Im Klassenzimmer sind die Tische zusammengeschoben, darauf liegt getrocknete Minze. Junge Leute packen die Blätter in große Gläser: Der Tee für die nächsten Tage ist fertig.

Die Beschäftigung mit den Kräutern gehört zum Unterricht in der "Gartenepoche" an der Johannes-Schule in Scheßlitz. Alle vier Wochen gibt es eine andere "Epoche", also ein anderes Motto, an das sich jedes Unterrichtsfach anpasst.

Nachdem der Tee verpackt ist, werden die Tische gereinigt, Sets aufgelegt, Teller, Tassen und Besteck geholt, das Essen aus der Küche gebracht: Brot, Butter, Eier, liebevoll angerichtete Obst-Teller, vegetarische Aufstriche, Kaffee und mit Kräutern aromatisiertes Wasser. Nach dem Gebet greifen alle tüchtig zu. Die Tischmanieren sind tadellos, und man spürt: Das Essen wird hier als wichtiger Teil des Lebens in der Gemeinschaft angesehen.


Seelenpflegebedürftige

Die Johannes-Schule in Scheßlitz für geistig behinderte Kinder und Jugendliche ab dem 3. Lebensjahr - oder, im Sprachgebrauch der Schule, für "Seelenpflegebedürftige - ist in ganz Oberfranken ohne Konkurrenz. Sie ist die einzige alternative Förderschule für Kinder mit kognitiven Einschränkungen, die nach dem Waldorf-Prinzip arbeitet und deshalb die ganzheitliche Förderung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt.

Außer Bildung bietet sie Geborgenheit, das Erlernen sozialen Verhaltens und die nötige Unterstützung und Begleitung in das Erwachsenenleben, möglicherweise sogar in eine berufliche Zukunft. Jeder Einzelne soll den für seine Bedürfnisse besten Platz finden. Das kann eine Stelle in einem Unternehmen sein, wie das Projekt "Integra" sie vermittelt, die Lebenshilfe-Werkstatt oder aber besondere geschützte Einrichtungen. Brandon-Austin, Gwion, Johannes und Michael, die 17 bis 21 Jahre alten Schüler der 9. bis 12. Klasse, die wir während der "Gartenepoche" besucht haben, zeigen jeder auf seine Weise, wie gut das gelingt. Entspannt sind sie, zufrieden bei ihrer Arbeit und so nett und freundlich, dass man sie einfach gern haben muss.

Sie lernen in der Johannes-Schule, "mit sich und der Welt umzugehen", sagt Geschäftsführer Michael Tillner. Jeder Mitarbeiter kennt hier jedes Kind. Therapeuten, Pädagogen, Pflegekräfte und Psychologen treffen sich regelmäßig zu interdisziplinären Fallbesprechungen. Aber auch die betrieblichen Entscheidungen werden im Gremium getroffen, denn die Schule verwaltet sich selbst.


Bis zu einer Stunde Fahrtzeit

Bis zu 40 Kinder und Jugendliche kann die Johannes-Schule aufnehmen. Sie kommen aus einem Umkreis von einer Fahrstunde rund um Scheßlitz, zum Beispiel aus Coburg, Kulmbach, Bayreuth und Haßfurt. Ein Fahrdienst holt täglich alle Schüler ab und bringt sie wieder nach Hause. Den Unterricht finanziert das Kultusministerium, die Tagesstätte wird vom Bezirk von Oberfranken unterhalten. Alle Förderangebote im Kontext der Reformpädagogik müssen, da kein Schulgeld verlangt wird, mit Spenden finanziert werden - und mit dem Verzicht auf einen Teil des Gehalts, den das Personal leistet.

Für den Klasslehrer mit Waldorfqualifikation und Heilpädagogen Uwe Kopp, der die sechs Schüler der letzten Jahrgangsstufe unterrichtet, ist das kein Grund zum Wehklagen. Im Gegenteil: Er sprüht nur so vor Begeisterung. Für ihn ist die Arbeit an der Johannes-Schule die schönste Aufgabe, die er in seinem Beruf je hatte. "Ich komme jeden Tag gerne zur Arbeit", sagt er, und das glaubt man ihm. Seine Schüler lieben ihn und er hat immer wieder neue Ideen, wie er den Unterricht so fesselnd wie möglich gestalten kann. Das gelingt ihm nicht nur vor der Tafel im Klassenzimmer, sondern auch und besonders im Werkunterricht. Im letzten Herbst haben sie dort zauberhafte Weihnachts-Engelchen aus Holz hergestellt. Uwe Kopp ist nur über eines traurig: "Unsere Schule kennt niemand." Im Moment gibt es an der Johannes-Schule sogar noch freie Kapazitäten.