Die Anträge in diesem seit 11. Juli dauernden Prozess konnten nicht weiter auseinanderliegen: Die Tat des Alexander L., der am 26. Juni 2015 im Treppenhaus des Schuhgeschäftes seiner Eltern in der Langen Straße einen gleichaltrigen Mann niedergestochen und tödlich verletzt hat, wurde in den Plädoyers erwartungsgemäß völlig unterschiedlich bewertet.

Oberstaatsanwalt Otto Heyder fügte in seinem fast dreieinhalb Stunden dauernden Plädoyer Indiz an Indiz und Zeugenaussage an Zeugenaussage, um zu dem Schluss zu kommen, Alexander L. habe einen Mord aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen begangen. Eine lebenslange Freiheitsstrafe sei die einzig mögliche Konsequenz.

Verteidiger Klaus Bernsmann plädierte auf "Freispruch im Hinblick auf ein vorsätzliches Tötungsdelikt". Sollte das Gericht von unterlassener Hilfeleistung ausgehen, wie kürzlich von der Kammer angekündigt, dürfe die "schuldadäquate Strafe allenfalls im Winzigkeitsbereich" liegen.

Aus der "Vorlesung", die Strafrechtsprofessor Bernsmann den übrigen Prozessbeteiligten hielt, ließ sich als wesentliche Aussage der Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" herausschälen. Nur wenn die Richter die absolute Gewissheit hätten, dass Alexander L. einen tödlichen Messerstich habe ausführen wollen, könne er wegen eines vorsätzlichen Tötungsdelikts verurteilt werden. Trotz aller Beteuerungen, das Opfer Michael G. nicht in ein schlechtes Licht rücken zu wollen, sprach er von ihm als stadtbekanntem Schläger, um den in der Hauptverhandlung die "Legende der Gewaltlosigkeit" gestrickt worden sei. Anders als vielfach behauptet habe sich das Opfer in den letzten Jahren nicht geändert, sei nicht friedfertiger geworden. Auf die bis ins letzte Detail gehende Beweiswürdigung von Oberstaatsanwalt Otto Heyder ging Bernsmann erst gar nicht ein. Dafür warf er der Staatsanwaltschaft "reine Demagogie" vor. Sie ignoriere den Auftrag, entlastende Fakten zu ermitteln.
Heyder wiederum hatte sein Plädoyer mit der Bemerkung begonnen, er habe noch nie eine solch "unseriöse Verteidigungsstrategie" erlebt. Bernsmann und seine Kollegin Rausch hätten "ein reichhaltiges Sammelsurium aus ihrer Trickkiste" geliefert, wozu Schreiattacken, Bezichtigungen der Falschaussage und die Verstrickung von Zeugen in Nebensächlichkeiten gehörten. Schließlich sei der Strafkammer die Missdeutung höchstrichterlicher Rechtsprechung unterstellt worden. Dabei habe immer nur einer die Unwahrheit gesagt: der Angeklagte selbst.


Verteidiger im Dilemma

Heyder zitierte aus einem Aufsatz von Bernsmann aus dem Jahre 1992, in dem dieser über Notwehr und den Einsatz von Waffen eine ganze andere Auffassung vertrat als heute. Damals habe er geschrieben, dass viel zu häufig von Notwehr ausgegangen werde, obwohl die Voraussetzungen nicht vorlägen. Mit der Übernahme des Mandants von Alexander L. und der Art seiner Verteidigung sei Bernsmann in ein Dilemma geraten.

Heyder führte für den Angriff auf Michael G. am 26. Juni und die beiden weiteren Fälle, in denen Alexander L. Menschen bedroht und verletzt haben soll, akribisch sämtliche Beweise auf, die im Gerichtssaal zur Sprache gekommen waren und die ihn zu dem Schluss brachten, L. habe sich des Mordes, der Nötigung und der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht. Anders als es die Verteidigung in ihrem Verwirrspiel dargestellt habe, wisse man durch die Aussage des Angeklagten gegenüber dem psychiatrischen Gutachter, dass er in jener Nacht im ersten Stock durch die Milchglasscheibe geschaut habe, als er Geräusche im Treppenhaus hörte. Dann habe er den "umständlichen Weg" über die hintere Treppe und durch den Schuhladen gewählt, um sich an das Opfer anzuschleichen und Michael G. zu überraschen. Dafür spreche auch, dass zwei im selben Haus lebende Zeugen, die Michael G. auf sein Klingeln ins Haus gelassen hatten, keinen Streit oder eine handgreifliche Auseinandersetzung mitbekommen haben. Nach kurzem Lärm sei es binnen Sekunden wieder still gewesen. Als der Mieter unmittelbar danach im Treppenhaus nachgesehen habe, habe er Michael G. in seinem Blut liegend gefunden. L.s Angriff sei für das Opfer völlig überraschend und heimtückisch gewesen.

FBei der Bewertung der Motive sprach der Oberstaatsanwalt von niedrigen Beweggründen: Am Tag vorher habe die Mutter geschimpft, weil L. den Mieter Michael G. - denselben Mann, den er am 26. Juni tötete - drei Tage zuvor mit einem Baseballschläger bedroht und ihm ein Messer an den Hals gehalten habe. L. sei zu dieser Zeit auch mit seiner Freundin zerstritten gewesen und um seine Arbeit gefürchtet, weil die Eltern das Schuhgeschäft, in dem auch er beschäftigt war, aufgeben wollten. L. habe aus persönlichem Frust gemordet. Rechtsanwalt Dieter Widmann, Vertreter der Witwe des Opfers, die als Nebenklägerin am Verfahren beteiligt ist, hielt sich kurz und beantragte zehn Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags.
Das Urteil wird am 5. Oktober um 14 Uhr gesprochen.