Kurzarbeit Null - seit die Läden Mitte März schließen mussten, ist das auch für die 27 Bamberger H&M-Mitarbeiter Realität. "Die Kollegen haben das eigentlich ganz gut aufgenommen. Das liegt aber auch daran, dass wir sehr zufrieden mit unserem Abschluss sein können", sagt Kristina Weber.

Dass sie trotzdem noch einige Stunden in der Woche arbeitet, liegt an ihrer Funktion als Betriebsratsvorsitzende. "Unser Gesamtbetriebsrat hat sehr gut verhandelt, wir konnten das Ergebnis 1:1 übernehmen." Für den gesamten Monat März bekamen alle noch 100 Prozent der bisherigen Bezüge. Und auch im April und März wird der Arbeitgeber auf 90 Prozent aufstocken.

"Ich habe von anderen Unternehmen gehört, die das nicht gemacht haben. Aber mit 60 Prozent kann doch in unserer Branche keiner überleben.", sagt die 29-jährige Verkaufsberaterin. Ihr Arbeitgeber sei im Gegensatz zu manchen anderen noch tarifgebunden. Das Problem gerade im Einzelhandel sei aber, dass kaum noch jemand einen Vollzeitvertrag bekomme. Und daher schon in normalen Zeiten auf zusätzliche Nebenjobs angewiesen sei. Wenn dann aber vom untertariflichen Teilzeiteinkommen nur 60 oder 67 Prozent (bei Beschäftigten mit Kindern) bleiben, stürze das manch einen in existenzielle Nöte.

Das Thema Kurzarbeit zieht sich durch fast alle Branchen. Dieses Instrument soll Firmen entlasten und Arbeitsplätze erhalten. Auf wieviel Geld die Beschäftigten dafür verzichten müssen, hängt von den Unternehmen ab. "In unserem Gesamtbezirk haben allein im März 3500 vor allem kleinere Betriebe Kurzarbeit angemeldet. Zum Vergleich: Im November, einem Durchschnittsmonat, waren es gerade einmal 26", sagt Matthias Klar von der Arbeitsagentur Bamberg-Coburg. Gerade für viele Kleinbetriebe seien die Geschäftsschließungen so gewesen, als ob man in einem fahrenden Zug die Notbremse zieht. Entsprechend hat auch Klars Behörde Personal umverteilen müssen, allein in Bamberg sind nun fünf bis sechs Berater für Kurzarbeiter zuständig.

Die neuesten Zahlen in Sachen Kurzarbeit werden Anfang der kommenden Woche vorliegen. Wenn sie noch einmal steil nach oben gegangen sind, dürfte das keinen groß überraschen. "Kurzarbeit ist kein Allheilmittel, aber eine Medizin", sagt Klar, der auch als Arbeitsvermittler schon Krisenjahre erlebt hat. 2005 habe sich die Arbeitslosigkeit fast verdoppelt, zur Zeit der Finanzkrise 2009 seien die Arbeitgeber "schon geistig weg von der Hire-and-Fire-Mentalität" gewesen.

"Mit geringem Einkommen kann Kurzarbeit richtig schlimm sein", sagt Paul Lehmann, Gewerkschaftssekretär bei Verdi. Er kenne viele Beschäftigte, die schon regulär nur auf 700 oder 800 Euro brutto kommen. Gerade in der derzeitigen Situation sei es hilfreich, Mitglied einer Gewerkschaft zu sein und sich vom jeweiligen Betriebsrat beraten zu lassen.

Dass im Zuge der Corona-Krise auch Kellner, Köchinnen und Hotelangestellte in Bamberg mit extremen Lohneinbußen zu kämpfen haben, beklagt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) - und fordert eine deutliche Aufstockung des Kurzarbeitergeldes. "Mit 60 Prozent des bisherigen Lohns auszukommen, ist im Gastgewerbe ein Ding der Unmöglichkeit. In Bayern bleiben einem gelernten Koch ohne Kinder in Vollzeit am Monatsende nur rund 900 Euro", macht NGG-Geschäftsführer Michael Grundl deutlich. Dies setze voraus, dass nach Tarif gezahlt werde - was häufig jedoch nicht einmal der Fall sei. Die Gewerkschaft NGG ruft die Bundestagsabgeordneten aus der Region dazu auf, sich in Berlin für eine rasche Aufstockung des Kurzarbeitergeldes auf mindestens 80 Prozent (Eltern: 87 Prozent) einzusetzen. "Corona darf nicht zur Katastrophe für die werden, die ohnehin jeden Cent zweimal umdrehen müssen."

Dass eine solche Aufstockung klappen könnte, hat auch schon Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) angekündigt. Andere Politiker zweifeln jedoch an der Finanzierbarkeit. Matthias Klar von der Arbeitsagentur sieht in der massenweisen Kurzarbeit zumindest auch ein Zeichen von Optimismus: "Wenn die Unternehmen keine Hoffnung hätten, würden sie gleich entlassen."

Kurzarbeit in Kürze

Kurzarbeitergeld

Laut Sozialgesetzbuch erhalten Arbeitnehmer 60 Prozent des während der Kurzarbeit ausgefallenen Nettolohns, wer Kinder hat, bekommt 67 Prozent.

Aufstockung

Arbeitgeber können die Lohnlücke verkleinern (oder ganz schließen), indem sie Aufzahlungen leisten. In vielen Branchen wirken tarifliche und betriebliche Regelungen zur Aufstockung des Kurzarbeitergeldes.

Zuverdienst

Nehmen Beschäftigte während des Bezugs von Kurzarbeitergeld eine Nebentätigkeit auf, wird das daraus erzielte Entgelt auf das Kurzarbeitergeld angerechnet. Das gilt nicht, wenn die Nebentätigkeit schon vor Beginn der Kurzarbeit durchgeführt wurde, oder wenn die Nebentätigkeit von April bis Oktober 2020 in einem "systemrelevanten Bereich" (medizinische Versorgung, Pflege. Groß- und Einzelhandel, Landwirtschaft, Lebensmittel-Logistik und viele mehr) aufgenommen wird. Ein Minijob (450 Euro/Monat) bleibt vollständig anrechnungsfrei.

Gesetzesänderung

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) unterstützt den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), der für die Monate Mai bis Juli eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes von 60 auf 80 Prozent und bei Beschäftigten mit Kindern von 67 auf 87 Prozent durchsetzen möchte. Darüber werde derzeit in der Bundesregierung und mit den Sozialpartnern beraten. Infos

Die Arbeitsagentur Bamberg-Coburg hat kostenlose Hotlines zum Thema Kurzarbeit eingerichtet, Arbeitgeber wählen die Nummer 0800/ 4555 520, Arbeitnehmer die Nummer 0800/4555 500 oder die 09561/93 100.