schüler kennen.

Wenig Begeisterung für Leichtathletik

Das Problem der Bundesjugendspiele, das Martin Mattausch formuliert, ist ein anderes. Der Schulleiter der Graf-Stauffenberg-Schule sieht die Begeisterung für Leichtathletik zunehmend schwinden. Seit vergangenem Jahr finden an der Wirtschaftsschule keine Bundesjugendspiele mehr statt, weil momentan ein Umbruch im Fachbereich Sport vollzogen werde.

Grundsätzlich wolle man die Spiele an der Schule nach Möglichkeit wieder veranstalten. Dennoch macht Mattausch deutlich: "In der Fachschaft Sport ist der Trend erkennbar, dass die Bundesjugendspiele nicht besonders beliebt sind." Die Schüler begeisterten sich mehr für Mannschaftssportarten - wie etwa für Fußball.

Bambergs Zweiter Bürgermeister Christian Lange (CSU) hat es zwar in seiner Schulzeit selbst nie zu den höheren Weihen einer Ehrenurkunde geschafft, dennoch hält der Schul- und Sportreferent der Stadt an den Bundesjugendspielen fest: "Wir kämpfen bei der Schulreform, dass die Stundenzahl für den Schulsport erhalten bleibt. Die Streichung der Bundesjugendspiele wäre das falsche Signal."

Einmal im Jahr könne man einem Schüler zumuten, dass er an einer Sportveranstaltung teilnimmt, findet Lange. Sport biete schließlich einen guten Ausgleich zu Computer und Apps.


Meinung: Pro und Contra Abschaffung der Bundesjugendspiele

Pro: Sarah Dann, Redaktionsvolontärin, findet, die Spiele sind überholt: "Von der ersten bis zur vierten Klasse kam ich in den Genuss dieser im besonderen Maße pädagogisch wertvollen Schulbank-Alternative. Vier ehrwürdige Teilnehmerurkunden staubte ich ab.

An Tagen, an denen es durchschnittlich 35 Grad hatte - mindestens und im Schatten versteht sich. Schützende dunkle Flecken waren im baden-württembergischen Osterholzstadion aber nicht zu finden, schon gar nicht am Tag der Bundesjugendspiele. Aber wer rechnet im Juli, im Sommer, schon mit einer Temperaturexplosion?! Den Wetter- oder vielmehr Planungskapriolen irgendwelcher Minister sei dank, fuhren deshalb 99 Prozent der Eltern am Morgen der Bundesjugendspiele ihre Schützlinge sicherheitshalber mit dem Auto ins Stadion ... der Buckel zum Sportplatz hinauf sollte die Mitschüler schließlich nicht schon vor den Wettkämpfen ins Schwitzen bringen.

Noch fürsorglicher waren nur die Eltern, denen es morgens am Telefonhörer selbst die Schweißperlen auf die Stirn trieb: "Also meine Lisa, die hat heute Kopfschmerzen. Ganz starke. Wirklich." Bauchschmerzen waren es wohl eher, ... waren es aber vielleicht auch schon im Jahr zuvor.

Die Wertlosigkeit von Teilnehmerurkunden keimt im Konzept sogenannter Sport-"Spiel"-Tage. Es "soll auf eine Frühspezialisierung und Einengung in ein zu starres Regelwerk verzichtet werden", heißt es offiziell. Deshalb wird der Einsatz - ob beim Sprinten oder Springen - in der brütenden Hitze nach Tabellen bewertet, aha. Im Ernst: Auf die Plätze, meckern, los! Gegen einen einzelnen Tag, der kindlichen Bewegungsdrang in Leistungstabellen zwängt. Für ein Bewegungsprojekt, das beim Thema "Ernährung" im Heimat- und Sachunterricht beginnt und Trainingserfolge im Sportunterricht erlaubt. "

Contra: Christian Holhut, Redakteur, findet die Bundesjugendspiele sinnvoll: "Es gibt nicht die fetten Jugendlichen, die mit Fastfood vor der Glotze sitzen. Es gibt sie natürlich, aber eben nicht nur. Denn wie Spaß am Lesen oder Appetit auf gesunde Ernährung ist eben auch Freude an Bewegung und fairem Wettkampf zum großen Teil Erziehungssache. Verabschieden wir uns hier von der Idealvorstellung, die sei flächendeckend so auch gut gegeben. Es mangelt hierzulande oft daran. An vielem. Zu oft. Nicht ohne Grund beklagen Lehrer häufig, dass sie sich notgedrungen immer mehr um das zu kümmern hätten, was Eltern nicht leisten wollen oder können.

Deshalb ist am Sport in der Schule ebenso wenig zu rütteln wie an Mathe oder Deutsch. Denn: Jedes Kind braucht dieselben Chancen und Möglichkeiten, unabhängig von seiner Herkunft, seinem Zuhause oder aktuellen Fähigkeiten. Entsprechend vonnöten ist die Leistungserfassung. Es braucht eben auch die Chance, sich mit anderen zu messen - genauso wie in allen Fächern in der Schule, in anderen Lebensbereichen oder -phasen, sobald individuelle Stärken und Schwächen zum Vorschein kommen. Der Fingerzeig in Richtung "unsensibles Lehrpersonal", wesentliches Element der Petition, zeigt doch, wo der Fehler liegt: nicht im sportlichen Wettkampf, sondern sobald es maßgeblichen Personen im Umfeld der Kinder an Kompetenzen mangelt.

Und damit sind hier nicht nur die Lehrer gemeint. Natürlich sind die Bundesjugendspiele gut vorzubereiten, nicht am heißesten Tag des Jahres durchzuprügeln, jeder Teilnehmer ein Sieger - und die Schwächen von Kindern generell ernst zu nehmen. Wer aber Defizite in diesem Bereich zum Anlass nimmt, alle Kinder ein Stück mehr in Watte zu packen vor der Lebenswirklichkeit, arbeitet am eigentlichen Problem vorbei."


Stimmen aus dem Netz:

Auch auf inFranken.de und auf den zugehörigen Facebook-Seiten wird das Thema heiß diskutiert. Hier eine Auswahl an Stimmen:

Das-geschriebene-Wort: "Ich finde eintägige Bundesjugendspiele total sinnlos. Wenn man mal bedenkt, wie häufig in der Schulzeit die Sportstunden ausfallen (...) und man die Kinder fast unvorbereitet in diesen Wettkampf schickt und daher Urkunden nicht nur mit Können sondern auch mit Glück zugewiesen werden."

Yvonne Guzik Ives: "Ich bin ja schon ein paar Jährchen aus der Schule raus, aber die besten Erinnerungen hab' ich an die Bundesjugendspiele, und zwar nicht wegen des Sportteils, ich glaub', ich hab's höchstens mal zu ner Siegerurkunde geschafft (...), sondern die Kameradschaft, das ,Abhängen‘ mit den Anderen, einfach der SPASS, einen Tag ohne Unterricht zu haben."

Uschi Veit"Ich erinnere mich mit Freuden an die Bundesjugendspiele. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Kameradschaft darunter gelitten hat."

LuciferSam: "Wenn der Klassenzusammenhalt Mist ist, macht es natürlich keinen Spaß. Aber dann werden die Schwächeren nicht nur bei den BJS gemobbt, sondern immer."



Hintergrund: Wie kam es zur Diskussion um die Bundesjugendspiele?

Initiatorin Christine Finke aus Konstanz hat die Diskussion ins Rollen gebracht. Die Stadträtin und freiberufliche Journalistin widmet sich privat als Bloggerin und alleinerziehende Mutter von drei Kindern der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier geht's zu ihremBlog.

Begründung Vor rund einer Woche setzt Christine Finke auf Twitter die Nachricht ab, dass ihr Sohn weinend mit einer Teilnehmerurkunde der Bundesjugendspiele heimkomme - und sie deshalb eine Petition zur Abschaffung erwäge. Der Wettbewerb mit Teilnahmezwang und starkem Wettkampfcharakter sei nämlich nicht mehr zeitgemäß.

Petition Zwei Tage später steht ihre Online-Petition "Bundesjugendspiele abschaffen!" an Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) im Netz und sammelt binnen drei Tagen über 5000 Unterschriften. Sie entfacht auch eine heftige, teilweise sehr emotionale Diskussion um die 1951 eingeführten Bundesjugendspiele - insbesondere in den Sozialen Medien, aber auch bundesweit in großen Zeitungen und Portalen. Hier geht's zur Petition.

Meinung Der Deutsche Sportlehrerverband positioniert sich mit Präsident Michael Fahlenbock pro Bundesjugendspiele - wenngleich er ablehnt, vom Ergebnis Zensuren abzuleiten. Der Tageszeitung "Welt" sagte er in dieser Woche, er halte die Spiele samt Wettbewerbscharakter für richtig - sofern sie wie ein Sportfest gesehen und Schüler systematisch auf die einzelnen Disziplinen vorbereitet würden. Fahlenbock zufolge ist zu berücksichtigen, dass nur Schulen "wirklich alle Heranwachsenden" treffen. hol