Im Schnitt zwei Kinder: Frankreich führt seit Jahren die Geburtenstatistik der Europäischen Union an. Und schuld daran sind auch noch wir Deutschen, die wir selbst seit drei Jahrzehnten bei einer Geburtenrate von 1,4 rumkrebsen: "Im 19. Jahrhundert wurde das damals erhebliche Bevölkerungswachstum in Deutschland und das Stagnieren der eigenen Bevölkerungszahl von den Franzosen als außerordentlich bedrohlich empfunden", sagt der Bamberger Soziologe Harald Rost. "Seither verfolgt Frankreich eine Politik, die auf eine nachhaltige Förderung des Bevölkerungswachstums, auf eine hohe Geburtenrate, abzielt." Frankreich fördert kinderreiche Familien sehr stark, investiert viel in gesellschaftliche Strukturen wie Kinderbetreuung und betrachtet Wohlergehen und Bildung jedes kleinen Franzosen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Deutsche sehen ihre Familien eher als Privatsache, in die der Staat möglichst wenig hineinregulieren sollte. Der Mutter wird hier eine entscheidende Rolle zugesprochen. Weil damit so viel Ideologisches und gleichzeitig so starke persönliche Gefühle verbunden sind, geraten Diskussionen über Familienförderung sehr schnell sehr hitzig.


Mega-Glucke und Rabenmutter

"Ich habe das Gefühl, dass in Deutschland unterschwellig immer mitschwingt, dass Fremdbetreuung negativ ist", sagt Ricarda Jürgens, deren elfjähriger Sohn Lian in Frankreich zur Welt gekommen ist. Die 40-jährige Wahl-Bambergerin sucht ihren eigenen Weg, irgendwo zwischen französischer und fränkischer Denke - und eckte dabei schon mit beiden Mentalitäten an: In Frankreich galt sie als "Mega-Glucke", weil sie nach der Geburt ein halbes Jahr zu Hause blieb. Als ihre Beziehung zerbrach und sie zurück nach Deutschland kam, war sie als vollzeitarbeitende Alleinerziehende mit dem Begriff "Rabenmutter" konfrontiert.


"Rabenmutter" - ein deutsches Phänomen

"Diesen Begriff gibt es nur in Deutschland", erklärt Soziologe Rost. Für den stellvertretenden Leiter des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg (ifb) ist klar, dass die historisch gewachsenen Denkmuster großen Einfluss auf unser Familienbild haben. "Das hat lange Zeit die Vorstellung geprägt, nach der ein Kleinkind bei der Mutter am besten aufgehoben ist." Es gibt Studien, die das belegen. Und andere, die dagegen sprechen. "Kinder sind sehr unterschiedlich in der Entwicklung", sagt Rost. Deshalb komme es bei einer Fremdbetreuung vor allem darauf an, dass diese qualitativ hochwertig ist. Doch dies sieht nicht nur der Wissenschaftler als ein Problem in Deutschland.

Auch Ute Raab empfindet die Qualität der Betreuungsangebote als "nicht optimal". Die 46-Jährige lebt mit Mann Clemens, ebenfalls 46, und den zwei Töchtern im Einfamilienhaus in Burgebrach. Inklusive Keybord und Schlagzeug im Keller und Trampolin und Hasenstall im Garten - ein Kinderparadies, das auch dadurch finanziert wird, dass Ute ebenfalls 30 Stunden arbeitet. "Ich weiß nicht, wie es bei uns hätte funktionieren sollen, wenn wir die Oma nicht gehabt hätten", sagt sie.


"Warum muss man so abfällig von Herdprämie sprechen?"

"In Deutschland muss man als Familie ein gutes soziales Netzwerk haben." Die Betreuungsmöglichkeiten sind zu wenig und oft zu unflexibel und zu schlecht. "Zum Beispiel müssen sich nach der Nachmittagsbetreuung viele Eltern abends hinsetzen und mit den Kindern Hausaufgaben machen." Grundsätzlich hat sie nichts gegen Fremdbetreuung. Aber auch nichts dagegen, dass manche Mutter zu Hause bleiben will. "Es ist nicht jedermanns Sache, sein Kind in eine Kita zu bringen. Warum muss man diese Entscheidung werten? Warum muss man so abfällig von ,Herdprämie' sprechen?"


Familien brauchen Wahlfreiheit

Trotz aller Unterschiede geht es beim Thema Familienpolitik irgendwie immer um die Frauenerwerbstätigkeit. Genau wie Lians Mutter Ricarda war Ute nach der Geburt der heute 13-jährigen Isabel selbst nur ein halbes Jahr zu Hause. Vor zehn Jahren wurde die zweite Tochter Annika geboren. "Damals gab es 300 Euro Erziehungsgeld." Das Elterngeld kennt Ute Raab nur von Kolleginnen, die meist ein Jahr Babypause machen. "Dieses eine Jahr ist man gut abgesichert. Das finde ich gut." Sie sei froh, dass Mütter nicht wie in Frankreich nach ein paar Wochen Mutterschutz wieder anfangen müssen. Ute Raab geht es darum, dass Familien frei wählen können, wie sie leben.

Darum geht es auch Ricarda Jürgens. Sie versteht nicht, warum fast jeder das Elterngeld gut findet, aber das Betreuungsgeld abfällig zur "Herdprämie" abgestempelt wird. Schließlich sei beides eine staatliche Unterstützung dafür, dass Frauen zu Hause bleiben. "Das Elterngeld trägt nicht dazu bei, Frauen in den Beruf zurückzuverhelfen. Alle Mütter, die ich kenne, sind danach auf Teilzeit gegangen." In Deutschland gebe es keine echte Wahlfreiheit. Betreuungssituation und politische Steuerungsmittel wie das Ehegattensplitting sorgen dafür, dass nur wenige Mütter wieder voll in den Beruf einsteigen.

In Frankreich ist es umgekehrt: Dort ist eine Frau quasi gezwungen, rasch wieder zu arbeiten. Dementsprechend haben die Betreuungseinrichtungen lange Öffnungszeiten. Auch am Wochenende - und das für wenig Geld und in guter Qualität. Ricarda Jürgens erlebte, dass eine Erzieherin für drei Kinder da ist, und dass sehr genau hingeschaut wird: "Die wollen sogar wissen, was ein Kind gegessen hat und man muss jeden blauen Fleck erklären." Die Deutsche empfand die staatliche Dominanz in Familienfragen teilweise als Verlust von Souveränität.

"Man gibt einen großen Teil der Beziehung an den Staat ab." Andererseits gewährleiste dieses System auch die Chance auf Gleichheit und Integration für alle Kinder. "Eine echte Wahlfreiheit gibt es da natürlich auch nicht." Hin- und hergerissen sei sie - aber die Geburtenrate und die Zufriedenheit der Französinnen sprächen statistisch eher für das französische System. "Und es ist ja auch nicht so, dass die Franzosen alle irre sind und alle Bindungsprobleme haben. Die Familie ist am Abend zusammen, das Essen ist der Höhepunkt des Tages. Die Kinder bleiben länger auf als hier." Nicht alle Unterschiede haben etwas mit politischen Maßnahmen zu tun.

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Das kosten Familien:

Ein Kind kostet im Schnitt 130 000 Euro, bis es volljährig ist. In der Rechnung des Statistischen Bundesamtes stehen die laufenden Konsumausgaben (600 Euro monatlich für Dinge wie Miete/Wohnraum, Kleidung, Essen und Handy) im Mittelpunkt. Schwer vergleichbare Faktoren wie die sehr unterschiedlichen Betreuungskosten, Verdienstausfall durch Teilzeitarbeit und auch ein Ausgleich durch staatliche Unterstützung ist nicht berücksichtigt.

Der Staat gibt jedes Jahr im Schnitt 200 Milliarden Euro für Familienförderung aus, wobei etwa ein Viertel Familien mit Kindern direkt zukommt. Etwa 75 Milliarden Euro sind ehebezogene Leistungen wie Witwenrente (knapp 40 Milliarden Euro) und Ehegattensplitting (knapp 20 Milliarden Euro). Es gibt viele direkte Förderzahlungen, und bei gut 150 verschiedenen Leistungen auch unzählige spezielle Einzelleistungen, die teilweise kaum einer kennt.

Die Serie Familien in Franken - ihre Interessen, Vorlieben und Probleme stehen 2016 redaktionell im Vordergrund. Am Beispiel dreier Familien berichten wir Aktuelles und über alles, womit sie im Alltag konfrontiert werden: Familie Raab (Burgebrach), Türcke (Dörfles-Esbach bei Coburg) und Jürgens (Stadt Bamberg) stehen bei verschiedenen Themen Rede und Antwort.