Normalerweise gehören Bieranstiche zu den Lieblingsterminen von Politikern. Dort zeigen sie sich dann volksnah und hemdsärmlig ihren potenziellen Wählern. Das gilt natürlich auch für Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Bei der Eröffnung der Kirchweih in Neustadt/Aisch war er bislang stets Dauergast. Die Frage wird sein, ob das auch heuer am 28. Mai der Fall sein wird. Denn an diesem Datum könnte ihn die Wut der Milchbauern einholen.

Vor dem Wahlkreisbüro des CSU-Politikers in der mittelfränkischen Kreisstadt haben sich seit Dienstag Landwirte postiert und demonstrieren dort gegen den Minister und dessen Nichteingreifen wegen der fallenden Milchpreise.

Tagsüber ziehen die Landwirte mit einer Kuh durch Neustadt/Aisch, um den Bürgern klar zu machen: "Schaut her, Euer Abgeordneter kommt seiner Pflicht nicht nach, Schaden von den Bauern abzuwenden", meint Hans Foldenauer, Sprecher des
Bundesverbandes deutscher Milchviehhalter (BDM). Der Vorwurf: Schmidt widersetze sich standhaft der Landwirte-Forderung nach Ausgleichsmitteln, mit denen Landwirte dazu veranlasst werden könnten, die Milchanlieferung zu reduzieren. Stattdessen setze Schmidt auf Bankbürgschaften.

Milchbauer Hans-Hermann Nöhring aus Gunzendorf (Landkreis Neustadt/Aisch) schimpft: "Schmidt ist absolut überfordert mit seinem Amt und hat wenig Ahnung. Er geht uns aus dem Weg und meidet das Gespräch mit uns." Aber die Protestler wollen nicht aufgeben. "Bei der Eröffnung der Neustädter Kirchweih werden wir auch dabei sein und den Minister dann eben ansprechen", kündigt Nöhring an. Die Frage ist, ob sich Schmidt überhaupt blicken lässt. Eine Anfrage dieser Zeitung an sein Ministerium über sein mögliches Kommen blieb bis gestern Abend unbeantwortet. Doch Nöhring will nicht aufgeben. Er steht zusammen mit zwei Bäuerinnen aus Schleswig-Holstein in der Ansbacher Straße und informiert eifrig die Bevölkerung über die Sorgen seines Berufsstandes. "In meinem Betrieb halte ich 75 Kühe, war seit vergangenem Jahr eigentlich schuldenfrei. Doch durch die niedrigen Milchpreise muss ich nun Monat für Monat zwischen 3000 und 4000 Euro aus meinen Rücklagen drauf zahlen. Viele meiner Kollegen haben schon aufhören müssen", beklagt er. Etwa 550 Milchbauern gibt es noch im Landkreis Neustadt/Aisch - Tendenz fallend. Bäuerin Silke Danker aus Neumünster pflichtet Nöhring bei: "Die Kleinen werden durch diese Preispolitik kaputt gemacht. Die bäuerliche Landwirtschaft wird so in ihrer gesamten Existenz gefährdet."

Der Milchpreis ist in manchen deutschen Regionen inzwischen auf 18 bis 19 Cent je Liter gesunken. Im März hatten in Deutschland große Molkereien noch um die 24 Cent je Liter gezahlt. Wegen eines Überangebots sind aktuell die Milchpreise in ganz Europa im Keller. Um kostendeckend wirtschaften zu können, bräuchten die rund 75 000 Milchbauern in Deutschland einen Erzeugerpreis von etwa 40 Cent pro Liter.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ die Unionsparlamentarier derweil wissen, dass sie eine Unterstützung der Landwirte befürworte. Im Gespräch sind nun Hilfen bis zu 100 Millionen Euro. Agrarminister Schmidt soll beim sogenannten Milchgipfel Ende des Monats ein Maßnahmenpaket schnüren. Der CSU-Politiker mahnt: "Wir dürfen die ländlichen Räume nicht vernachlässigen." Aber eine Visite der Landwirte in Neustadt/Aisch bleibt wohl zunächst einmal aus. mit dpa