Frau S. ist am Ende fast verzweifelt. "Aber ich ich doch nur helfen, Leben schenken. Warum darf ich das nicht?" Frau S. möchte dem schwer kranken Marc im Klinikum Erlangen eine Niere schenken. Der 15 Jahre alte Bub ist auf ein Kunstherz und Blutwäsche angewiesen, um zu überleben; einer von 12 000 Patienten, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten. Frau S. gehört zu der Minderheit, die zur Spende bereit ist - Marc aber nicht so helfen kann wie sie möchte.

Die Rentnerin aus dem nördlichen Unterfranken hatte sich hilfesuchend an eine Geschäftsstelle unserer Mediengruppe gewandt. Sie hatte die Berichte über den Marc gelesen und spontan entschieden. "Ich will diesem Jungen helfen. Eine Niere kann er haben." Marc wird in Erlangen nicht nur wegen eines angeborenen Herzfehlers behandelt und mit einer Maschine am Leben erhalten; seine Nieren arbeiten nicht; er muss zur Dialyse.


Dem Tod einen Sinn geben

Frau S., die anonym bleiben will, fühlt sich vom Schicksal Marcs "sehr berührt", wie sie sagt. "Ich habe drei Söhne durch Unfälle verloren." Die Tochter, das vierte Kind, ist Krankenschwester, die betagte Witwe versucht ihr eigene tragische Lebensgeschichte dadurch zu verarbeiten, "dass ich helfe, wo ich eben noch kann." Über Jahrzehnte ging Frau S. regelmäßig zum Blutspenden, seit 40 Jahren hat sie einen Organspenderausweis. "Es war so sinnlos, wie meine Kinder sterben mussten. Ich will, dass wenigstens mein Tod einen Sinn hat", erzählt sie.

Bei der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) wartet man nur auf Menschen wie Frau S. - derzeit mehr denn je, denn nach dem Jahresbericht der Organisation hat die Zahl der Transplantationen 2013 mit 876 ein "historisches Tief" erreicht. "Es waren schon weit über 1000", sagt ein DSO-Sprecher. Gesundheitspolitiker und die Transplantationszentren (in Franken sind das Erlangen und Würzburg) schlagen Alarm. "Die dramatische Entwicklung hat sich weiter verschärft", sagt der Vorsitzende der DSO-Stiftung, Rainer Hess. Die Gründe sieht er unter anderem, aber nicht nur in den 2012 bekannt gewordenen Manipulationen an deutschen Kliniken. Das habe potenzielle Spender "verunsichert".


Vater und Sohn

Nicht aber Frau S. Sie würde gerne spenden. Das deutsche Transplantationsrecht setzt ihrer Hilfsbereitschaft aber Grenzen, ganz abgesehen von medizinischen Fragen. Lebendspenden sind in Deutschland nur zwischen n Verwandten erlaubt.

Herbert Roth aus dem unterfränkischen Obertheres hat seinem Sohn 2001 eine Niere gespendet und damit zum zweiten Mal das Leben geschenkt. "Das war für mich keine Frage, so wie es selbstverständlich sein sollte, sich nach dem Tod als Organspender zur Verfügung zu stellen", sagt der 65-Jährige.

Erst ihr Tod ist also die Stunde der guten Tat für Frau S. Dass Marc derjenige sein wird, dem sie ein neues Leben schenkt, ist unwahrscheinlich. Der Spender hat bei der Wahl des Empfängers kein Mitspracherecht. Damit will der Gesetzgeber Geschäftemacherei mit Organspenden verhindern. Menschen wie Frau S. sind damit nicht gemeint. Sie wollen ja wirklich nur helfen.


Umfrage: Weniger Organspender in Bayern

Knapp 60 Prozent der Menschen in Bayern sind laut einer Umfrage grundsätzlich zu einer Organspende bereit - doch nur 118 Spenden wurden im vergangenen Jahr verzeichnet. Damit war die Spendenzahl im Freistaat so niedrig wie nie zuvor seit Einführung des Transplantationsgesetzes im Jahr 1997, sagte die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Donnerstag.

Dem Ministerium zufolge sterben in Deutschland täglich drei Menschen, weil sie vergeblich auf ein Spenderorgan warten. In Bayern stehen aktuell etwa 2500 Menschen auf der Warteliste, darunter Marc.
Bei einer Umfrage im Auftrag des Ministeriums gaben 58 Prozent der Befragten an, sie seien zu einer Organentnahme nach dem Tode bereit. Ein Viertel lehnt das ab, 16 Prozent sind unentschlossen. 35 Prozent der Bayern haben einen Spende-Ausweis; der Bundesdurchschnitt liegt bei 28 Prozent.

Bei der tatsächlichen Zahl der Spenden liegt Deutschland mit 15 pro eine Million Einwohner im europäischen Mittelfeld. Spitzenreiter sind Spanien, Belgien und Malta mit mehr als 30 Spenden, Schlusslicht Bulgarien mit lediglich 0,5 Spenden.

Als Grund für die aktuell sinkende Bereitschaft zur Organspende gilt der Skandal um Manipulationen bei der Organvergabe an mehreren Kliniken, darunter auch der Göttinger Universitätsmedizin. Unter anderem muss sich der ehemalige Chef der Transplantationschirurgie der Uniklinik Göttingen seit vergangenem Sommer vor Gericht verantworten. dpa



Organhandel:

300.000 Dollar für eine NiereDer Handel mit menschlichen Organen ist international geächtet und wird teilweise mit hohen Gefängnisstrafen geahndet. Dennoch scheint mittlerweile klar, dass es sich beim illegalen Organhandel um ein globales Problem handelt, gegen dass es kaum handhabe gibt.

Die UN-Expertin Silke Albert sagte bei der UN-Jahreskonferenz zur Kriminalitätsbekämpfung in Wien, dass vor allem Bewohner von Armutsvierteln die Leidtragenden des Handels sind. "Es ist ein eklatantes und globales Problem", ungeachtet der auf den ersten Blick kleinen "offiziellen" Zahlen: Zwischen 2007 und 2011 wurden dem UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung laut Albert 50 Fälle von verbotenem Menschenhandel zum Zweck der Organentnahme aus 16 Ländern gemeldet. "Das erscheint wenig, wir sind allerdings sicher, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist. Die meisten Fälle werden von nationalen Behörden nicht entdeckt", vermutet die UN-Expertin.

"Generell stammen die Empfänger aber eher aus den reicheren, die Spender aus ärmeren Staaten", sagt Albert. Gehandelt werden die Organe über Mittelsmänner, die gezielt in Armutsviertel gehen, um Spender zu finden. Die Betroffenen werden meist ins Ausland gebracht; Organhandel ist also auch ein illegaler Menschenhandel. In aller Regel werden Nieren gehandelt.

Laut Albert kostet eine "schwarze" Niere bis zu 300.000 US-Dollar. Die Spender erhalten davon allenfalls einen verschwindend geringen Betrag, oft aber keinen einzigen Cent. dpa