Jedes Weltbild hängt ab vom Blickwinkel, aus dem es betrachtet wird. Für manche ist Fotograf Heiko Roith ein Abenteurer, vielleicht sogar ein Katastrophentourist, der sich auf unverantwortliche Weise in Gefahr begibt, wenn er an Orte wie Tschernobyl oder Damaskus reist. Für andere ist der Mann aus dem oberfränkischen Städtchen Selb ein Held. Einer, der den Mut hat, dorthin zu gehen, wo Geschichte geschrieben wird. Trotz der jüngsten russischen Luftangriffe auf die Stadt Aleppo will er heute wieder in Richtung Syrien starten.


Gähnende Leere im Passagierraum

Roith dokumentiert seine Sicht mit seiner Kamera. Zum Beispiel 277 leere Sitze im Flieger: Mit nur zehn weiteren Passagieren saß er in der Maschine von Teheran nach Bagdad, als er sich im Januar zum ersten Mal in Richtung Syrien aufmachte. "Ungefähr 26,18 Plätze für jeden einzelnen von uns", rechnet der 44-Jährige vor. Zwei Monate hatte er den Trip nach Syrien und in den Libanon akribisch vorbereitet, die Reise einmal verschoben. Trotzdem musste er von Anfang an auf Plan B zurückgreifen und den Umweg über Bagdad nehmen.


Chillen unter Raketenbeschuss

Plan B gehört ins Gepäck wie die Kamera und die schussichere Weste, die Roith sich von einem befreundeten Polizisten ausgeliehen hat. Aufs Geratewohl sei so eine Reise undenkbar. "Man braucht Leute, die einen abholen, die vor Ort alles organisieren." Roith erzählt, woher er die arabische Welt kennt: Seine Eltern waren oft in Saudi-Arabien unterwegs. Seine Tante ist mit einem Syrer verheiratet. In Ro iths Team im Libanon und in Syrien ist Amsam der wichtigste Mann: Der Palästinenser ist Ro iths Leibwächter.


Auch das gibt es: Star Wars und ein hübsches Essen

Syrien ist ein gefährliches Land. Von Franken aus ist diese Sichtweise eindeutig. Vor Ort sieht die Welt ein bisschen anders aus. Es gibt einen Alltag. "Es gibt Syrer, die richtig Schotter haben. Die setzen sich in ihren BMW, gehen im Libanon in den neuen ,Star Wars' und hübsch essen, und fahren dann wieder nach Hause." Damaskus sei extrem teuer geworden, berichtet der Fotograf, der seine Reisen privat und über Sponsoren finanziert. Hauptberuflich lichtet er vor allem Musiker ab, hatte Roger Cicero Alice Cooper vor der Linse.
Er genießt, dass die Reise anderes ist als sein Alltag. Aber ist es grundlegend anders? "In Damaskus sitzen die Leute draußen, am Markt, sie trinken Kaffee, essen - chilliger Nachmittag bei 24 Grad." Wenn da nicht die Raketen wären, die ab und zu über die Stadt fliegen. Und die Geschichten.


Verwandtenbesuch

Syrische Flüchtlinge, die er in Selb kennengelernt hat, waren der Grund, warum er in das Bürgerkriegsland reisen wollte. Er erzählt von einer jungen Frau, die englische Philosophie studiert hat. "Eine liebe, kluge Frau", so hat der Fotograf sie in Selb kennen gelernt. In Damaskus traf er ihren Bruder, das Oberhaupt der Familie. "Der Vater ist entführt worden. Bei der Geldübergabe wurde ihm die Kehle durchgeschnitten. Das hat die junge Frau damals mit angesehen." Roith berichtet, dass ihr Bruder die eine Schwester nach Europa und die andere in den Libanon geschickt habe. "Oft ist es so, dass der Mann los zieht und einen Platz für die Familie sucht." Bei dieser Familie ist das Familienoberhaupt allerdings der einzige, der in Syrien die Stellung hält. "Der kleinste Bruder dürfte jetzt irgendwo in Griechenland oder der Türkei unterwegs sein."


Ein Geschäftsmann?

Roith wollte die Zusammenhänge verstehen. "Wie die dort leben, warum einer flüchten muss und wie das abläuft." Im Libanon vermittelte Leibwächter Amsam ihm einen Kontakt. Der Geschäftsmann, den Roith in Beirut traf, fuhr im luxuriosen Bentley GT vor und trug eine Seidenkrawatte von Louis Vuitton. Er sehe seine Arbeit als Hilfe für seine Landsleute an, sagte er dem deutschen Fotografen. Eine Frage des Blickwinkels. Die Deutschen sehen es eher so, dass ein Schleuser das Leid der Menschen zu Geld macht.
Derzeit kostet die Fahrt übers Mittelmeer Roith zufolge zwischen 6000 und 8000 Euro. "Der hat mehrere Boote", erklärt Ro ith. "Damit würde man hier nicht mal über den Weißenstädter See tuckern: solche mit 15-PS-Außenbordmotor. Da sitzen dann 30 Flüchtlinge drin." Ro ith fuhr ein Stück mit. Abends um zehn, als "der Himmel schön bedeckt" war, ging's los, Stunden später traf das Boot auf ein Schleuserschiff, das schon andere Flüchtlinge eingesammelt hatte, berichtet Roith. "Die See war relativ ruhig. Man hörte Wellen gegens Boot patschen. Man muss leise sein. Wenn eine Patrouille auf einen aufmerksam wird, gefährdet man alle." Roith hat einen dreijährigen Sohn. Es sei schwer auszuhalten gewesen, dass Eltern ihren Babys voller Angst den Mund zuhielten.