Es war wie eine Offenbarung. Der Tag, an dem Alexander Titz seinen Vorgänger begleitete, den evangelischen Gefängnispfarrer. Das war vor gut zehn Jahren. Wenig später bekam Titz dessen Job, und vor kurzem nun auch noch eine fünfjährige Verlängerung. Wo sind die zehn Jahre geblieben, fragt sich der 54-Jährige. Ein bisschen zumindest in Filmdokumenten. Seit Titz sich vor acht Jahren eine Videokamera gekauft hat, hat er eine neue Passion entdeckt und dabei auch den Knast verewigt. "8,5 m² Leben" heißt sein neuestes Werk. Das hatte Montagabend im Gefängnis Premiere und ist ab sofort auch im Internet zu finden.

Das Gefängnis ist eine Welt für sich, mit eigener Sprache und eigenen Regeln. Die hat Titz in den letzten zehn Jahren kennen gelernt. Sieben Jahre lebte er sozusagen im Knast, da er bis vor drei Jahren in einer Dienstwohnung in der Anstalt wohnte: Das heißt Beamte, Uniformierte, Gefangene, Scheinwerfer und immer wieder das eine Geräusch - Auf- und Abschließen.

Titz unterscheidet zwischen seinem jetzigen Leben und seinem früheren, also dem vor dem Knast . Da war er ganz regulärer Pfarrer, zuletzt bei Würzburg, Gemeinde-, Missions- und Jugendpfarrer. Nach zehn Jahren in einer Gemeinde müssen evangelische Pfarrer wechseln. Titz wollte eigentlich nach Afrika, da hieß es, die Stelle des evangelischen Gefängnispfarrers in Ebrach werde frei. "Ebrach? Hatte ich bis dahin noch nicht gehört."
Doch der Rundgang überzeugte Titz: Hier konnte er das tun, was er eigentlich gelernt hatte - Seelsorge betreiben. Ohne, dass er durch Verwaltungs- oder Bautätigkeiten gebunden wäre. Für Menschen da sein, die ihn wirklich brauchen. Denen er helfen konnte. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre hat der Pfarrer etliche Zusatzausbildungen absolviert, die ihm die Arbeit im Knast erleichtern. Zuletzt die zum Trauma -Fachberater und Traumapädagogen. Damit könne er ganz anders arbeiten. Viele Gefangene seien traumatisiert. Es komme schließlich keiner so auf die Welt, sagt der Seelsorger. Er sei einer, der die jungen Leute vorurteilsfrei annehme und oft der einzige, zu dem sie Vertrauen aufbauen.

Auch so viel, dass sie sich vor seine Kamera wagten. Zuerst war das bei "Kittis von Ebrach" 2008 der Fall. "Eine schwarze Komödie", wie Titz es nennt, weil er da die Arbeit im Gefängnis total auf die Schippe genommen hat. Das war Ebrachs Beitrag bei einem Treffen der Kriseninterventionsteams.
"Einer flog über Ebrach" wiederum ist ein 70-minütiger Spielfilm aus dem Jahr 2011. Eineinhalb Jahr hat es gedauert, bis der Film fertig war.

Was Titz dabei betont: Gefangene und Bedienstete standen gleichberechtigt vor der Kamera. Gezeigt werden durfte die Filme allerdings nur innerhalb des Strafvollzugs, auch weil die Gefangenen zu erkennen sind.
Ein weiterer Gefängnis-Film war dann "Feinripp -Hautnah" (2012). Ein Kurzfilm über Unterwäsche und Freundschaft. Hintergrund war der, dass die JVA ihre Wäschesystem änderte. Mithilfe eines Titz-Films sei das am besten zu erklären und zu kommunizieren, habe die Anstaltsleitung damals gemeint. Schließlich war man über die Titz'schen Knast-Filme auf dem laufenden und offenbar angetan. Es sollte ein Lehrfilm werden, Titz hat einen kleinen Spielfilm gedreht.

Psychodrama

2013 entstand dann das 23-minütige Psychodrama "Bankgeheimnis". Der Film hat zwar nichts mit dem Gefängnis zu tun, greift aber wie alle Titz-Streifen die Dinge auf, denen sich der Amateur-Filmer widmet: Gefühle, Liebe, Sehnsüchte, Träume, Enttäuschungen. "Filme sind immer ein bisschen wie Predigten, sie arbeiten mit Geschichten", sagt der filmende Pfarrer. Titz setzt auf die Kraft der Bilder, fordert einen aktiven Betrachter, also Kopfkino, und verzichtet ganz bewusst auf jeglichen Kommentar und dami auch auf eine Kommentatorenstimme. Geschichten in Bildern zu erzählen ist sein Anspruch Altmeister Alfred Hitchcock Inspirateuer und viel verehrtes Vorbild.

Während Alexander Titz bei den Erstlingswerken wirklich alles selbst gemacht hat, vom Drehbuch, bis zur Beleuchtung, Ton, Technik, Musik, einfach alles, gibt er inzwischen einige Aufgaben ab: "Ich habe jetzt ein kleines Team, jemanden für Ton und für die Filmmusik und dann noch einen Allrounder.
Sein jüngster Film das ist "8,5 m² Leben". Eine Knast-Dokumentation. 57 Minuten. Die Fernsehfilme und bisherigen Dokumentationen, insbesondere die Serien geben den Alltag nicht wirklich wieder, findet der Gefängnispfarrer. "Es werden nicht die richtigen Fragen gestellt." Das war die Grundlage für sein Drehbuch, die Wirklichkeit objektiv aufnehmen und darstellen der Anspruch. "Ich bin mittendrin, ich brauche nicht zu recherchieren." Mit Fragen, die noch nicht gestellt wurden, wollte er Antworten, die noch nicht gehört wurden. Sie stammen von drei Gefangenen, zwei Vollzugsbeamten und einer Praktikantin. Dazu Prof. Dr. Laubenthal, Kriminologe, Richter und Psychologe. Die bescherten ihm zwölf Stunden Interview-Material. Das hat er zusammen mit weiteren Einstellung zu einem 57-minütigen Streifen komponiert. Der Titel: Genau achteinhalb Quadratmeter misst eine Zelle.

Sein Traum

"Mein Traum wäre es, einmal mit Popcorn und Cola im Kino zu sitzen und einen Film von mir zu sehen", so Titz. Seinen nächsten Streifen hat er bereits im Kopf, ebenso wie die Laien-Komparsen für die Rollen.

Aber jetzt geht es ihm erst einmal um die Offenbarung, das zeigen, was Gefängnis wirklich mit Menschen macht.

Den Film können Sie sich hieransehen. Auf der Homepage von Alexander Titz gibt es noch weitere Infos und Filme.