Es hätte ein Ausflug ins Paradies werden können. Hätte Amelie Fried nicht gleich zu Beginn der Lesung verkündet, dass eine Person diese Woche nicht überleben würde. Die Journalistin, Autorin und Moderatorin war am Freitagabend in die "Bücherwelt" ins Hallstadter Ertl-Zentrum gekommen, um aus ihrem neuesten Roman "Paradies" zu lesen, sich mit der Schirmherrin des Bamberger Literaturfestivals, Tanja Kinkel, angeregt zu unterhalten und Einblicke unter anderem in ihre schriftstellerische Arbeit zu geben. Die, wie Amelie Fried betonte, genauso Teil ihrer selbst sei wie die Arbeit als Moderatorin und Journalistin.

Für letztere gehöre die Recherche auch zu erschütternden Themen wie die durch einem Missbrauchsskandal bekanntgewordene Odenwaldschule, an der sie ohne von Übergriffen zu wissen, Abitur gemacht hat oder das Schicksals ihrer Großonkels Max Fried und seiner Frau Lilly, die in Auschwitz ermordet wurden, dazu.

Das Schreiben sei schon eine recht einsame Angelegenheit, meint Amelie Fried, schließlich sitze man ja über Wochen alleine vor dem Computer. "Es ist wunderbar, rauszukommen, in lachende Gesichter zu schauen und zu sehen, das sind die, für die ich geschrieben habe", sagt sie beim Blick ins Publikum, das sich erkennbar auf diesen Abend freut und sich über die Anekdoten, die hinter die Kulissen der Arbeit einer Fernsehmoderatorin führen, amüsiert. Vor allem Gregor Gysi, der abseits der Kamera mehr als ein Bier getrunken hatte ("Kann ich noch 'nen Becher Bier haben?") und dann im Gespräch seinen ganzen Charme versprühte, wie Amelie Fried lachend erzählt, erntete in Abwesenheit Sympathiepunkte.

Sympathie empfinde sie auch für alle ihre Figuren, so unterschiedlich diese in ihrem neuen Roman "Paradies" auch angelegt sind. Die 46-jährige Lehrerin Petra, die herausfindet, dass sie ihr Mann betrügt, die 36-jährige Vertreterin einer Biokosmetikfirma Anka, die 58-jährige ehemalige Prostituierte Jenny und die 28-jährige Sozialarbeiterin Suse - sie alle treffen aus unterschiedlichsten Gründen in einem Wellness-Ressort aufeinander.

Mit Ironie und Wohlwollen

Die entsprechenden Ausschnitte liest Amelie Fried mit Ironie und viel Wohlwollen vor und man merkt, dass hier eine Frau vorträgt, die ganz Fernseh-Profi ist, die weiß, wie man die richtigen Stimmungen trifft und wie man gleichzeitig ein Mikrofon aus der Halterung entfernt, wieder einsetzt, die Lesebrille ab- und wieder aufsetzt und die richtige Stelle mit Hilfe ihres Spickzettels auf dem kleinen Tisch vor ihr und zumindest mit Hilfe eines kleinen Haftzettels im Buch findet. Das alles geschieht unaufgeregt sympathisch und vermittelt den Eindruck, dass Amelie Fried auch diese Seite ihres Berufs genauso gerne mag wie das Eigenleben, das Figuren entwickeln und sich nicht darum kümmern, dass die Autorin die Struktur des Romans von Anfang an festgelegt hat. "Vieles ergibt sich erst beim Schreiben", sagt Amelie Fried und bekennt, dass sie der jungen, radikalen und naiven Suse Züge ihrer eigenen Tochter verliehen hat und dass sie manche Figuren auch enttäuschen.

Die Frage von Tanja Kinkel, neben wem sie denn gerne auf einem Zehn-Stunden-Flug sitzen möchte, beantwortet sie nach einigem Zögern. Es müsse wohl Anka sein, meint Amelie Fried, denn diese Figur sei am rätselhaftesten, spannend und überhaupt eine "Bitch". Und: "Sind Bitches nicht immer die interessantesten?"

Am Anfang hatten Gabriele Schrödel, Geschäftsführerin der "Bücherwelt", und Wolfgang Heyder für das Literaturfestival auf den Erfolg der Veranstaltung hingewiesen, von dessen insgesamt 24 Lesungen 19 ausverkauft seien. Sein Dank ging auch an die Sponsoren, die die Kosten des mittlerweile vierten Bamberger Literaturfestivals zu 60 Prozent übernähmen.