"Das Problem können also nur die Geisfelder selbst lösen. Doch Gegner und Befürworter sprechen nicht mehr miteinander, der Zusammenhalt im Dorf ist dahin, die Fronten sind verhärtet." Zu diesem Ergebnis kam die Redaktion der Frankenschau im Bayerischen Rundfunk bei einer leider nicht erschöpfenden Reportage über die prekäre Verkehrssituation des Strullendorfer Gemeindeteils.

Die Feststellung stimmt und auch wiederum nicht: Die Geisfelder sind zerstritten, aber lösen können sie das Problem selbst nicht. Sie wollen für die Ortsumgehung "kämpfen, solange es geht", kündigte der frühere Gemeinderat Manfred Kestler an. Knapp 900 Geisfelder gegen den Rest der Gemeinde?


Brachliegende Trassen

Es fehlt nicht an Versuchen, zu einer friedlichen Lösung zu kommen. Allerdings ist auch eine gewisse Verstocktheit nicht zu leugnen.
Seit 30 Jahren könnten die zwei erforderlichen Umgehungsstraßen im Westen und Süden Geisfelds gebaut werden: Die Trassen wurden bei der Flurbereinigung ausgewiesen und liegen seitdem brach. Wären also vor drei Jahrzehnten Geld und guter Wille vorhanden gewesen, würde heute kein Mensch mehr nach der Natur weinen, die einige jetzt unbedingt schützen wollen. Und jene Geisfelder im Lärm- und Dunstkreis um die Litzendorfer- sowie die Magdalenenstraße könnten das Fachwerkidyll ihrer liebenswerten Heimat längst genießen.

So aber rollen, rumpeln und stinken täglich etwa ab 5 Uhr in der Früh Lastwagen, Pendlerbusse, Autos und Motorräder durch die kurvigen Ortsstraßen. Die sind in der guten alten Zeit für Kutschen, Pferde- und Ochsengespanne dimensioniert worden - nicht für 40-Tonner, auch nicht für röhrende Motorradkohorten mit Ziel Fränkische Schweiz. Diese Belastung ist für Menschen gesundheitsschädlich; Erschütterungen des Straßenuntergrunds übertragen sich auf die Häuser beiderseits der Straßen. Bis heute fehlende Gehwege an etlichen Stellen der Ortsdurchfahrten stellen ein erhebliches Verkehrsrisiko dar. Diese Zustandsbeschreibung dürfte unstrittig sein - unabhängig von der Frage, ob die Verkehrsfrequenz den Staat zum Handeln zwingt.

Der Gemeinderat ließ sich vom Elend der Geisfelder gleichwohl nicht erweichen: Mit der Stimme des Bürgermeisters voran lehnte er zuletzt im Dezember 2014 mehrheitlich das Angebot des Freistaates ab, die Kosten der im Wege einer Sonderbaulast von der Gemeinde zu errichtenden Umgehungsstraße zu 85 Prozent zu bezuschussen. Warum will sich Strullendorf ein derart hoch gefördertes Projekt entgehen lassen?


Wichtigere Aufgaben

Der in besagtem Fernsehbericht etwas hochnäsig daherkommende Bürgermeister Wolfgang Desel räumt gegenüber unserer Zeitung ein, dass er die Entlastung Geisfelds im Interesse der weiteren Entwicklung des Ortsteils wohl befürworten würde. Aber er sieht bei den Kosten kein Land: Es bleibe nicht beim 900 000-Euro-Anteil der Gemeinde (bei 6,2 Millionen Euro voraussichtlichen Baukosten). Die Anpassung der Ortseinfahrten etc. würde weitere 500 000 Euro verschlingen. 1,4 Millionen Euro könne die Gemeinde für wichtigere Aufgaben gut gebrauchen, etwa für die Sanierung von Wasserver- und Abwasserentsorgung sowie die Friedhofserweiterung, hat Desel offenbar den Fernsehreportern gesagt. Richtig ist: Diese Maßnahmen stehen an, aber deren Kosten müssen auf die Gebühren aufgeschlagen werden. Das wiederum räumte Desel auf unsere Frage hin ein, um aber sogleich auf die unausweichliche Beteiligung der Gemeinde am behindertengerechten Ausbau des Bahnhaltepunkts Strullendorf sowie an der sich nun doch abzeichnenden Südüberquerung des künftig vierspurigen Bahnkörpers hinzuweisen.

Der SPD-Gemeinderat Christian Beickert richtete mithilfe von Flugblättern das Augenmerk darauf, "dass das Recht im Moment eine Verwirklichung der Ortsumgehung nicht zulässt". Hintergrund: Vorläufige Planungen der Umgehungsstraßen laufen darauf hinaus, dass an den Verknüpfungsbereichen eventuell zusätzliches, in privatem Eigentum befindliches Land benötigt werden kann.


Ein Enteignungsverfahren?

Und da spielen angeblich einzelne Ortsbewohner nicht mit, sie wollen es gegebenenfalls auf ein Enteignungsverfahren ankommen lassen. In diesem Fall wäre Strullendorf nicht Herr des Verfahrens, sondern die Enteignungsbehörde, das Landratsamt, warnt Beickert. Und die Kreisbehörde, das ergab eine ausführliche Stellungnahme des Juristen Henning Juntunen, sieht nach gründlicher Vorprüfung große Risiken, eine Enteignung mit dem Argument Gemeinwohl durchzusetzen.

In den Augen des Bürgermeisters Desel ist Beickerts Versuch, die Geisfelder zum Einlenken zu bewegen, "ein bisschen zu einfach". In der Zwischenzeit hat das Staatliche Bauamt Bamberg schriftlich dargelegt, dass die mit ihm abgestimmten Trassenführungen "fast ausschließlich auf den bereits ausgemarkten Flächen liegen und nur in kleinen Teilbereichen Grunderwerb notwendig wird". Das Baurecht könne unter anderem durch einen rechtsbeständigen Satzungsbeschluss zu einem gemeindlichen Bebauungsplan erlangt werden und danach wären Einweisungs- und/oder Enteignungsverfahren möglich.

Ob solche denn überhaupt notwendig werden, zieht Ortsbürger Manfred Kestler in Zweifel. Man müsse doch erst einmal wissen, um wie viele Quadratmeter es gehe, ob man den Eigentümer für einen Tausch gewinnen könne und ob es die, die es angeblich auf ein Enteignungsverfahren ankommen lassen wollen, es dann auch tun würden. Schließlich würden sie sich ja mit einem Großteil der Dorfbevölkerung anlegen.


"Verantwortung abwälzen"

Dieter Heim von "Lebenswertes Geisfeld" - Verein zur Förderung der dörflichen Entwicklung - sieht in Beickerts Vorstoß den Versuch, mit einem "aus dem Zylinder gezogenen, scheinbar juristisch belegbaren Argument die Verantwortung auf das Staatliche Bauamt abzuwälzen". Der stellvertretende Amtsleiter Uwe Zeuschel macht hingegen klar, dass es nur eines positiven Beschlusses des Gemeinderates Strullendorf bedürfe, um die Umgehungsstraßen zu bauen. Dies könne sogar in zwei getrennten Abschnitten erfolgen, teilte die Behörde dem Bürgerverein mit, nur das Baurechtsverfahren müsse in einem Zuge abgewickelt werden. Verwirklichung in zwei Abschnitten: Das würde das finanzielle Engagement der Gemeinde Strullendorf erleichtern.

Bürgermeister Desel will nun die Detailplanung von Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung auf den Durchfahrtsstraßen abwarten. Nach Abstimmung mit den Verkehrsbehörden sollen dann erneut die Geisfelder in die Karten schauen und mitreden.

Und die Strullendorfer insgesamt? Vielleicht dürfen Sie noch mithilfe eines Bürger- oder Ratsbegehrens entscheiden, ob und was der Gemeinderat für Geisfeld tun soll. Die Geisfelder allein sind machtlos, beim Thema Umgehungsstraßen sogar von den örtlichen Gemeinderäten im Stich gelassen.