Wenn Tim Kirchner seinen Beruf nennt, blickt er mitunter in fragende Gesichter. Kein Wunder. Was er macht, ist inzwischen selten geworden. Der 24-Jährige ist gelernter Seiler. Ein Handwerk, das in Deutschland nur an einem Ort gelehrt wird: in Münchberg (Landkreis Hof).

"Alle Seiler aus Deutschland kommen nach Münchberg . Wir waren 15 in der Klasse", erinnert sich Kirchner. Nach der Hauptschule hatte der Geroldsgrüner seine dreijährige Ausbildung begonnen. Jetzt arbeitet er als Seilergeselle rund 20 Kilometer nördlich seiner damaligen Textilberufsschule, bei der Firma Liros in Berg .

Seit Ende 2010 produziert sein Arbeitgeber an diesem Standort, günstig gelegen unweit der A9-Ausfahrt Berg /Bad Steben. Mitte des 19. Jahrhunderts war das Unternehmen von der Familie Rosenberger in Lichtenberg gegründet worden. Der Firmenname Liros : eine Kombination aus Ort und Gründer. Mit Kälberstricken und Garbenbändern für die Landwirtschaft fing es an. Hinzu kamen Wäscheleinen. "Wir waren einmal der größte Wäscheleinenhersteller", erzählt Sven Rosenberger. Mit seinem Cousin Karl Friedrich führt Rosenberger heute das vom Ururgroßvater gegründete Unternehmen. Die fünfte Generation setzt zu 99 Prozent auf Synthetikfasern. Und die gefertigten Seile tauchen auch nicht mehr in Ställen auf, sondern vielmehr auf Yachten.

Schon bei den Olympischen Spielen 1972 war Liros offizieller Ausrüster der Segelwettbewerbe. Auch heuer in Rio de Janeiro fuhren alle Olympiasieger mit dem Tauwerk aus oberfränkischer Produktion. Zumindest in Europa ist Liros hier klarer Marktführer. Geliefert wird aber weltweit über Groß-, Einzel- und Onlinehandel . Auch nach Australien oder in die Karibik.

Dennoch macht Liros seine rund 20 Millionen Euro Umsatz im Jahr nur zu etwa 35 Prozent mit Seilen für Yachten.

"Nahezu in jedem Gleitschirm weltweit sind wir vertreten", sagt Rosenberger. Die Oberfranken sind hier einer der drei großen Produzenten weltweit. Aber der Einsatz der Seile aus dem Hofer Land ist noch vielfältiger. Die Angebotspalette reicht von der 0,06 Millimeter dünnen Angelschnur bis hin zur Festmacherleine für Schiffe mit einem Durchmesser von bis zu fünf Zentimeter. Der Firmenkatalog umfasst 2000 Artikel. Zur Sicherung in der Baumpflege werden Liros-Seile verwendet, in Sonnenrollos oder Cabrioverdecken sind sie verbaut, aber auch in Rasenmähern oder auf Theaterbühnen zu finden. "Unser Geschäft ist sehr aufgefächert. Das macht es sehr sicher für uns", sagt Rosenberger.

Seilergeselle Tim Kirchner ist am Ende der Produktion gefragt. Mitarbeiter wie er sind fürs Veredeln der Seile zuständig: zum Beispiel, um eine Schlaufe, Öse oder einen Karabinerhaken in das Seil einzuarbeiten. Spleißen heißt der Fachbegriff. Gefertigt wird eine bruchfeste, dauerhafte, nicht lösbare Verbindung am Ende des Tauwerks. Sie ist wesentlich belastbarer als etwa eine geknotete Schlinge.

Die Reeperbahn gab's auch in Franken

Vor dieser Konfektion kommen in der Regel Maschinen zum Einsatz. Das beginnt in Lichtenberg in der Vorproduktion, wo synthetische Fasern zu einem Zwirn verdreht werden. Am Hauptsitz Berg landen diese Zwirnspulen dann in einer Halle, wo es sehr laut ist - die sogenannte Flechterei. Hunderte Maschinen lassen die Spulen im Kreis tanzen. In Höchstgeschwindigkeit werden so jeweils rund ein Dutzend Zwirne miteinander verdreht. Es entsteht das eigentliche Seil . Dieses Verdrehen oder Verdrillen nennt man in der Fachsprache auch Reepen. Es wurde früher von Hand ausgeführt, auf den sogenannten Reeperbahnen. "Auch in Lichtenberg gibt es eine historische Reeperbahn", erzählt Liros-Marketingbeauftragter Frank Gottesmann. "Ein sehr langes Gebäude. So lang die Reeperbahn war, so lange Seile konnten hier produziert werden." Heute wird der Begriff Reeperbahn in der Gesellschaft freilich nicht mehr mit fränkischer Seilfertigung, sondern nur noch mit der Stadt Hamburg in Verbindung gebracht - und in einem völlig anderen Kontext.