Mittwochnachmittag um 13 Uhr. Vor der Klinik sitzen Mitarbeiter in der Sonne zum Mittagessen. Weder ihnen, noch den Patienten und Besuchern, die durch den Haupteingang das Klinikum am Bruderwald betreten und verlassen, ist zu dem Zeitpunkt bewusst, was da gerade im Büro der Geschäftsführung abläuft. Es scheint alles wie immer. Doch es ist wohl der schlimmste Skandal für das Bamberger Klinikum, der da langsam an die Öffentlichkeit gerät. Xaver Frauenknecht, Vorstandsvorsitzender der Sozialstiftung, und Georg Pistorius, Ärztlicher Direktor des Klinikums, zeigen sich "persönlich schwer betroffen", wie Frauenknecht sagt. Tiefe Falten sind auf seiner Stirn zu sehen. Die Festnahme des leitenden Arztes der Gefäßchirurgie ist ein paar Stunden her. Am Morgen wurde der 48-Jährige von der Kriminalpolizei Bamberg verhaftet. Ihm wird Vergewaltigung und sexueller Missbrauch vorgeworfen. Mindestens vier Frauen sind betroffen.

Die Staatsanwaltschaft Bamberg hat die Klinikleitung an diesem Morgen über die laufenden Ermittlungen informiert. "Wir als Sozialstiftung können nicht mehr tun, als unsere Bestürzung auszudrücken, wir werden alles tun, um zur Aufklärung beizutragen", sagt Klinikchef Frauenknecht in der anberaumten Pressekonferenz am Mittag. Der festgenommene Arzt ist freigestellt von seinen Aufgaben. Bis auf weiteres hat die Leitung der Klinik für Gefäßchirurgie Oberarzt Matthias Spohn inne. "Die Versorgung der Patienten ist sichergestellt", sagt Frauenknecht. Der Betrieb geht weiter. Auch an dem Tag sind fünf bis sechs Operationen durchgeführt worden.

Krisenstab gebildet
Man sei auch in Sorge um die Patienten, die bereits in der Klinik für Gefäßchirurgie behandelt wurden, deshalb habe die Klinik eine Hotline (0951/5030) eingerichtet, "wo Beratung und Betreuung zur Verfügung steht". Unter Leitung des Klinikchefs ist ein Krisenstab gebildet worden, der die Maßnahmen koordiniert. Man wolle die Öffentlichkeit ständig informieren.

Der Ärztliche Direktor Georg Pistorius spricht von einer Situation, "die uns überrascht hat". Es habe keine Anhaltspunkte gegeben, "an so etwas zu denken". Auch die Mitarbeiter der Abteilung seien überrascht von den Vorwürfen. Manche seien in Tränen ausgebrochen, als sie am Morgen von den Anschuldigungen erfuhren. Auch die Chefärzte sind informiert worden. Der Rest der fast 3700 Mitarbeiter erfuhr davon erst später.




Laut Ärztlichem Direktor müssen die möglichen Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauchsfälle außerhalb der Routinearbeit geschehen sein, da im Regelfall immer Mitarbeiter anwesend sind. Der beschuldigte Arzt soll unter anderem an einer Frau sexuelle Handlungen vollzogen haben. Dabei soll er ihr innerhalb einer Studie die Überdosis eines Beruhigungsmittels gegeben haben, das sie zeitweise bewusstlos gemacht hatte.

Das Forschungsprojekt war der Leitung nicht bekannt. "Es liegt mir keine angemeldete Studie vor", sagt Pistorius. Ob es sich um mehrere Patientinnen oder auch Mitarbeiterinnen handeln könnte, die möglicherweise Opfer des Arztes gewesen sein könnten, konnte die Klinikleitung am Mittwoch nicht sagen.

Bereits 2011 ein Skandal
2011 stand das Klinikum Bamberg schon einmal in den Schlagzeilen wegen eines "Sex-Skandals". Damals war einem leitenden Arzt vorgeworfen worden, mehrere Mitarbeiterinnen sexuell belästigt und auch Kunstfehler begangen zu haben. Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Bardo Backert fand das Verfahren 2013 sein Ende, weil der Verdächtige verstarb. Ein Teil der Vorwürfe hatte sich schon ein Jahr vorher als unwesentlich erwiesen.




Die Dimensionen des aktuellen Bamberger Falls sind vor allem deshalb erheblich, weil hier Vorwürfe gegen einen der 24 leitenden Ärzte des Klinikums erhoben werden. Ermittlungen wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch an Krankenhäusern sind dennoch kein Einzelfall. Mehrfach gab es in den vergangenen Jahren solche Fälle. So wurde einem Pfleger am Klinikum Hildesheim im Jahr 2013 vorgeworfen, mehrere Kinder missbraucht zu haben. Auch die Berliner Charité und die Kur-Klinik in Sylt standen bereits im Fokus von Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung von Patienten.

Mit Bestürzung reagierte Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: "Als ich heute Morgen vom Vorstand der Sozialstiftung Bamberg und vom Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Bamberg über die schlimmen Vorwürfe informiert worden bin, war ich zutiefst erschüttert und fassungslos. Mir tun die Opfer unendlich leid", sagte Starke. Es sei eine Selbstverständlichkeit, dass die Sozialstiftung die erforderlichen arbeitsrechtlichen Konsequenzen zieht und die Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungstätigkeiten aktiv und vollständig unterstützt, sagte der Bamberger Oberbürgermeister.


Kommentar von Michael Wehner: "Krankenhaus in der Krise"
Noch ist es nur ein Ermittlungsverfahren und noch gilt die Unschuldsvermutung: Dennoch scheint die Beweislage erdrückend, das schnelle Handeln der Staatsanwaltschaft zeigt es. Den Opfern des Arztes gilt unser Mitgefühl, dem Klinikum das Bedauern. Der Schaden, den dieser Fall auslösen wird, ist schon jetzt gewaltig. Er kann das Ansehen der Sozialstiftung mit ihren 3700 Beschäftigten in schwere Schieflage bringen, weil er das Wertvollste im Arzt-Patienten-Verhältnis beschädigt - das Vertrauen. Dennoch hüte man sich vor pauschalen Angriffen: Der Schutz vor krimineller Energie eines Einzelnen ist wünschenswert, aber in der letzten Konsequenz unmöglich.


 

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