Doch Richters "Electronic City" ist eine, die sich ganz dem 21. Jahrhundert verpflichtet fühlt: Manager hetzen von Meeting zu Meeting, Termin reiht sich an Termin, die Flughafen-Halle wird zum Wohnzimmer der Jetset geplagten Gegenwartsmenschen. Die ordnen ihr Leben dem beruflichen Erfolg unter, Leistungsdruck und Burnout inklusive. Denn das Handy kann jederzeit klingeln, die nächste Mail kann jederzeit im Postfach landen, Medienreize allerorten.
Tom und Joy heißen die Manager in Richters Parabel auf die negativen Seiten der globalisierten Welt, auf die Entfremdung des Menschen vom Gegenüber und von sich selbst. Privatleben ist den beiden fremd. Ihre Liebesbeziehung - man mag es kaum so nennen - versuchen sie zwischen Geschäftsterminen im öffentlichen Raum einer Business Lounge aufrechtzuerhalten.
Was ist da noch real? Ist das überhaupt noch das Leben oder läuft da nicht schon ein Film in Endlosschleife ab?

Mensch als Maschine?

Regisseurin Alice Asper interessieren am Stück ganz grundlegende Themen wie das Miteinander in dieser sinnentleerten Welt, der überforderte Mensch als Maschine, die futuristisch anmutende Leistungsgesellschaft, der ständige Kampf um die eigene Identität: "Wo bleibt da die Menschlichkeit? Was ist das Seelenleben der Protagonisten, was sind ihre Sehnsüchte?".
Gelegentlich umschrieben als "dystopisches Märchen" steht das Stück aus der Feder Richters in der Tradition bekannter Anti-Utopien nach dem Vorbild Orwells oder Huxleys, gleichwohl sprachlich stärker komprimiert. "Realitäten werden verdichtet, zugespitzt", beschreibt Asper den Grundton von "Electronic City". Das versucht Ausstatter Karlheinz Beer auch im Bühnenbild umzusetzen, das den anonymen Transit-Ort Flughafen zeigt: "Wir bespielen das Studio über die volle Länge des Raumes, fast 20 Meter." Frontal vor den Zuschauern werden Glasscheiben platziert, die als Projektionsfläche für live gedrehte Kameraaufnahmen dienen. Das Theater reflektiert also seine eigene Medialität wie die des Films im Zeitalter allgegenwärtiger Technik.
"Electronic City" setzt sich daher das zum Ziel, was Theater im besten Sinne leisten kann: Den Zuschauern einen Spiegel ihres eigenen Daseins vorzuhalten, sie zum Nachdenken über ihre Verhaltensweisen anzuregen. Ob das der Bamberger Inszenierung gelingt, davon kann man sich ab dem 17. März überzeugen, wenn "Electronic City" Premiere feiert.

Das Stück: Bei "Electronic City (Airport Romance)" von Falk Richter handelt es sich um ein Schauspiel der Gegenwartsdramatik. Das Stück wurde 2003 uraufgeführt und zählt mit Übersetzungen in mittlerweile mehr als 20 Sprachen zu einem der weltweit meist gespielten Texte der neuen Dramatik.

Die Inszenierung: Am E.T.A.-Hoffmann-Theater führt Alice Asper Regie, für die Ausstattung zeichnet Karlheinz Beer verantwortlich. Zu den mitwirkenden Ensemblemitgliedern zählen Verena Ehrmann, Sybille Kreß, Thomas Jutzler, Eckhart Neuberg, Felix Pielmeier, Volker J. Ringe, Patrick L. Schmitz und Florian Walter.

Die Premiere: "Electronic City" feiert am 17. März 2013 um 20 Uhr im Studio Premiere. Weitere Vorstellungen sind geplant für den 19.-24. März sowie für den 4.-7., 12. und 14. April. Am 13. April findet um 15 Uhr eine Nachmittagsvorstellung statt.