Vater, Mutter und fünf Kinder leben in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Meistens stehen in jedem Raum Wäscheständer. Platz zum Spielen gibt es da kaum, auch keinen Rückzugsort für die einzelnen Familienmitglieder oder eine Ecke, in der die Kinder in Ruhe Hausaufgaben machen könnten.

Eine alleinerziehende Mutter lebt nach der Trennung von ihrem Partner in einer Wohnung, die nach den Kriterien des Jobcenters für sie und den Sohn zu groß und zu teuer ist. Weil die Frau schwer krebskrank ist, fehlt ihr die Kraft zur Auseinandersetzung. Sie zahlt lieber die Differenz vom Arbeitslosengeld und spart sich die Miete buchstäblich vom Mund ab.

Eine Rentnerin soll sich nach dem Willen des "Amtes für soziale Angelegenheiten" eine preiswertere Wohnung suchen. Abgesehen davon, dass sie nichts findet, würde ein Umzug für sie den Verlust gewachsener nachbarschaftlicher Kontakte und Hilfen bedeuten.
Sie nimmt in Kauf, dass 170 Euro von dem Geld, das sie für den Lebensunterhalt erhält, in die Miete fließt.

Drei Beispiele, ein- und dasselbe Problem: der Mangel an bezahlbarem Wohnraum im Stadtgebiet. Die Beispiele stammen aus der täglichen Praxis der Wohlfahrts- und Familienverbände, die sich im Familienbeirat der Stadt engagieren - und die in ihrer Arbeit seit Jahren immer wieder auf dieses für sie unlösbare Problem stoßen.


Kommunalpolitik gefordert

Lösen müsste es die Kommunalpolitik, doch die scheint das Thema auf die lange Bank zu schieben. Was nütze die Aussicht auf Wohnraum irgendwann in Bamberg-Ost nach 2014, wenn die US-Armee abgezogen ist, fragt Beirats-Vorsitzender Franz Merdian.

Man brauche jetzt Perspektiven für Familien, Alleinerziehende und Ältere. Merdian, promovierter Diplom-Psychologie und ehemaliger Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Bamberger Universität, ist sich mit der Familienbeauftragten Gisela Filkorn einig: "Wir können doch nicht einfach zusehen, wie nichts passiert!"

Damit endlich etwas "passiert" und weil Briefe an Oberbürgermeister und Stadtrat in den zurückliegenden Jahren nichts bewirkt haben, gehen der Familienbeirat und die Familienbeauftragte jetzt an die Öffentlichkeit.
Sie fordern in einem Pressegespräch, an dem auch Vertreter von Caritas, Sozialdienst katholischer Frauen, Diakonischem Werk, Arbeiterwohlfahrt und dem Migranten- und Integrations-Beirat (MiB) teilnahmen, ein Umdenken und Umlenken im Rathaus.

Bamberg müsse auch im eigenen Interesse tätig werden. Wenn sich Normalverdiener das Wohnen in der Welterbestadt nicht mehr leisten können, sieht Filkorn "ganz verheerende" Folgen für die Kommune: Die Stadt verliere Steuereinnahmen und ihre Zukunft. Auch vor dem sozialen Sprengstoff, den ein zugespitzter Wohnungsmarkt birgt, warnt die Familienbeauftragte.

Die "gesunde Mischung" verschiebt sich bereits in einem Maß, das dem Beirat Sorge bereitet. Klaus Will, Sozialpädagoge bei der Caritas, beklagt aus seinem Beratungs-Alltag, dass man in Bamberg "alles" für Studierende tue, während die "normalen" und erst recht die bedürftigen Bürger auf sich gestellt blieben.


Von Hartz IV-Empfängern "unfreiwillig gesponsort"?

",Unfreiwillig gesponsert von den Bamberger Hartz IV-Empfängern!' So ein Schild müsste man seit Jahren an alle Großprojekte hängen", kritisiert der Caritas-Mann. Er spielt damit auf die so genannten Kosten der Unterkunft (KdU) an, bei denen die Kommune seit langem auf Kosten der Ärmsten spart.

Die Sätze für Bezieher staatlicher Leistungen liegen in Bamberg trotz einer kleinen Anhebung zu Jahresbeginn weiter unter dem gesetzlich vorgegeben Rahmen. Er soll sich am Mietspiegel orientieren, den Bamberg aber - noch - nicht hat.

Vorerst zahlt die Kommune einen willkürlich festgesetzten Satz. Er sieht für eine Einzelperson aktuell 312 Euro Kaltmiete vor; nach einem Urteil des Bundessozialgerichts müssten es laut Will 366 Euro sein.


Mehr Miteinander gefragt

Die Konkurrenz durch die vielen Studierenden mit oft zahlungskräftigen Eltern schmälert von Jahr zu Jahr die Chancen einkommensschwächerer Bevölkerungskreise auf eine bezahlbare Wohnung. Der Familienbeirat hat lange zugeschaut, ehe er sich jetzt zu Wort meldet. Daniela Watzinger vom MiB kritisiert: "Es ist kurzsichtig, alles auf Studenten abzustellen." Eine Stadt brauche das Miteinander aller sozialen Schichten.


Abwanderungstendenzen zu erkennen

Unsere Gesprächspartner beobachten besorgt die Abwanderungstendenzen aus der Welterbestadt. Schicke Neubauten, wie sie derzeit unter anderem auf der Erba-Insel entstehen, würden die Wohnungsnot der Normalverdiener und Ärmeren nicht lindern, behauptet der Caritas-Sozialpädagoge. Seine Begründung: "Da zieht kein Bamberger 'rein, der woanders Platz für andere machen könnte!"

Die Kommune hat nach Überzeugung der Familienbeirats-Mitglieder durchaus Möglichkeiten, korrigierend auf den Wohnungsmarkt und die Mietentwicklung Einfluss zu nehmen. Sie tue es nur leider nicht. Man vermisst den politischen Willen im Rathaus und fordert ihn endlich ein.

Andere Städte würden zeigen, was alles geht, sagt die Familienbeauftragte. Filkorn hat eine Liste von Beispielen zusammen getragen, was in anderen Rathäusern unternommen wird; etliche Punkte davon hält sie für übertragbar auf Bamberg.

In München etwa gibt es so genannte Erhaltungssatzungen für bestimmte Viertel, die verhindern sollen, dass bei Sanierungsvorhaben Wohnungen unerschwinglich und angestammte Mieter in der Folge verdrängt werden. In Hamburg müssen Investoren in Neubaugebieten zu wenigstens 30 Prozent Sozialwohnungen schaffen, in Regensburg zu 20 Prozent.

Auch von Nürnberg könnte man sich laut Gisela Filkorn manches abschauen. Sie nennt den dort von der Stadt praktizierten engen Dialog mit allen Wohnungsbaugesellschaften und die Regelung, dass 30 Prozent der nicht gebundenen Wohnungen an Leute mit Wohnberechtigungsschein vermietet werden. Im Gegensatz zu Bamberg schöpft man in Nürnberg auch die staatliche Wohnungsbauförderung aus, wie die Familienbeauftragte betont.

Sie wünschte sich sehr, dass Verwaltung und Politik die Stadtbau GmbH in die Pflicht nehmen und sie beauftragen, einen Teil ihres Geldes (wieder) in den sozialen Wohnungsbau zu stecken. "Wer, wenn nicht diese 100-prozentige Tochter der Stadt soll es tun? Es wäre ein Signal!"

Ganz konkret appellieren Familienbeirat und -beauftragte an die Stadt, bei allen Neubaugebieten verstärkt an Familien zu denken. So fordern sie für das Glaskontor-Gelände in der Wunderburg in einer gemeinsamen Stellungnahme zum Bebauungsplanverfahren, "das Gebiet nicht ausschließlich nach kurzfristigen wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu entwickeln, sondern nachhaltig beste Bedingungen zu schaffen für das Zusammenleben aller Generationen und Kulturen mit einer gesunden sozialen Mischung".

Ihren Appell möchten Filkorn und Merdian nicht als Kampfansage, sondern als Wortmeldung von "konstruktiven Störern" verstanden wissen. Sie wollen sich nicht länger damit abfinden, dass in puncto Wohnungspolitik wenig bis nichts passiert. Und man will sich nicht länger durch "Totschlagargumente" (Merdian) wie den Hinweis auf ein leeres Stadtsäckel oder die Konversion ab 2014 hinhalten lassen. Denn, so Merdian: "Der Notstand ist da!"

Der Familienbeirat