Schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen einen Priester erschüttern in diesen Tagen ganz Franken. Dabei gerät auch das Erzbistum Bamberg immer mehr in Erklärungsnot.

"Nach ernst zu nehmenden Hinweisen auf Fälle von sexuellem Missbrauch durch einen Pfarrer in der Gemeinde Wallenfels (Landkreis Kronach) im Zeitraum zwischen 1970 und 1995 ruft das Erzbistum Bamberg weitere Betroffene auf, sich zu melden", hieß es in einer ersten Pressemitteilung am Mittwoch (21. September 2022). Die bisher bekannten Opfer waren oder sind demnach Mitglieder der Wallenfelser Gemeinde, schrieb das Erzbistum. Am Freitag (23. September 2022) dann der weitere Schock: Pfarrer Dieter S. war dem Erzbistum bereits vor seinem Amtsantritt in Wallenfels als Missbrauchstäter bekannt. 

Update vom 23.09.2022: Pfarrer Dieter S. missbrauchte vor Amtsantritt mindestens zwei Jungen - bereits 1963 bekannt

"Das Erzbistum Bamberg hat nach Durchsicht von Archiv- und Personalunterlagen festgestellt, dass bereits im Jahr 1963 Missbrauchsvorwürfe gegen den langjährigen Pfarrer von Wallenfels, Dieter S. [Name von der Redaktion abgekürzt], aktenkundig waren", teilt das Erzbistum am Freitag mit.

1960 habe S. die Priesterweihe empfangen, erklärt ein Sprecher des Erzbistums gegenüber inFranken.de. Von 1962 bis 1964 sei er dann Kaplan in der Nürnberger Kirchengemeinde St. Georg gewesen. Daraufhin hätten sich "zwei männliche Betroffene im jugendlichen Alter" gemeldet, die Dieter S. sexuellen Missbrauch vorgeworfen hätten, so der Sprecher. Von strafrechtlichen Konsequenzen sei beim Erzbistum "nichts bekannt", heißt es.

Im Anschluss sei Dieter S. "laut Personalakte auf eigenen Wunsch für mehrere Jahre nach Bolivien gegangen", so der Sprecher weiter. Dann wurde er trotz der dem Erzbistum bekannten Missbrauchsvorwürfe sieben Jahre später, nämlich 1970, Pfarrer in Wallenfels.

59 Jahre lang wusste fast niemand von Missbrauchsfällen - Betroffener bricht Schweigen 

Erst 59 Jahre später werden die ungeheuerlichen Taten der Öffentlichkeit bekannt - angestoßen durch einen Betroffenen, der sich dem Wallenfelser Bürgermeister Jens Korn (CSU) anvertraute. Dabei waren laut Erzbistum "bereits ab dem Jahr 2006 nach dem Tod des Beschuldigten erste Vorwürfe durch die Meldung von Betroffenen bekannt geworden".

Die Erzdiözese Bamberg habe "nach den bischöflichen Richtlinien gehandelt und entsprechende Anerkennungszahlungen geleistet". Auch Therapiekosten seien übernommen worden. In der aktuellen Mitteilung heißt es nun, Erzbischof Ludwig Schick bitte "alle Betroffenen um Vergebung, weil ihnen Schlimmes geschehen ist".

Er räume "das Versagen der Bistumsleitung ein und bittet auch dafür um Vergebung", zitiert ihn das Erzbistum. Betroffene würden erneut aufgerufen, sich zu melden. Das Erzbistum Bamberg kündigt an, "sich nächste Woche ausführlich zu dem Fall äußern", wie es heißt.

Erstmeldung vom 22.09.2022: Pfarrer in Wallenfels missbrauchte mutmaßlich Gemeindemitglieder - Betroffene sollen sich melden 

Das Erzbistum weist darauf hin, dass die Identität der Betroffenen dabei geschützt bleiben solle. Der Pfarrer sei 2005 verstorben, sodass keine strafrechtlichen Ermittlungen mehr möglich seien. Als bereits ab dem Jahr 2006 nach dem Tod des Beschuldigten erste Vorwürfe durch die Meldung von Betroffenen bekannt geworden seien, habe die Erzdiözese Bamberg "nach den bischöflichen Richtlinien gehandelt und entsprechende Anerkennungszahlungen geleistet".

Auch Therapiekosten seien übernommen worden. "Die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung mit den Verbrechen, die geschehen sind, stellen uns vor große Herausforderungen und führen oft zur eigenen Sprachlosigkeit und zu einer Verunsicherung im Umgang miteinander. Gleichzeitig wollen wir den Opfern und Betroffenen gerecht werden", wird der Leitende Pfarrer von Teuschnitz, Detlef Pötzl, zitiert.

Betroffene könnten sich, auf Wunsch vertraulich, bei der Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums Bamberg, Rechtsanwältin Eva Hastenteufel-Knörr, melden.

Weiterer Ansprechpartner sei der frühere Oberstaatsanwalt Joseph Düsel.

Die Gremien und Seelsorgeteams sowie der Bürgermeister seien über die vorliegenden Erkenntnisse informiert worden, schreibt das Erzbistum Bamberg