Anton Winkler trifft buchstäblich den Nagel auf den Kopf, wenn er auf dem Baugerüst steht und sagt: "Dem Handwerk geht es in der Krise besser als der Industrie. Wir können weiterarbeiten und haben von der Krise bisher nicht viel gemerkt." Der 18-jährige Zimmerer-Lehrling aus Burgebrach mag seinen Beruf, weil man jeden Tag etwas anderes sieht und an der frischen Luft ist. "Aus meinem Freundeskreis hat bisher jeder eine Ausbildungsstelle bekommen", berichtet Kollege Anton Winkler aus Kemmern, ebenfalls im dritten Lehrjahr.

Selbstbewusstsein prägt die Handwerkerschaft. Wieder einmal erweist sich die Zunft als krisensicher, als Stabilisator in unsicheren Zeiten. "Das neue Ausbildungsjahr 2020/21 hat bereits begonnen - doch haben einige Betriebe im regionalen Handwerk noch attraktive Ausbildungsstellen zu besetzen", berichtet Kreishandwerksmeister Manfred Amon. Corona habe Ausbildungsmessen und Schnuppertage verhindert und die Nachwuchssuche erschwert. Vor allem das Friseurhandwerk erlebt rückgängige Azubizahlen. Dies liege am Wegfall der Schülerpraktika im Frühjahr, erklärt Obermeisterin Tanja Arnold-Petter.

Die Betriebe aus dem Bereich Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik haben laut Innungsobermeister Leo Voran "von Corona nahezu nichts gemerkt". Nur vereinzelt hätten Kunden Termine abgesagt. Die Branche arbeite am Anschlag. Die Auftragsbücher seien voll.

"Die Bäckereibetriebe in der Region, die ausbilden, haben Lehrlinge bekommen", berichtet Obermeister Alfred Seel. Bedauerlicherweise lasse das Ausbildungsengagement der Betriebe mehr und mehr nach. Seel mahnt jedoch: Nur durch Ausbildung lasse sich der Fachkräftemangel beheben.

Das regionale Baugewerbe musste durch die Krise teilweise spürbare Umsatzeinbußen hinnehmen. Robust zeigt sich hingegen das Ausbauhandwerk. Entscheidend werde sein, wie sich die Auftragslage im Frühjahr entwickelt, berichtet Zimmerer und Kreishandwerksmeister Amon.

Obwohl die Ausbildungszahlen weitestgehend stabil sind, zeigt sich die Baubranche "mürbe in Sachen Ausbildung", wie es bei der Kreishandwerkerschaft heißt. Häufig wechselten teuer ausgebildete Gesellen in die Industrie, kritisiert Bauunternehmer Sandro Reinfelder. Corona könnte dieses Abwerben bremsen. Denn die Industrie - besonders der Autobau - schwächelt.

Befristungen laufen aus

Kurzarbeit prägt das Bild in Stadt und Landkreis: "Im April wurde für 21 237 Mitarbeiter Kurzarbeit angezeigt, im Mai waren es 7646 Arbeitnehmer und im Juni 1464", berichtet Matthias Klar, Sprecher der Agentur für Arbeit. "Wir haben schon gemerkt, dass Befristungen zu Beginn der Krise verstärkt ausgelaufen sind. Jetzt sehen wir aber, dass viele verlängert werden und der Stellenmarkt wieder anzieht." Der krisenbedingte Anstieg der Arbeitslosigkeit sei in den letzten beiden Monaten "nahezu gestoppt" worden. "Aber leider stellen wir fest, dass mehr Auszubildende als im Vorjahr nicht übernommen wurden."

Warnungen der Metaller

Noch sieht Klar jedoch in der Region Bamberg ein gutes Verhältnis von Arbeitslosen zu freien Arbeitsstellen. "Statistisch kommen auf eine gemeldete Arbeitsstelle lediglich zwei Arbeitslose. Die Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden, ist daher verhältnismäßig gut."

Warnungen spricht die IG Metall aus: "Ich persönlich gehe davon aus, dass wir mit den bestehenden Maßnahmen wie Kurzarbeit, Konjunkturpaket, Insolvenzverschiebung und Nutzung der bestehenden Demographie eine Riesenwelle vor uns herschieben", mahnt der Bamberger Bosch-Betriebsratsvorsitzende Mario Gutmann. Die Rechnung komme am Ende der Kurzarbeit. "Wir werden mit einem massiven Anstieg der Arbeitslosenzahlen rechnen müssen."

Spürbar ist Corona bereits auf dem Ausbildungsmarkt: "Von Oktober 2019 bis August 2020 wurden der Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg insgesamt 5168 Berufsausbildungsstellen gemeldet. Das sind 568, also 9,9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum", berichtet deren Leiterin Brigitte Glos. Gleichzeitig hätten sich auch sechs Prozent weniger Jugendliche wegen einer Lehrstelle gemeldet. "Damit wird der strukturell bedingte rückläufige Trend auf dem Ausbildungsmarkt durch die Corona-Krise verstärkt." Statistisch stehen dennoch weiter vier unbesetzte Lehrstellen für jeden Bewerber zur Auswahl, die Ausbildungsbereitschaft ist laut Glos weiter hoch.