"Im Fernsehen sieht das anders aus." Mit ihrer Feststellung ist Jasmin Dornheim an diesem Donnerstag nicht allein. Obwohl Anstaltslehrer Jörg Hinney in seinem Vortrag über die Ebracher Justizvollzugsanstalt (JVA) immer wieder genau darauf hinweist. Ob es denn nicht Zoff unter den Gefangenen gibt, möchte Jasmins Schulkollegin Isabell Uri, eine weitere Zehntklässlerin der Mittelschule Burgebrach, wissen. Ralf Hafner, der Stellvertretende JVA-Leiter bestätigt das. Und er gibt Entwarnung: "Hier gibt es zwar Konflikte, aber nicht Mord und Totschlag." Hafner nimmt sich Zeit für die beiden Schülerinnen und weitere Fragesteller. Genau das ist Intention der heute endenden Woche der Justiz.

Busweise fahren Jugendliche bei der JVA vor. Diesmal keine neuen Gefangenen. Donnerstag wäre dafür ungewöhnlich.
Denn Freitag ist Schubtag, also der Tag, an dem Gefangene mit Bussen"verschubt", das heißt nach Ebrach gebracht oder von dort geholt werden. Eines von vielen Details aus dem Gefängnisleben, das heute publik wird.

Eine der ersten Stationen für die Gefangenen ist die Kammer, wo sie Anstaltskleidung erhalten. In Bayern ist das so. Ein weiterer Unterschied zu dem, was man vom Fernsehen kennt. Auch das lernen die wissbegierigen Besucher aus den Schulen - Mittelschüler, Realschüler, Gymnasiasten - aus Schulen der Umgebung.

Laut Statistik werden sie wohl kaum als Insassen hier landen. Denn von denen verfügen die allerwenigsten über eine fundierte Schulbildung, geschweige denn einen Abschluss oder gar eine abgeschlossene Berufsausbildung, lehrt der Vortrag. Bei den jungen Gästen blickt man in so manches nachdenkliche Gesicht, an diesem Donnerstag.

Wohl auch zur Zufriedenheit der Lehrer, wie Ingo Hofmann von der Ebracher Realschule. Strafrecht steht im Lehrplan der Neuntklässler. Die Theorie aus den Klassenzimmern wird hier um Praxis-Wissen ergänzt. Eine zumindest mahnende Dimension geht von Pädagogen Hinney und seiner Kollegin Sara Hagspiel aus. Durchaus nicht verkehrt meint der Realschullehrer, der die Schüler unter anderem mit den Referendarinnen Christine Fiehweg und Katharina Zinsbacher hierher begleitet.

Allerdings findet Kollegin Zinsbacher nach dem Vortrag: "Ich habe den Eindruck, es ist gar nicht so schlimm im Gefängnis."

Abschreckung nicht das Ziel

Es gehe ja nicht um eine abschreckende Wirkung, erklärt Ralf Hafner später den beiden Schülerinnen Isabell und Jasmin, sondern um Information. Davon ist auch Stephan Witt durchaus angetan. Er hat die Schülerinnen und Schüler aus Burgebrach mit dem Bus hierher gebracht und nimmt die Gelegenheit wahr, gemeinsam mit ihnen Einblick zu gewinnen.

So wie Lehrer Hofmann. Wie es hinter den Ebracher Klostermauern aussieht, das wusste er bislang genauso wenig wie seine Schüler. Dabei passieren sie das ortsprägende Ensemble doch an so manchem Schultag. Nach diesem Tag sehe er das Gelände des einstigen Klosters jedenfalls mit ganz anderen Augen, lässt Hofmann wissen.

Das gilt wohl auch für Jasmin, die aus dem Ebracher Gemeindeteil Großgressingen stammt und für die der Knast ein ganz selbstverständlicher Bestandteil des Ortes ist. Gebäudetechnisch. Isabell Uri aus Burgwindheim bestätigt das. Jetzt haben sie erstmals so richtig Kontakt. Vortrag, Ausstellung und Museumsbesuch mit Exponaten aus der Geschichte des Gefängnisses vertiefen die Eindrücke. In Infobroschüren können die Gäste das eine oder andere nachlesen. Die Unterhaltung mit Hafner jedenfalls hat einen direkten Zugang zur Gefängniswelt hergestellt.

Wie die anderen gut 270 Schüler wissen die beiden Mädchen nun, dass derzeit gut 300 junge männliche Gefangene aus ganz Bayern ab einem Alter von 17 Jahren und bis maximal 24 im Schnitt acht Monate in Ebrach inhaftiert sind. Solche mit langen Strafen erhalten möglichst Einzelzellen.Alle hier sind gesetzlich zur Arbeit bzw,. Schule oder Ausbildung verpflichtet. Das erstaunt die Burgebracher Zehntklässlerinnen, und: Sie finden das durchaus in Ordnung.

Ob denn auch "richtige Mörder" in Ebrach untergebracht sind, fragen die Zwei Hafner. Das komme schon vor. Ob die dann auch da rumlaufen, wo die Mädchen gerade sitzen, also im Ehrenhof. Das komme auf den Einzelfall an, sagt Hafner. Ob er da keine Angst habe, vertiefen sie Schülerinnen die Materie. Es gebe wohl den einen oder anderen psyhsisch Auffälligen. Da könne jemand im Gespräch bei einer Kleinigkeit schon ausrastet. Aber in seinen nunmehr zehn Jahren im Jugendvollzug sei das selten vorgekommen.

Wissensdurst gestillt

"Am interessantesten ist es bei uns!" Gebannt lauschen die Schüler Heinrich Lechners Ausführungen. Der Hauptgeschäftsstellenleiter ist mit Feuereifer bei der Sache, als er über Berufsbilder in der Anstalt informiert. Herbert Kusche (Leiter des allgemeinen Vollzugsdienstes), Harald Hochweber (ein weiterer Stellvertreter von Anstaltsleiter Gerhard Weigand, der heute bei einer Tagung sein muss) und all die anderen JVA-Mitarbeiter stillen den Wissensdurst der Besucher mit Hingabe und Ausdauer. Kein Wunder. Die JVA Ebrach hat ein Vierteljahr Vorarbeit in diesen Tag investiert. Umso besser, dass sich die jungen Besucher dann wirklich für diese Sparte der Justiz interessieren. Auch wenn hier etliches doch anders als im Fernsehen ist. Ach ja, Fernsehen: Seit einigen Jahren gibt es in den Zellen Fernsehgeräte.