Er ist wieder da! Nein, keine Sorge, nicht Timur Vermes' Adolf Hitler, sondern Poldi, der Altenburgbär. In zotteligem Gewand trottet er über den Bamberger Maxplatz, lässt sich für Selfies mit Touristen knipsen und von Kindern streicheln. Das kann nicht stimmen, oder etwa doch?

Das E.T.A.-Hoffmann-Theater hat Poldi wiederbelebt, und zwar für das Projekt "Stadt Land Fluss". Bis Mitte Juli will diese etwas andere Stadtführung, zugleich Stadtratssitzung, Einblicke in den Alltag der Stadtbewohner, ihrer Wünsche und Hoffnungen, aber auch ihrer Ängste und Enttäuschungen geben und auf diese Weise die Frage nach der Heimat stellen, dem zentralen Thema der aktuellen Spielzeit.

Was macht Bamberg aus? Das ist das Movens des dicht komponierten, bildreichen Stücks. Dazu haben Gesine Danckwart und Fabian Kühlein, von denen das Konzept des Theaterprojekts stammt, Bamberger und Touristen interviewt.
Herausgekommen sind mal augenzwinkernde, mal zum Nachdenken anregende Geschichten. Es ist ein Spiel um Biographien und Bürgersein in Bamberg, das sich mit folgenden Fragen umreißen lässt: Warum schmeckt das Rauchbier nur so stark nach Schinken? Warum trifft man immer die gleichen Leute im Café Rondo? Wo sollte eigentlich die Magnetschwebebahn in Bamberg verlaufen? Gibt es den E.T.A.-Hoffmann-Maulbeerbaum noch?


Stadttheater im Rathaus

In zwei Gruppen, geleitet von den als Touristenführern agierenden Darstellern Pascal Riedel und Daniel Seniuk, begleitet von der schrägen Touristin Katharina Rehn, geht es über den Maxplatz zum Hintereingang des Bamberger Rathauses und von dort in den Sitzungssaal des Stadtrats. Sinnig, dass der gebürtige Bamberger Seniuk dabei den Bürgermeisterstuhl einnimmt. Fungierte der Maxplatz eben noch als offene Theaterbühne, bietet sich nun im Sitzungssaal des Rathauses Stadttheater im Wortsinne. Dabei wird von den Zuschauern Aktivität verlangt, wenn sie Bamberg mit drei Adjektiven umreißen sollen oder die potenziell neue Stadthymne "Bamore" intonieren. Dem Publikum eröffnet sich ein Reigen von textuellen, auditiven und visuellen Bamberg-Vorstellungen; Realitäten vermischen sich mit Traum-Elementen, verschiedene Stimmen werden zu Gehör gebracht.

Vertraut kommen einem diese Bilder zwar vor, dahinter schimmern aber auch Satirisches, etwa das Brose-Kloster und die Brose-Burg, sowie Fremdes, nicht Verständliches durch; es eröffnen sich Parallelwelten, beispielsweise die der Obdachlosen am Bahnhof. Kritische Momente tauchen auf: Wie geht es weiter mit den Bamberger Gärtnern? Wie verändern die Flüchtlinge die Stadt?

Doch die Fragen nach den Schattenseiten des Lebens in Bamberg werden nur knapp szenisch angerissen. Gerne hätte man mehr erfahren von Beobachtungen wie dieser: "Wo sind in Bamberg die kaputten Orte, wenn es in mir kaputt ist?". Stattdessen soll ein vom Glitzern der Disco-Kugeln und Live-Kamerabildern begleiteter Song das Bamberger Lebensgefühl umreißen: "Der Dom, die Regnitz und du - zu meinem Glück fehlt jetzt nur noch a U. Der Dom, die Regnitz und wir - 50 Schäuferla und jeder ein Bier."


Satirischer Streifzug

Eine Tiefenanalyse des Lebens in Bamberg ist diese Theater-Stadtführung daher nicht, sie soll es aber auch gar nicht sein. Wer schon immer mal im Sitzungssaal des Rathauses Platz nehmen, einen satirischen Streifzug durch die Bilder Bambergs miterleben oder als Einheimischer die Heimatstadt aus ungewohnter Perspektive, reich an Anekdoten kennenlernen wollte, dem bietet sich ein kurzweiliger Abend.