Vordergründig ging es in einer Verhandlung vor dem Bamberger Amtsgericht um den Diebstahl und Missbrauch von rezeptpflichtigen Fentanylpflastern, wie sie Schmerzpatienten zur Linderung verabreicht werden. Angeklagt war eine 41-jährige Frau, die zuletzt in Bamberg und nahe Coburg als Pflegedienstleiterin gearbeitet hat.

In dieser Position war es ihr ein Leichtes, an die Medikamente zu kommen: In neun der zehn angeklagten Fälle wurden sie von ihr selbst verwahrt und verwaltet. Die ledige Frau, die sich seit neun Monaten in Untersuchungshaft befindet, legte ein umfassendes Geständnis ab.

Entsprechend kurz war die Beweisaufnahme vor dem Urteil: eineinhalb Jahre Freiheitsstrafe wegen veruntreuter Unterschlagung, vorsätzlicher unerlaubter Beschaffung von Betäubungsmitteln und Diebstahl. Die Angeklagte kam in den Genuss einer Strafmilderung, denn sie ist in ihrer Steuerungsfähigkeit eingeschränkt.

Sie ist Täterin und Opfer zugleich - ein Opfer sexuellen Missbrauchs, den sie in der Vergangenheit wiederholt erlitten haben muss und bisher zu verdrängen suchte. Von einem Sexualtrauma war wiederholt die Rede.

Dieses führte laut Thomas Wenske, stellvertretender Chefarzt der Klinik für forensische Psychiatrie in Erlangen, zu einer Persönlichkeitsveränderung bei der hochintelligenten Frau. Ihre Sucht soll eine Folge davon sein. Mit dem Wirkstoff im Fentanylpflaster sei es ihr "perfekt" gelungen, alles auszublenden, was sie belastet und "sozial zu funktionieren", so Wenske.

Die Vorgeschichte der 41-Jährigen wurde in der öffentlichen Verhandlung des Schöffengerichts, dem stellvertretende Amtsgerichtdirektorin Marion Aman vorsitzt, äußerst diskret behandelt. Näheres über das, was sie traumatisiert hat, erfuhren die Zuhörer nicht.

Jahre lang war die Angeklagte jedenfalls nicht in der Lage, über den erfahrenen Missbrauch zu sprechen, geschweige denn, ihn aufzuarbeiten. Als sie sich 2010 schon einmal wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz vor dem Amtsgericht Hof verantworten musste, verschwieg sie diese Vorgeschichte komplett.

Wenske, auch damals Gutachter, gab jetzt zu verstehen, dass die Frau vermutlich nicht wieder straffällig geworden wäre, wenn sie sich damals schon einer gezielten Traumatherapie unterzogen hätte.

Inzwischen scheint die 41-Jährige bereit dazu zu sein. Sie hat erkannt, dass das Verdrängen der falsche Weg ist und sie nur noch tiefer in die Abhängigkeit führen wird: "Ich sehe ein, dass ich wohl in erster Linie etwas gegen das Trauma machen muss."

Sie wird laut Wenske an zwei Fronten kämpfen müssen: Das Eine ist das Trauma, das andere die Morphinsucht nach Jahre langem Missbrauch.

Der Gutachter beschrieb die dramatischen Entzugserscheinungen, die Konsumenten von Fentanylpflastern durchleben, wenn sie versuchen, abstinent zu werden. Die gelernte Krankenschwester hat das mehrfach mitgemacht und sich trotzdem immer wieder den Wirkstoff gespritzt, wenn es ihr besonders schlecht ging. Dazu kochte sie das Pflaster in einer Kochsalzlösung aus und injizierte sich die Flüssigkeit.

Verdacht am Arbeitsplatz

Der Verdacht auf Fentanyl-Missbrauch war am letzten Arbeitsplatz der Frau im Raum Coburg aufgekommen. Die Polizei ermittelte dann auch in Bamberg, wo die Pflegedienstleiterin einige Monate vorher in einem Senioren- und Pflegeheim tätig war. Auch in anderen Häusern in Bayern hatte es Ermittlungen gegen sie gegeben; sie wurden im Hinblick auf das Bamberger Verfahren eingestellt.

Das Schöffengericht hielt der Angeklagten das Geständnis und die psychischen Probleme zu Gute, ebenso, dass sie trotz ihrer Sucht immer sozial integriert gelebt und gearbeitet hat.

Dagegen musste sie sich von Richterin Aman für ihr "Altenheim-Hopping" kritisieren lassen: Die Pflegedienstleiterin hat nach dem Verbüßen der zweijährigen Freiheitsstrafe, die sie 2010 in Hof erhalten hatte, und ihrer Festnahme in Coburg Mitte 2013 - alle paar Monate den Arbeitsplatz gewechselt. Unausgesprochen stand ihre Sucht als Ursache im Raum.

Zu Lasten der 41-Jährigen wertete es das Schöffengericht auch, dass sie zumindest in einigen der zehn Fälle, um die es jetzt ging, ihre Sucht auf Kosten hilfloser alter Menschen befriedigt haben soll, für die die schmerzstillenden Pflaster gedacht waren.

In ihrem Schlusswort war die 41-Jährigen genau diesem Eindruck entgegen getreten. Die Versorgung der Schmerzpatienten hätte nicht gelitten; sie will in den allermeisten Fällen für Ersatz gesorgt haben.